Gierige Generalprobe

THW Kiel in den Medien
Donnerstag, 15.08.2019 // 08:47 Uhr

Kiel. Nicht selten argwöhnen Schauspieler und Regie am Theater, die Premiere könne nur in einem Desaster münden, wenn die Generalprobe gelingt. Gelungen, aber nicht perfekt war die Generalprobe des THW Kiel am Mittwochabend beim "Rewe Cup" in der heimischen Sparkassen-Arena. Das Testspiel gegen Paris Saint-Germain fühlte sich eher wie ein Pflichtspiel an, beglückte die 8904 im weiten Rund mit viel Intensität, Mut und einem 34:30 (14:14)-Happy-End. Platz für Aberglauben gab es indes nicht.

Der THW Kiel besiegt Paris Saint-Germain beim "Rewe Cup"

Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen: Da bittet der Handball-Rekordmeister zum letzten Härtetest vor dem Saisonstart am Wochenende im DHB-Pokal in Baunatal und bietet seinen Fans gleich ein ganzes Starensemble. Mikkel Hansen, Nikola Karabatic und Zebra in spe Sander Sagosen kamen, angeführt vom neuen PSG-Sportkoordinator und Ex-Zebra Thierry Omeyer ("Der THW ist für mich der große Favorit auf den Meistertitel"). Es werden unterhaltsame 60 Minuten. 

Weltklasse-Gegner hin oder her - THW-Chefcoach Filip Jicha nutzt den letzten Test auch für weiteres Finetuning, bringt Neuzugang Pavel Horak von Beginn an im Abwehr-Innenblock und den zuletzt so lange verletzten Island-Youngster Gisli Kristjánsson noch vor der Pause als Rückraum-Regisseur. Der 20-Jährige strahlt sofort Gefahr aus, nutzt seine Minuten, unterstreicht den Hunger, mit dem der Double-Gewinner der Vorsaison gierig in die neue Spielzeit startet. Das gilt auch für Nikola Bilyk, mit sieben Treffern erfolgreichster Torschütze auf Seiten des Gastgebers. Jicha zeigt sich später zufrieden - "mit dem Engagement, mit der Leidenschaft, mit der Teamarbeit". Und mit seiner Hintermannschaft. "Paris mit seinem Extraklasse-Rückraum und seinen Kreuzungen, das war unfassbare Arbeit für meine Abwehr, und das klappte schon gut."

Hendrik Pekeler und Pavel Horak, später Patrick Wiencek und Horak, verschieben, bringen die Deckung in Bewegung, verdichten. Die Halben gehen phasenweise weit raus, machen auch dem Pariser Superstar und künftigen Kieler Sander Sagosen das Leben schwer. Glänzen kann Sagosen nicht, auch wenn er sich nur allzu gern schillernder in der Kieler Arena präsentiert hätte. "Nicht gut", lautet sein erstes trockenes Resümee auf Deutsch. "Das war unser erstes Vorbereitungsspiel. Wir haben viele technische Fehler gemacht. Es hat trotzdem Spaß gemacht - wo spielt man sonst ein Testspiel vor fast 10 000 Zuschauern?"

Miha Zarabec und Lukas Nilsson werden wegen kleinerer Blessuren geschont (Jicha: "Wir wollten kein Risiko eingehen"). Also wird die Last anders verteilt. Erneut im Fokus: das schnelle Umschaltspiel, das hohe Tempo, das sich an diesem Abend auch ins druckvolle Positionsspiel überträgt. Ja, die Chancenauswertung lässt mitunter zu wünschen übrig, insbesondere PSG-Torwart Rodrigo Corrales kann sich mit starken Reflexen vor der Pause immer wieder auszeichnen. Ja, auch der Positionsangriff ist in den Reihen der Zebras nicht frei von Fehlern. Doch frappierend ist der Mut, mit dem Filip Jicha das Spiel seiner Mannschaft infiziert hat. Berauschend ist die Wucht, mit der ein Nikola Bilyk am Ende siebenmal trifft, sich als ideenreicher Assist-Geber entpuppt, seine Nebenleute mitreißt.

Beim 26:21 (49.) sieht es zum ersten Mal nach einer klaren Angelegenheit aus. "Wir haben das Spiel ernst genommen, wollten uns so präsentieren wie in der Saison und haben schon ein gutes Tempo gezeigt", sagt Hendrik Pekeler. Doch Paris kann mit seiner individuellen Klasse dranbleiben, auch wenn die Brüder Nikola und Luka Karabatic nicht zum Einsatz kommen. Rechtsaußen Luc Abalo verkürzt mit einem Doppelschlag auf 23:26 (51.), Ex-Löwe Kim Ekdahl du Rietz sogar auf 24:26 (53.). Doch zwei Bilyk-Tore zum 29:25 (54.) sorgen für die Vorentscheidung, gefolgt von einem furiosen offenen Schlagabtausch als Finale. "Ab jetzt ist die Vorbereitung zu Ende", sagt Pekeler. "Ab jetzt geht es um den Pokal." Das klingt dann fast wie eine Drohung.

 (Von Tamo Schwarz und Merle Schaack, aus den Kieler Nachrichten vom 15.08.2019, Foto: Sascha Klahn)