KN: Wiencek hat in Kiel eine Burg gebaut

THW Kiel in den Medien
Freitag, 08.03.2019 // 11:11 Uhr

Molfsee. Titel, Tore, Triumphe. Patrick Wiencek hat sich hochgearbeitet. Von ganz unten. Nach ganz oben. Titel, Tore, Triumphe - sind nur ein Teil der Geschichte des 29-jährigen Handball-Stars vom THW Kiel. Star - ein Wort, das dem Kieler Sportler des Jahres nicht behagt. Arbeit steckt nicht drin in diesen vier Buchstaben. Der Mann aus Duisburg arbeitet Handball. Der Mann aus dem Pott. Authentisch, bodenständig, liebevoller Familienvater. Ein Hausbesuch.

08.03.2019

THW: Der Kapitän packt auch zu Hause an

Hundertmal erzählt: zwei Meter und 109 Kilogramm Mensch. Dreimal deutscher Meister, zweimal Pokalsieger mit dem THW Kiel. 728 Tore für die Zebras, 133 Länderspiele, Olympia-Bronze 2016. Zahlen. Sonnabendmittag in Molfsee, Seitenstraße, die Sonne scheint, die ersten Krokusse blühen. Patrick Wiencek kommt in den Garten, auf seinem Arm Tochter Lotta (4). Lotta schmollt. Papa strahlt. Strahlt immer, wenn Ehefrau Fabiane, Lotta oder der kleine Paul (1) in der Nähe sind. Ruht in sich, ganz warm, ganz sanft, ganz anders als auf dem Spielfeld. Ein Handball-Koloss und eine kleine Vierjährige in Papas Armen. Von hier aus erzählen wir eine Geschichte von Patrick Wiencek, die es fast nicht gegeben hätte.

Zu unbeweglich, zu moppelig, lautet das Urteil der Trainer. Als Jugendlicher wird Wiencek aus der Niederrhein-Auswahl aussortiert. "Mit 14 ist der Traum geplatzt", erinnert sich der Nationalkreisläufer. Und kann heute darüber lachen. Denn: "Mit 19 war ich Junioren-Weltmeister." Hochgearbeitet. Er macht eine Ausbildung zum Anlagenmechaniker. Schicht von 7 bis 16.30 Uhr. "Abends bin ich dann zum Training gefahren, erst nach Düsseldorf, dann nach Solingen." 2008 der Wechsel zu TuSEM Essen. Dem Klub droht die Insolvenz, die Reihen im Kader lichten sich. Für den 19-jährigen Wiencek ein Glücksfall. Ironie des Schicksals: "Ich konnte gleich in meinem ersten Männerjahr viel spielen."

Andreas und Edith Wiencek in Duisburg-Walsum ahnen zu diesem Zeitpunkt noch nichts von der Karriere, die ihrem Sohn bevorsteht. Beide sind als Jugendliche aus Polen nach Deutschland gekommen. Sie stammen aus Schlesien und von der Ostsee. Wienceks Großvater und Onkel malochen untertage, Andreas wird Maurer bei Thyssenkrupp. Ruhrpott. "Ich bin im Ruhrgebiet aufgewachsen und habe gelernt, dass man für alles hart arbeiten muss", sagt Patrick Wiencek.

Lotta schmollt nicht mehr. Es gibt Eis. Der Esstisch ist das gemütliche Zentrum der Familie in Molfsee. Die Trophäe für den "Kieler Sportler des Jahres" steht auf der Fensterbank in Sichtweite. Paul ist von seinem Mittagsschlaf aufgewacht. Eine Partie Memory lässt sich am Wohnzimmertisch allerdings entspannter spielen. Dann sind Tipi und Holzpferd auch nicht mehr weit. Wer auch nur eine Ahnung von Patrick Wiencek hat, weiß, wie dem blonden Hünen beim Wildwest-Getümmel mit Lotta das Herz aufgeht. 

In Molfsee haben Patrick und Fabiane ihrer kleinen Familie eine Burg gebaut. Im wahrsten Sinne. Wiencek lacht: "Wir hatten zweimal Handwerker im Haus. Dann habe ich die Rechnung gesehen und gedacht: Das kann ich lieber selbst machen." Das ist kein Kokettieren. Bodenständig. 2014 - mitten in der Saisonvorbereitung - kommt Vater Andreas nach Kiel. Die Heizungs- und Wasserinstallation in Molfsee übernimmt Patrick beim Sanieren des neuen alten Heimes selbst, verlegt alle Rohre. Beim Carport-Abriss halfen jüngst THW-Betreuer Michael "Memel" Menzel und Ex-Rechtsaußen Christian Sprenger. Menzel und Ehefrau Sylvia sind zudem "Ersatz-Großeltern". Als nächstes stehen rund ums Haus Pflasterarbeiten an. Maloche. 

Das ist die Burg der Wienceks, das ist nicht irgendeine Bleibe. "Wir fühlen uns wohl in Kiel", sagt Wiencek, spricht von "Sicherheit bis 2023". So lange läuft sein Vertrag noch beim THW. Dann wäre er elf Jahre lang an der Förde. Eine Handball-Ewigkeit. "Es ist eine Option, danach im Norden zu bleiben", sagt die Rheinländerin Fabiane. Noch so eine Ironie des Schicksals: 2011 wird Wiencek vom Gummersbacher Trainer Sead Hasanefendic suspendiert, weil er seinen Wechsel nach Kiel 2012 ankündigt. Es kommt zur bilateralen Vereinskrise, Wiencek muss auf die Tribüne. "In dieser Phase hatte ich viel Zeit, habe Fabi kennengelernt." Wiencek packt bei seinem Vater mit an, bricht sich bei der Arbeit mit einem Bohrhammer die Hand. Auch das stoppt ihn nicht. Er wird erneut für die Nationalmannschaft nominiert, steuert auf sein erstes großes Turnier - die EM 2012 - zu, wird beim VfL begnadigt, holt den Europapokal der Pokalsieger und wechselt im Sommer 2012 nach Kiel.

Tief im Westen. "Ich weiß, woher ich komme", sagt Patrick Wiencek. Duisburg, ich komm’ aus dir, Duisburg, ich häng’ an dir. Wiencek hatte eine Dauerkarte für den MSV. Blau-Weiß. Zebras. Reist als Fan nach Burghausen, Cottbus, Nürnberg. Identifikation. Ruhrpott. Currywurst, Pommes, Mayo: Kult! Am vergangenen Dienstag besucht Wiencek das Konzert von Herbert Grönemeyer in der Kieler Sparkassen-Arena. Ruhrpott trifft Ruhrpott. In Kiel. Hoch im Norden.

Der wahrscheinlich beste deutsche Abwehrspieler, der "Handballer des Jahres", Kieler Sportler des Jahres, der Unkaputtbare, Defensiv-Dirigent - er will gar nicht weg aus dem Norden. Nicht nach Paris, Barcelona, Kielce. "Ich bin zufrieden mit dem, was ich habe. Wenn ich mir andere Klubs, zum Beispiel Veszprém, anschaue, weiß ich: Geld allein macht nicht glücklich." Schon lange schmollt niemand mehr. Lotta strahlt, Paul strahlt, Memory am Wohnzimmertisch. Im Keller faulenzen die drei Gelbwangenschildkröten Horst, Erwin und Megan. Auf der Werkbank wartet Lottas kleines Laufrad auf die Reparatur. Die Sauna ist gerade erst eingeweiht. Eine Wohe lang selbst eingebaut - versteht sich. 

Titel, Tore, Triumphe - Patrick Wiencek, der emotionale Anführer des THW Kiel 2019, will die Meisterschale zurück nach Kiel holen ("Drei Jahre sind eine lange Zeit"), blickt auf die Olympischen Spiele 2020 in Tokio, will Medaillen gewinnen. Titel, Tore, Triumphe - nur die halbe Geschichte. Die Krokusse blühen. Wiencek strahlt. Der Mann aus dem Ruhrpott hat sich hochgearbeitet. Von ganz unten. Nach ganz oben.

(Von Tamo Schwarz, aus den Kieler Nachrichten vom 08.03.2019, Foto: Sascha Klahn)