Der Traum lebt weiter: Wir sind Kiel steht nach Krimi gegen Montpellier im Finale!

European League

Der Traum lebt weiter: Wir sind Kiel steht nach Krimi gegen Montpellier im Finale!

Finale! Nach einem nervenaufreibenden Handball-Krimi mit wechselnden Führungen und allen Nuancen, die die Sportart zu bieten hat, gewann der THW Kiel das erste Semifinale der Winimax EHF Finals. Der Kieler Traum in der European League lebt also weiter: Die Zebras und ihre grandiose "weiße Wand" bejubelten gegen Montpellier HB am Sonnabendmittag den 29:28 (15:12)-Erfolg. Im Finale am Sonntag treffen die Zebras um 18 Uhr auf die MT Melsungen, die im zweiten Halbfinale dem Titelverteidiger SG Flensburg-Handewitt keine Chance ließ und sicch damit zum Turnierfavoriten aufschwang. Das entscheidende Tor zum Finale erzielte Eric Johansson zehn Sekunden vor dem Abpfiff, Matchwinner aber war Torhüter Andreas Wolff, der in den Schlusssekunden mit einer Doppelparade gegen dos Santos und Moraes den hauchdünnen Vorsprung über die Zeit rettete. 

Weisse Wand ist bereit

Eine große Menge von Fans, viele in weißen Hemden, füllen die Sitze einer Sporthalle. Auf Bannern steht WIR SIND KIEL. Einige Menschen stehen, während die meisten sitzen und das Geschehen aufmerksam verfolgen.Mehr als 2500 Kieler Fans hatten sich auf die kurze Reise in die Hansestadt gemacht und wollten ihre Mannschaft ins Finale schreien -  Gänsehaut-Atmosphäre bereits vor dem Anpfiff. Die Partie begann dann allerdings ungewöhnlich, schon nach wenigen Sekunden entschied das kroatische Schiedsrichtergespann nach einem Wurf unter die Kieler Torlatte auf Videobeweis. Tor oder kein Tor? Zum Glück für den THW hatte der Wurf die Torlinie nicht überschritten, im Gegenzug markierte Eric Johansson die 1:0-Führung, die Porte wenige Sekunden später per Tempogegenstoß egalisierte. In den ersten Minuten taten sich beide Teams im Angriff schwer, das Unentschieden hatte sechs Minuten Bestand. Bis zur 15 . Minute agierten die Mannschaften auf Augenhöhe: Die Franzosen legten vor, Kiel glich aus. Mit zunehmender Spielzeit übernahmen aber die Zebras das Kommando. Der Rückraum mit Nikola Bilyk, Johansson und Harald Reinkind bestimmte die Gangart, legte die Grundlage mit einem 3:0-Lauf für den ersten deutlichen Vorsprung in der 19. Minute zum 10:7 - Johansson setzte sich im Rückraum durch, Mohab Abdelhak nagelte das Spielgerät mit Wucht unter die Torlatte der Franzosen und Veron Nacinovic traf gegen seine ehemaligen Mitspieler vom Kreis. Die Vorarbeit hatte Johansson geleistet, der sich eine ganze Reihe spektakuläre Assists ins Statistik-Heft schreiben konnte. 

Strafwurf-Fehlerfestival

Ein starker Rückhalt war zudem Andy Wolff im Kieler Tor, der mehrfach glänzend parierte, unter anderem einen ersten Siebenmeter der Franzosen durch Balaguer unschädlich machte. Überhaupt die Strafwürfe in diesem mitreißenden Spiel: Die Franzosen bekamen acht zugesprochen, trafen nur zweimal. Dreimal war Andy Wolff zur Stelle, dreimal trafen die Franzosen nur Latte oder Pfosten. Auf der anderen Seite landete auch nur einer von vier Kieler Strafwürfen im Montpellier-Tornetz. Lukas Zerbe traf, scheiterte einmal an Torhüter Desbonnet, einmal an der Torlatte, außerdem war auch für Bence Imre Endstation bei Desbonnet. Gut, dass Lukas Zerbe den Nachwurf verwertete.

Franzosen drehen die Partie

Ein Handballspieler in einem weiß-schwarzen Trikot springt und bereitet sich auf den Wurf vor, während ein gegnerischer Spieler in einem dunkelgrauen und orangefarbenen Trikot zuschaut. Das Spiel findet in einer überfüllten Halle statt.Seine beste Phase erwischte der THW von der 15. bis zur 25. Minute. Das Zusammenspiel mit dem Kreis klappte und der Rückraum war ebenfalls ein ständiger Gefahrenherd. So zogen die Kieler bis zur 25. Minute auf 15:10 davon, hatten die Partie vollkommen im Griff. Montpellier aber hatte Antworten, kam per Doppelschlag von Lenne noch vor der Pause auf 12:15 heran und bestimmte die ersten zehn Minuten der zweiten Halbzeit: Die Franzosen hatten sich gut auf den THW-Rückraum eingestellt, vertraute jetzt auf eine gute, fest zupackende Deckung, an der sich die Zebras lange die Zähne ausbissen. Lenne war schließlich für den Gleichstand zum 16:16 in der 38. Minute verantwortlich. Hendrik Pekeler erzielte die erneute THW-Führung, Johansson traf zum 18:17. Doch dann kochte der Kieler Angriff auf Sparflamme. Zerbe scheiterte an Desbonnet, auch Reinkind, Bilyk und Johansson ließen gute Möglichkeiten liegen. Desbonnet wurde zum Faktor, und so drehte sich rund um die 40. Minute das Spiel komplett in Richtung der Franzosen, die beim 20:18 erstmals mit zwei Toren führten. 

Jichas Auszeit bringt Erfolg

THW-Trainer Filip Jicha nahm die Auszeit. Höchste Zeit für eine Kieler Reaktion: In der Abwehr setzte Jicha jetzt auf eine offensive 3:2:1-Deckung mit Domagoj Duvnjak in vorgezogener Position. Und auf den siebten Feldspieler im Angriff, um die Kieler Offensive gegen den geballten, immer massiver Beton anmischenden Abwehrblock des aktuellen französischen Meisters breiter agieren zu lassen. Ein Risiko gegen das Wahnsinns-Umschaltspiel der Franzosen. Aber eines mit Erfolg. Die Abwehr wurde zum Bollwerk und vorne traf Magnus Landin, der auch in der Abwehr eine starke Partie bot, dreimal. Außerdem waren Reinkind und Johansson erfolgreich: Kiel bog auf die Siegerstraße ein, legte in der 49. Minute die 24:21-Führung vor. Das Spiel war wieder auf die andere Seite gekippt.

Thriller für Nervenstarke

Ein Handballspieler in einem weißen Trikot rennt und zeigt nach vorne, um auf einem Hallenplatz zu jubeln, während andere Spieler in weißen und dunklen Trikots im Hintergrund zu sehen sind. Auf einer blauen LED-Anzeige steht HANDBALL.

Auch nach 53 Minuten lagen die Schwarz-Weißen mit drei Toren vorn. 27:24. Der Sieg war in greifbarer Nähe. Aber Montpellier raffte sich erneut auf, besaß in Desbonnet einen überragenden Rückhalt. Und dem THW Kiel kam in einigen Situation die zuvor ausgestrahlte Ruhe ein wenig abhanden. Ausgerechnet Routinier Domagoj Duvnjak unterlief ein Abspielfehler, der zum 27:28-Anschluss der Franzosen durch den erst zweiten verwandelten von insgesamt acht Siebenmetern führte. Und als dos Santos in der 58. Minute traf, war der Gleichstand wiederhergestellt. 28:28. So wurde es am Ende richtig dramatisch. 70 Sekunden vor dem Ende waren die Franzosen erneut in Ballbesitz, bissen sich an der aufopferungsvoll kämpfenden Kieler Abwehr aber die Zähne aus. Filip Jicha drückte 31 Sekunden vor dem Ende auf den Buzzer, rief zur letzten Auszeit: Der Rest war Johansson, Andi Wolffs Doppelparade und grenzenloser Jubel in Weiß.

Noch Final-Tickets erhältlich

Ein Handballtorhüter in einem roten Trikot führt einen Fallrückzieher aus, indem er sein linkes Bein nach oben streckt, während er einen Ball abwehrt. Im Hintergrund sind Fotografen und ein Schiedsrichter auf dem Spielfeld zu sehen.Abpfiff, Riesenjubel bei den Zebras, die ihren Torhüter herzten und ihren über 2500 Fans auf der Tribüne der Barclays-Arena. "Das war wirklich harte Arbeit, bei der wir am Ende mit ein bisschen Glück das bessere Ende für uns hatten", freute sich Kapitän Domagoj Duvnjak über den so wichtigen Sieg seiner Mannschaft. "Über das Spiel sollten wir nicht viel sprechen, wichtig ist allein der Sieg. Wir müssen jetzt runterkommen, uns nur noch auf das Finale morgen konzentrieren." Kiel ist bereit für das Finale in der EHF European League! Um 18 Uhr treffen die Zebras am Sonntag auf die MT Melsungen, die im zweiten Halbfinale klar mit 37:30 gegen die SG Flensburg-Handewitt siegte. "Der Gegner war uns eigentlich egal. Wir freuen uns einfach riesig auf dieses Finale", sagte Duvnjak. "Kaputt vom Halbfinale? Das zählt nicht. Im Finale wird jeder alles geben. Gemeinsam mit unseren Fans wollen wir uns jetzt unseren großen Traum bei diesem Saison-Highlight erfüllen!" Wer den THW Kiel im Finale unterstützen möchte, kann dies live vor Ort tun: Im Ticketshop der EHF gibt es ab sofort noch Tagestickets in allen Kategorien. DAZNDyn und der Free-TV-Sender "DF1" übertragen live.Weiter geht’s im Finale, Kiel!

Text: Reimer Plöhn / Fotos: THW Kiel

Winamax EHF Finals, Halbfinale: Montpellier HB (FRA) - THW Kiel: 28:29 (12:15)

Montpellier HB: Bolzinger (n.e.), Desbonnet (1.-60., 18/2 Paraden); Simonet, Villeminot (1/1), Srna (3), Moraes (2), Casado (2), Lenne (3), Richert, Guigon, Monte dos Santos (3), Caille, Porte (4), Balaguer (9/1), Plantin, Prat; Trainer: Mathé
THW Kiel: Perez de Vargas (n.e.), Wolff (1.-60., 13/3 Paraden); Duvnjak, Reinkind (3), Landin (4), Överby (n.e.), Laube (4), Johansson (6), Ankermann, Dahmke, Zerbe (2/1), Abdelhak (1), Bilyk (2), Pekeler (2), Imre, Nacinovic (3); Trainer: Jicha

Schiedsrichter: Tomislav Cindric / Robert Gonzurek (CRO)
Zeitstrafen: MHB: 0 / THW: 5 (Bilyk (5.), 2x Reinkind (16., 60.), Laube (21.), Pekeler (31.))
Siebenmeter: MHB: 8/2 (Villeminot an den Pfosten (6.), Wolff hält Villeminot (9.), Balaguer an die Latte (21.), Wolff hält Balaguer (34.), Plantin an die Latte (44.), Wolff hält Richert (48.)) / THW: 4/1 (Zerbe an die Latte (3.), Desbonnet hält Zerbe (41.) und Imre (49.))
Spielfilm: 0:1 (2.), 2:1 (7.), 3:2, 3:4 (9.), 5:5 (12.), 5:7 (13.), 7:7 (17.), 8:10 (19.), 8:12 (21.), 10:13 (24.), 10:15 (25.), 12:15.
2. Hz.: 13:15 (31.), 13:16 (31.), 16:16 (38.), 17:18 (39.), 20:18 (41.), 21:19, 21:24 (49.), 24:27 (52.), 26:27 (54.), 28:28 (58.), 28:29.
Zuschauer: 11023 (Barclays Arena, Hamburg)

Stimmen zum Spiel: 

THW-Trainer Filip Jicha: Es war ein typisches Halbfinale beim Final4 – geprägt von vielen Emotionen, technischen Fehlern und Nervosität auf beiden Seiten, aber auch von enormer Intensität und großem Kampfgeist. In der ersten Halbzeit hatten wir dank unserer Kreisläufer die Oberhand: Wir erzielten mehrere Tore in Folge, standen defensiv hervorragend und Andy zeigte eine starke Leistung. Doch wir wussten – wie so oft in einem solchen Halbfinale –, dass Montpellier zurückschlagen würde. Sie setzten uns massiv unter Druck; wir kamen schlecht aus der Pause und gerieten mit zwei Toren in Rückstand. Dann haben wir auf den siebten Feldspieler gesetzt – das hat hervorragend funktioniert. Das und unsere offensivere Abwehrformation brachte uns wieder ins Spiel zurück. Der letzte Angriff war sinnbildlich für ein solches Finalturnier. Andy hat ein großartiges Spiel gemacht, und ich habe riesigen Respekt vor meinen Jungs, die zehn Minuten lang in Unterzahl agieren mussten – was gegen eine Mannschaft wie Montpellier alles andere als einfach ist.

MHB-Trainer Erick Mathé: Es war vor allem eine Frage der Mentalität. Es war ein sehr gutes Spiel, geprägt von viel Kampf und Einsatz - eine äußerst spannende Begegnung. Beide Mannschaften wirkten zu Beginn sehr nervös, und der Spielstand blieb durchgehend eng. Ich bin stolz auf mein Team, darauf, wie es sich zurückgekämpft und das Spiel noch gedreht hat. Das zeugt von großem Charakter - insbesondere nach einer für uns schwierigen Woche mit dem französischen Pokalfinale am Sonntag, einem Ligaspiel am Dienstag und der heutigen Partie. Letztendlich war es genauso knapp wie im vergangenen Jahr - nur mit umgekehrtem Ausgang.

THW-Torhüter Andreas Wolff: Filip hat uns in den letzten beiden Trainingseinheiten Siebenmeter werfen lassen und genau für dieses Szenario heute geübt. Das hat uns enorm geholfen, und ich bin froh, dass ich der Mannschaft auf diese Weise helfen konnte. Ich habe immer daran geglaubt, dass wir gewinnen können, aber wir hatten unsere Schwierigkeiten. Wir lagen mit einigen Toren in Führung, doch dann kämpfte sich Montpellier tapfer zurück. Sie setzten uns stark unter Druck, und wir konnten nicht mehr so viele Tore erzielen wie in der ersten Halbzeit. Letztendlich haben wir jedoch eine großartige Mentalität bewiesen: Wir haben uns nach dem Rückstand zurückgekämpft und dieses Spiel gewonnen. Letztes Jahr waren wir noch die Verlierer, nun sind wir die Sieger. Aber das heutige Spiel hat jetzt schon keine allzu große Bedeutung mehr: Morgen steht das Spiel an, für das wir eigentlich hergekommen sind – und wir sind hier, um uns den Titel zu holen.

THW-Rechtsaußen Lukas Zerbe: Das Sieben-gegen-Sechs war heute der Schlüssel. Wir blieben cool, als wir in Überzahl spielten; wir warteten geduldig auf unsere Chancen. Dadurch hatten wir am Ende noch etwas mehr Kraftreserven. Wir haben zwar zu viele Siebenmeter verworfen, aber wir wissen auch, wozu unsere Torhüter fähig sind. In jeder Trainingseinheit sind Andy und Gonzalo wahre ‚Killer‘ bei Siebenmetern; wir wissen also, dass wir uns jederzeit auf sie verlassen können. Das hat Andi heute erneut unter Beweis gestellt.