Ernüchterung nach dem Heim-Unentschieden der Kieler Rumpftruppe gegen Leipzig

Bundesliga

Ernüchterung nach dem Heim-Unentschieden der Kieler Rumpftruppe gegen Leipzig

Der von Verletzungen gebeutelte THW Kiel ist gegen den Tabellenletzten SC DHfK Leipzig nicht über ein Unentschieden hinausgekommen. Enttäuschung bei der Kieler Rumpftruppe, Ernüchterung bei ihren zahlreichen Fans: Vor 9991 Zuschauern in der Merkur Ostseehalle trennten sich die beiden Mannschaften nach weitestgehend ausgeglichenen 60 Minuten und einer spannenden Schlussphase mit 28:28 (14:13). Ein Zähler, der den Leipzigern im Absitegskampf wesentlich mehr hilft als den Zebras, die durch die achte Punkteteilung der Saison in der DAIKIN Handball-Bundesliga nicht voran kommen. 30 Sekunden vor dem Abpfiff hatte Harald Reinkind seine Farben unter dem Jubel der "weißen Wand" mit seinem fünften Treffer 28:27 in Front geworfen, doch fünf Sekunden vor dem Schlusspfiff glichen die Sachsen zum verdienten Remis aus.

Mrkva nervte seine ehemaligen Kollegen

Ein Handballtorwart in einem gelben Trikot streckt seine Arme aus, um einen Schuss abzufangen, während Spieler in grün-weißen Trikots in der Nähe des Tores um die Wette spielen. Die Zuschauer verfolgen das Geschehen von der Tribüne im Hintergrund.Nicht nur Kapitän Domagoj Duvnjak fand klare Worte nach der Enttäuschung: "Wir machen Fehler in der Abwehr, fabrizieren Mist im Angriff. Wenn die Gegner dann merken, dass es gegen uns was zu gewinnen gibt, geben sie 120 Prozent und mehr. Ich selbst mache dann Fehler, andere auch, insgesamt zieht Chaos in unser Spiel ein, es gibt keine Sicherheit. Das hat dieser Verein und das haben vor allem unsere Fans nicht verdient." Erfolgreichster Werfer bei den Zebras war Nikola Bilyk, der sechsmal traf. Für den SC DHfK Leipzig glänzte Rechtsaußen Staffan Peter, der in nur 30 Minuten der zweiten Halbzeit acht Tore erzielte und auch den letzten Wurf aus schwierigem Winkel sicher verwandelte. "Matchwinner" beim Unentschieden war für die Gäste aber ausgerechnet Torhüter Tomas Mrkva: Der Tscheche machte zwölf Bälle seiner ehemaligen Mitspieler unschädlich.

Gleich fünf Zebras fehlten

Ein männlicher Handballspieler in einem weiß-schwarzen Trikot springt, um den Ball zu werfen, während Spieler in grünen Trikots den Ball verteidigen. Die Szene spielt sich in einer vollbesetzten Halle ab, in der Zuschauer zuschauen.Personalprobleme verfolgen die Zebras bereits seit zwei Jahren und auch in gesamten aktuellen Saison. Doch jetzt erwischte es das Team von Filip Jicha besonders schwer: Trotz zweiwöchiger Spielpause fehlten dem THW-Trainer fünf Stammkräfte, darunter gleich drei Rückraum-Entscheidungsspieler, die eigentlich das Kieler Spiel tragen sollten: Neben dem Langzeitverletzten Emil Madsen (Knie-OP) waren auch Elias Ellefsen á Skipagötu (Schulter), Bence Imre (Infekt), Veron Nacinovic (Nasenbruch) und Eric Johansson (Knie) nicht dabei. Ein riesiges Handicap also für die elf verbliebenen Kieler Feldspieler, die für alle Fälle mit Johan Rohwer einen weiteren A-Jugendlichen neben Rasmus Ankermann zur Seite gestellt bekamen. Rohwer kam allerdings nicht zum Einsatz. Anders als "Heimkehrer" Tomas Mrkva, der in der vergangenen Saison noch zwischen den THW-Pfosten stand: Der bekam  einen lautstarken und freundlichen Empfang an alter Wirkungsstätte, bekam in der Anfangsphase allerdings keine Hand an den Ball: Die Zebras fanden glänzend in die Partie hinein. 

Kieler Start nach Maß

Ein Handballspieler in einem schwarz-weißen Trikot springt in der Luft, um den Ball zu werfen, während die gegnerischen Spieler in grünen Trikots abwehrend zusehen. Das Geschehen spielt sich in einer überfüllten Sporthalle ab.Die Kieler starteten mit dem Rückraum-Trio Nikola Bilyk, Domagoj Duvnjak und Harald Reinkind. Zwischen den THW-Pfosten stand Andreas Wolff, und im Kieler Abwehr-Mittelblock waren zunächst Hendrik Pekeler und Lukas Laube fürs Tore verhindern zuständig. Laube eröffnete den Torreigen nach glänzendem Anspiel von Bilyk, Zerbe war für das 2:0 verantwortlich, Laube traf nach vier Minuten zum zweiten Mal. Und nach dem Doppelschlag von Bilyk und dem Rückraum-Hammer von Reinkind lagen die Kieler schnell mit 6:2 vorn. Ein THW-Start nach Maß. Die Sachsen ließen sich allerdings nicht beirren: Mrkva avancierte an alter Wirkungsstätte zum starken Rückhalt, und nach einem 3:0-Lauf waren die Gäste nach 14 Minuten wieder dran. 5:6. Gut, dass Lukas Zerbe die Kieler Torflaute beendete, zum 7:5 einnetzte. Der Schwung der Kieler Anfangsminuten war allerdings dahin, massiv gestört von einer Leipziger Abwehr, die von Minute zu Minute sicherer wurde und so auch dem Angriff Flügel verlieg. Nationalspieler Franz Semper wuchtete die Lederkugel in der 20. Minute zum 8:8 in die Kieler Maschen.

Zebras wollen die Partie in den griff bekommen

Ein männlicher Handballspieler in einem schwarz-weiß gestreiften Trikot mit der Nummer 22 jubelt auf dem Spielfeld, während ein anderer Spieler in einem grünen Trikot unscharf im Hintergrund steht. Auf der Tribüne sind Zuschauer zu sehen.Filip Jicha brachte in der 20. Minute Youngster Rasmus Ankermann, der Kraft und Tempo freimachte, dem Team mit guten Anspielen und Durchbrüchen neuen Schwung verlieh. Bis zum Pausenpfiff reichte es dennoch nur zu einer knappen 14:13-Führung, die Harald Reinkind mit Wucht aus dem Rückraum erzielte. Leipzig kehrte aber mit viel Selbstvertrauen in die zweite Halbzeit zurück, doch die Kieler waren sichtlich bemüht, das Geschehen mit viel Kampfgeist in die eigenen Hände zu bekommen: Zerbe kämpfte aufopferungsvoll um jeden Ball, bereitete die 17:15-Führung durch Duvnjak mit gewonnenem Ball im Hechtsprung vor. 17:15 stand es nach 37 Minuten, die Fans hofften auf mehr. Aber die Kieler Abwehr hatte jetzt vor allem Probleme mit Staffan Peter, der auf Rechtsaußen glänzend freigespielt wurde und mit hoher Abschlussquote glänzte - was auch Gonzalo Perez de Vargas nicht verhindern konnte. Dennoch: Nach dem 22:20 durch den dritten Treffer von Magnus Landin und der folgenden Glanzparade von Perez de Vargas gegen Peter, hatten die Zebras im Angriff bei Sieben gegen Sechs die Chance auf eine höhere Führung. Reinkind scheiterte allerdings an Mrkva, leistete sich wenig später einen folgenschweren Fehlpass, der zum 22:22 im leeren Kieler Tor landete.

Achtes Unentschieden der Kieler

Ein männlicher Handballspieler in einem weißen Trikot bereitet sich darauf vor, einen gelben Ball während eines Spiels zu werfen. Der Hintergrund ist unscharf und deutet auf eine Halle mit Zuschauern hin.So blieben beide Teams auf Augenhöhe. Und nachdem die Gäste bei Gleichstand zweimal gescheitert waren, traf Dean Bombac in der 54. Minute zur ersten Gästeführung der Partie. Youngster Ankermann traf zum 25:25, war wenig später nur auf Kosten eines Siebenmeters zu bremsen, den Lukas Zerbe in der 57. Minute nervenstark zum 26:26 in die Leipziger Maschen jagte. Nach starker Parade von Perez de Vargas gegen Klima hatten dann die Zebras ihre Nase wieder vorn: Magnus Landin war in der 59. Minute zum 27:26 erfolgreich. Die Spannung stieg, Gästetrainer Carstens nahm seine letzte Auszeit, Klima traf und nach der erneuten THW-Führung durch Harald Reinkind blieben den Gästen 30 Sekunden. Leipzig nutzte die Chance, Peter war zur Stelle, traf zum von den Leizigern umjubelten Remis, sorgte gleichzeitig für enttäuschte Gesichter in Reihen der Gastgeber.

Text: Reimer Plöhn / Fotos: Sascha Klahn

DAIKIN Handball-Bundesliga, 29. Spieltag: THW Kiel - SC DHfK Leipzig: 28:28 (14:13)

THW Kiel: Perez de Vargas (31.-60., 4 Paraden), Wolff (1.-30., 3 Paraden); Duvnjak (2), Reinkind (5), Landin (4), Överby, Laube (4), Ankermann (1), Dahmke (n.e.), Zerbe (3/2), Rohwer (n.e.), Abdelhak, Bilyk (6), Pekeler (2); Trainer: Jicha
SC DHfK Leipzig: Ebner (n.e.), Mrkva (1.-60., 12 Paraden); Piroch, Krzikalla (1/1), Binder (4), Klima (1), Mamic, Nasralla, Peter (8), Bogojevic (2), Preuss (2), Gauer, Semper (4), Rogan (3), Hinriksson (1/1), Bombac (2); Trainer: Carstens

Schiedsrichter: Marvin Cesnik/Jonas Konrad
Zeitstrafen: THW: 1 (Duvnjak (39.)) / Leipzig: 1 Bogojevic (6.))
Siebenmeter: THW: 2/2 / Leipzig: 3/2 (Peter an die Latte (52.))
Spielfilm: 2:0 (2.), 4:2 (6), 6:2 (9.), 6:5 (14.), 8:6 (16.), 8:8 (19.), 11:9 (24.), 11:11, 13:13 (30.), 14:13;
2. Hz.: 15:15, 17:15 (38.), 18:16, 18:18 (40.), 20:20 (43.), 22:20 (45.), 24:23 (49.), 24:25 (54.), 25:26, 27:26 (59.), 28:27 (60.), 28:28.
Zuschauer: 9.991 (Merkur Ostseehalle, Kiel)

Stimmen zum Spiel: 

THW-Trainer Filip Jicha: Meine Jungs waren bereit, heute auch mit diesem kleinen Kader die Aufgabe anzugehen. Jeder von uns wusste, was auf ihn zukommt, und so sind wir auch in die Partie gestartet – nämlich richtig gut. Aber 13 Technische Fehler in einem engen, ausgeglichenen Bundesliga-Spiel sind einfach bitter. Und so wurde die Deckung von Leipzig von Minute zu Minute engagierter und hat uns das Leben noch schwerer gemacht. Der siebte Feldspieler hat uns dann wieder ins Spiel gebracht, bis auf die Technischen Fehler -Sport ist eben manchmal undankbar. Dienstag wartet das nächste wichtige Spiel in einer Saison, in der es auf und ab geht, sich bittere und süße Momente abwechseln. Wir werden nach Kroatien reisen und uns der Aufgabe stellen. Das Gute ist, dass wir Dienstag in Nasice bei Null anfangen, wenn alle bitteren Pillen von heute geschluckt sind. Ob dann einige Spieler zurückkehren, kann ich nicht sagen. Natürlich hoffe ich darauf, dafür muss der medizinische Stab aber grünes Licht geben. Derjenige Spieler, der spielen darf und sich dazu in der Lage fühlt, wird spielen.

Leipzigs Trainer Frank Carstens: Ich bin sehr zufrieden, dass wir einen Punkt mitnehmen konnten. Wir wussten um die großen personellen Probleme des THW Kiel, das hat bei uns vielleicht sogar zusätzliche Kräfte freigesetzt. Bisher haben uns Chancen aber häufig verkrampfen lassen, das war heute nicht so. Wir sind sehr ruhig geblieben und standen gut in der Deckung mit einem Tomas Mrkva, der uns mit seinen Paraden sehr geholfen hat. So konnten wir uns insgesamt von Minute zu Minute mehr Sicherheit erarbeiten und machen am Ende das Tor über Rechtsaußen. Ich finde, unsere Leistung in diesem sehr intensiven Spiel mit großem Kampf auf beiden Seiten hatte heute Zählbares verdient.

THW-Kreisläufer Lukas Laube bei Dyn: Wir starten gut in die Partie, stehen dann aber nicht mehr gut in der Abwehr. Vorn verwerfen wir dann unsere Chancen und lassen Leipzig damit ins Spiel kommen. Dienstag steht ein nächstes extrem wichtiges Spiel für unsere Ziele an: Wir wollen nach Hamburg, und dafür werden wir nach der Analyse des heutigen Spiels alles reinwerfen in Nexe.

THW-Rückraumspieler Harald Reinkind: Es tut weh, wenn wir uns vor dieser Kulisse so präsentieren. Wir haben die zwei Wochen gut trainiert, und diesen Auftritt möchte ich auch nicht mit den Ausfällen entschuldigen. Die Jungs, die heute auf der Platte standen, hätten den Sieg nach Hause bringen können. Wir haben alles versucht, die Lösung haben wir aber nicht gefunden. Und so hätte Leipzig auch zwei Punkte mitnehmen können.