Kämpfende und leidenschaftliche Zebras unterliegen glücklicheren Berlinern

Bundesliga

Kämpfende und leidenschaftliche Zebras unterliegen glücklicheren Berlinern

Als Rune Dahmke in der 49. Minute den dauerhaften knappen Rückstand gegen den amtierenden Meister und aktuellen Pokalsieger Füchse Berlin zum 25:25 ausglich, kochte die mit 10285 Zuschauern komplett ausverkaufte Merkur Ostseehalle. Die Fans des THW Kiel hofften am Sonntagnachmittag nach einem großartigen und mit viel Leidenschaft geführten Kampf der Kieler auf die verdiente Wende gegen die Hauptstädter. Doch die blieben cool, hatten auch das Glück für sich gepachtet und ließen so einen 4:0-Lauf mitten ins Herz der Schwarz-Weißen folgen. Am Ende gewann der Favorit gegen die wacker allen personellen Schwierigkeiten trotzdenden Zebras mit 35:28 (18:16). Bester Torschütze bei den Zebras war Harald Reinkind, der sieben Tore erzielte, zudem mehrere Siebenmeter herausholte und ein gutes Spiel in der Abwehr ablieferte.E

Duvnjak: "Das haben wir nicht verdient"

28:35 - eine Kieler Niederlage, die zweifelsfrei zu hoch ausfiel. Auch, weil Gäste-Torhüter Dejan Milosavljev seinen Kasten in den Schlussminuten förmlich zunagelte, Kiels Angreifern beste Chancen abkaufte in einer über weite Strecken ausgeglichenen und hinreißenden Handball-Partie. "Wir haben das Momentum nach unserem Ausgleichstreffer nicht genutzt, das war sehr schade", haderte nach dem Schlusspfiff THW-Kapitän Domagoj Duvnjak. "Sieben Tore Rückstand sieht am Ende richtig schlecht aus. Und das haben wir nicht verdient." Duvnjak blickte aber gleich nach vorn. "Wir haben im Final Four der European League eine Titelchance. Und wir werden jetzt alles dafür tun, diese auch zu nutzen."

Zebras mit Wucht und Energie

Ein Handballspieler in einem schwarz-weiß gestreiften Trikot springt und holt aus, um einen gelben Ball zu werfen, während ein Verteidiger in einem grünen Trikot mit der Nummer 93 versucht, ihn abzuwehren. Die Zuschauer im Hintergrund schauen gespannt zu.Vor dem Spiel zeigte sich eine leichte Entspannung der schwierigen THW-Personallage: Eric Johansson, der nach seinem großartigen Spiel im Viertelfinale der European League gegen RK Nexe krank wurde und trotzdem seine Bereitschaft erklärte, seinem Team zu helfen, war gegen Berlin genauso dabei wie Nikola Bilyk nach seiner 14-tägigen Pause durch Adduktorenprobleme. Im Kieler Rückraum war die Wahl an Alternativen für Trainer Filip Jicha also größer geworden. Schmerzhaft vermisst werden allerdings weiterhin Emil Madsen (Knorpelschaden Knie) und Elias Ellefsen à Skipagötu, der mit Schulterproblemen ausfällt. Trotz allem starteten die Zebras nach leichten Eingewöhnungsminuten mit viel Wucht und Energie in die Begegnung: Reinkind, Duvnjak und Bilyk begannen im Rückraum, sorgten für viel Druck auf die Berliner Abwehrreihen  nachdem die Gäste auf 4:1 enteilt waren. 

Bilyk und Reinkind gehen voran

Ein männlicher Handballspieler in einem schwarz-weißen Trikot befindet sich in der Luft, um einen gelben Ball zu werfen, während seine Gegner in grünen Trikots ihn verteidigen. Der Hintergrund zeigt eine unscharfe Menschenmenge in einer vollen Arena.Die Zebras aber hielten dagegen, konterten. Bilyk und Pekeler tafen zum 3:4, die Lautstärke in der Merkur Ostseehalle steigerte sich. Die "weiße Wand" feierte in dieser Phase vor allem die Tore von Harald Reinkind, sich zum Anführer des Kieler Angriffsspiels aufraffte, eine herausragende Leistung als Torschütze und Anspieler zeigte. Auch wegen Reinkind blieben die Kieler in der schnellen und kampfbetonten Partie bis zum 8:10 in der 14. Minute stets auf Tuchfühlung. Gut fand sich auch Bilyk nach seiner Verletzungspause ins THW-Spiel ein. Der am Saisonende in die Schweiz wechselnde Österreicher erzielte in seinem vorletzten Spiel vor heimischer Kulisse wichtige Tore, war zudem ein starker Vorbereiter und verantwortlich für den "Treffer des Tages", als er den Ball in schwieriger Situation sehenswert per Rückhandwurf in den gegnerischen Torwinkel drosch. Ein Orkan der Begeisterung war die berechtigte Belohnung für dieses besondere Tor.

Glückliche Gäste-Führung zur Halbzeit

Ein Handballspieler in einem schwarz-weiß gestreiften Trikot springt, um den Ball zu schießen, während er von gegnerischen Spielern in grünen Trikots umringt ist, während die Zuschauer in einer Halle zuschauen.Kiel bestimmte in weiten Phasen das Geschehen, fand allerdings nicht immer den Weg ins Tor: "Dule" warf einen Ball weg, Reinkind rutschte das Spielgerät beim Wurf über die Hand, außerdem steigerte sich Berlins Schlussmann Milosavljev von Minute zu Minute. Die Folge: Als Gidsel nach gelungener Pirouette in der 17. Minute zum 12:8 einnetzte, drohten die Berliner vorzeitig zu enteilen. Der THW Kiel aber kämpfte sich zurück, durfte sich auf die sicher verwandelten Strafwürfe von Bence Imre verlassen, und als Reinkind (2) und Imre einen Kieler 3:0-Lauf vollendeten, war der THW in der 22. Minute beim 13:14 wieder im Spiel. Auch, weil Andreas Wolff, der nach 15 Minuten für Gonzalo Perez de Vargas zwischen die Kieler Pfosten wechselte, mehrfach glänzend parierte. Freihöfer und av Teigum sorgten zwar für eine erneute Berliner Drei-Tore-Führung (16:13, 26. Minute), doch Eric Johansson, Imre und der deutsche A-Jugend-Vizemeister Rasmus Ankermann sorgten für frischen Wind, ließen die THW-Fans mit ihren Toren zum 15:16 feiern. Fast mit dem Pausenpfiff erzielte Berlins Färöer av Teigum dann den 16:18-Pausenstand. 

Zweite Hälfte wird zum Spiegelbild der ersten

Vier männliche Handballspieler, drei in weiß-schwarz gestreiften Trikots und einer in grün, spielen aktiv auf einem Hallenplatz, während im Hintergrund eine Menschenmenge zusieht.Eine glückliche Führung, auch weil nicht nur die Fans in einigen Situationen unterschiedlicher Meinung über die Regelauslegung der beiden Unparteiischen waren und dieses - nach vielen Jahren erstmals wieder - mit "Schieber, Schieber"-Rufen auch kundtan. Besonders erbost waren sie in der 43. Minute, als Marsenic mit einem freien Wurf an Wolff scheiterte, das Schiedsrichter-Gespann trotzdem spät auf einen Berliner Freiwurf entschied und ohne Fingerspitzengefühl für die Situation auch noch eine Bankstrafe verhängte. Statt der Möglichkeit zum Ausgleich für den THW Kiel gab es wieder einen Nackenschlag: Die Berliner nutzten den Ballbesitz zum 24:22. Nicht nur in dieser Beziehung wurde das Geschehen der zweiten Halbzeit zum Spiegelbild der ersten: Die Zebras kämpften unverdrossen, gewannen Bälle in der Abwehr, brachten das Runde aber auch zu häufig nicht ins Eckige. Pekeler scheiterte genauso wie seine Kollegen Veron Nacinovic, Johansson oder Ankermann mit besten Gelegenheiten. 

Aufmunternde Ovationen der Kieler Fans

Eine Gruppe männlicher Handballspieler in weißen und schwarzen Trikots versammelt sich in einem Huddle. Ein Spieler, der die Nummer 7 trägt, steht in der Mitte, berührt sein Kinn und schaut nachdenklich, während er seinen Mitspielern zuhört.Doch nach Freihöfers 25:23 machte der nächste Kieler Doppelschlag die Merkur Ostseehalle dann zum Tollhaus: Bence Imre verwandelte seinen Strafwurf cool gegen Lasse Ludwig - und dann setzte sich Rune Dahmke auf Linksaußen durch, netzte in der 49. Minute zum 25:25 ein. Die Stimmung am Siedepunkt, das Wurfglück aber aufgebraucht und auf die Seite der Gäste gewechselt. Der Rest des Spiels ist erzählt: Milosavljev war nicht mehr zu bezwingen, selbst der zuvor so sichere Siebenmeterschütze Imre scheiterte mit seinem fünften Versuch - die Berliner zogen davon. Als Mathias Gidsel in der 55. Minute zum 32:26 einnetzte, Rune Dahmke den Ball im Gegenzug übers Tor hob, war die Messe gelesen. Die wenigen Berliner Fans jubelten, doch auf den Rängen der Merkur Ostseehalle war es nicht wie zuletzt still, sondern es gab aufmunternde Ovationen der "weißen Wand". Denn Leidenschaft, Emotionen und Kampf in Schwarz-Weiß hatten die Fans begeistert.

Weiter geht’s erst nach den Nationalmannschaften

Der THW Kiel und seine Spieler gehen erst einmal in die Nationalmannschafts-Woche: Weiter geht es für die Zebraherde erst am Pfingstsonntag, 24. Mai, um 16:30 Uhr auswärts beim Bergischen HC. Gespielt wird im Düsseldorfer PSD Bank Dome. Zuvor richten sich die Augen der Handball-Fans aber auf die Spiele der WM-Qualifikation und Test-Matches. Die DHB-Auswahl trifft dabei am Freitag (19:30 Uhr) in Kopenhagen und am Sonntag (15:30 Uhr) in der Lanxess Arena in Köln auf den Olympiasieger sowie amtierenden Welt- und Europameister Dänemark. Weiter geht’s mit der Nationalmannschaftswoche und dann beim Bergischen HC, Kiel!

Text: Reimer Plöhn / Fotos: Sascha Klahn

DAIKIN Handball-Bundesliga, 31. Spieltag: THW Kiel - Füchse Berlin: 28:35 (16:18)

THW Kiel: Perez de Vargas (1.-17., 1 Parade), Wolff (17.-60., 9 Paraden); Duvnjak (1), Reinkind (7), Landin (2), Överby (n.e.), Laube (2), Johansson (2), Ankermann (2), Dahmke (1), Zerbe (n.e.), Abdelhak (n.e.), Bilyk (3), Pekeler (1), Imre (6/4), Nacinovic (1); Trainer: Jicha
Füchse Berlin: Ludwig (1 Siebenmeter, keine Parade), Milosavljev (1.-60., 15/1 Paraden); Darj (1), Prantner, Andersson (1), Arino, Gröndahl, Lichtlein (6), Gidsel (8), Freihöfer (7/1), Cehte, Pichiri, Langhoff (1), Herburger, av Teigum (6), Marsenic (5); Trainer: Krickau

Schiedsrichter: Ramesh Thiyagarajah / Suresh Thiyagarajah
Zeitstrafen: THW: 2 (Ankermann (24.), Bank (45.)) / Füchse: 2 (Langhoff (20., Darj (20.))
Siebenmeter: THW: 5/4 (Milosavljev hält Imre (50.)) / Füchse: 1/1
Spielfilm: 1:1 (2.), 1:4 (5.), 3:4 (7.), 7:8 (11.), 8:9, 8:12 (16.), 10:14, 13:14 (22.), 13:16 (26.), 15:17 (30.), 16:18;
2. Hz.: 17:18, 17:20 (34.), 19:21 (38.), 21:23 (42.), 22:23 (43.), 23:25 (47.), 25:25 (49.), 25:29 (51.), 26:29, 26:32 (56.), 28:35
Zuschauer: 10285 (ausverkauft) (Merkur Ostseehalle, Kiel)

Stimmen zum Spiel: 

THW-Trainer Filip Jicha: Herzlichen Glückwunsch vorab an Nikolej zu den zwei Punkten und alles, was du und dein Team zuletzt einfahren konntest. Ihr spielt eine Wahnsinns-Saison mit dem DHB-Pokalsieg und der Qualifikation für das Champions League Final4 in Köln. Heute spiegelt das Resultat meiner Meinung nach nicht das wider, wie meine Jungs sich reingehauen haben. Wie wir Berlin vor Denkaufgaben gestellt haben mit unserer 3-2-1, mit der 6-0, mit unseren zwei Kreisläufern. Bis zum 25:25 waren wir kämpferisch da, waren leidenschaftlich da, waren emotional da. Den Unterschied in den letzten zehn Minuten macht dann die Chancenverwertung. Die Möglichkeiten, die wir uns herausgearbeitet haben, haben wir nicht in Tore umgemünzt. Wir brauchen deshalb wieder den Glauben, solche Spiele wie heute auch gewinnen zu können. Berlin hat dann am Ende einfach eine unfassbare Qualität mit dem besten Handballer der Welt: Auf Mathias Gidsel ist Verlass in diesen Momenten. Aber auf den ersten 50 Minuten gegen diese Mannschaft können wir aufbauen, auf der heute gezeigten Leidenschaft können wir aufbauen.

Füchse-Trainer Nikolej Krickau: Ich bin megaglücklich mit diesen zwei Punkten, weil es megaschwierig ist, diese hier zu holen. In Kie ist das nicht selbstverständlich, denn der THW hat trotz der Verletzungen eine unfassbare Robustheit im Kader, hat uns heute mit der Power von Bilyk, Reinkind und später auch Ankermann ein stückweit überrascht. Manchmal brauchst du dann einfach auch Glück, und das hatten wir in den Schlüsselmomenten. Vor allen Dingen ab der 48. Minute, als Kiel mit dem Ausgleich das Momentum eigentlich auf seine Seite gezogen hatte. Da bekommen wir durch glückliche Ballgewinne und glückliche Tore einen Lauf, den wir brauchten. Und deshalb gibt es heute auch keine eingehendere Analyse sondern einfach nur den Satz, dass wir Platz zwei weiterhin in eigenen Händen haben.