THW Kiel muss heftige Phase durchleben: Niederlage in Wetzlar nach Fehlstart

Bundesliga

THW Kiel muss heftige Phase durchleben: Niederlage in Wetzlar nach Fehlstart

Die Personalmisere drückte gewaltig, und so stand schon vor dem Duell in der DAIKIN Handball-Bundesliga bei der HSG Wetzlar fest, dass es für den THW Kiel ein ganz schwerer Gang werden würde. Es kam wie befürchtet: Die Zebras kassierten vor 4421 Fans ohne vier ihrer Rückraum-Stars in der Buderus-Arena von Wetzlar eine 25:33 (11:16)-Niederlage. Die heftige Phase, die der THW Kiel aktuell aufgrund von Verletzungen und fehlendem Selbstbewusstsein nach den Rückschlägen der vergangenen Wochen durchleben muss,mündete in Wetzlar in einem katastrophalen Fehlstart. In zehn Minuten kassierte der THW Kiel nach eigenen Fehlern im Angriff einen 0:8-Lauf, Wetzlar drehte einen 2:3-Rückstand bis zur 16. Minute in einen 10:3-Vorsprung um. Eine Hypothek, die die Kieler anschließend durch die gesamte Restspielzeit durchschleppten, sich nicht mehr von dem Schock erholten. 

"Die, die spielen können. kämpfen bis zum Umfallen"

"Wir wussten vorher, dass es enorm schwer werden würde", analysierte später THW-Trainer Filip Jicha. "Aber dann machen wir alles falsch, was man falsch machen kann. Das 0:8 hat uns zweifelsfrei das Genick gebrochen. Wir laufen nicht zurück, vertändeln Bälle, nichts, aber gar nichts klappte in diesen Minuten." Gleichzeitig stellte sich der Trainer vor seine Spieler: "Manche von denjenigen Spielern, die spielfähig sind, sind aktuell stark verunsichert. Da ist das Selbstvertrauen nach dem ersten Fehler futsch. Aber sie geben alles dafür, dass zu ändern. Sie kämpfen bis zum Umfallen. Der Umgang mit manchem meiner Spieler empfinde ich deshalb als unfair. Wir haben einen kompletten Rückraum nicht zur Verfügung, und der Rest geht auf dem Zahnfleisch. Das ist der Moment, wo wir Trainer uns immer vor unsere Mannschaft stellen. Diese Phase ist emotional, und das tut weh."

Ramus Ankermann bester Torschütze

Ein spannender Moment in einem Handballspiel zeigt die Spieler zweier Mannschaften, eine in Grün und eine in Weiß, die um den Ball kämpfen, während die Zuschauer im Hintergrund aufmerksam zusehen.Bester Kieler Torschütze war Youngster Rasmus Ankermann, der sechsmal einnetzte, wenige Stunden vor dem ersten Finalspiel um die Deutsche A-Jugendmeisterschaft außerdem herausragender Impulsgeber der THW-Mannschaft war. "Das ist eine schwierige Situation, Dienstag haben wir ein sehr wichtige Aufgabe gegen Nexe. Wir müssen das jetzt einfach runterschlucken, gar nicht mehr zurückschauen. Sondern: Kopf hoch, da kämpfen wir uns raus. Alle gemeinsam." Auch, wenn die Situation beinahe nie Dagewesen ist. Denn nach Eric Johansson (Knie), Emil Madsen (Knie) und Elias Ellefsen á Skipagötu (Schulter) musste THW-Trainer Filip Jicha in Wetzlar auch noch auf Nikola Bilyk verzichten. Der Österreicher hatte schon beim European-League-Hinspiel bei RK Nexe über Schmerzen im Adduktorenbereich geklagt, nach der Partie hatten diese sich noch verschlimmert und machten einen Einsatz in Wetzlar unmöglich. Vier Rückraumspieler verletzt draußen - ein Katastrophensmachtezenario, das anderen Teams im oberen Drittel der DAIKIN Handball-Bundesliga zum Glück nicht wiederfahren ist.

Kieler Fehlstart

Ein Handballspieler im grünen Trikot springt zum Schuss, während ein Torhüter in Rot sein Bein hoch streckt, um das Spiel zu verhindern, während die Zuschauer von der Tribüne aus aufmerksam zusehen.Die Startaufstellung im Kieler Rückraum stand aus personellen Gründen also fest: Harald Reinkind, Domagoj Duvnjak und Youngster Rasmus Ankermann begannen in der Regiezentrale. Dass Wetzlar von Beginn an in der komplett ausverkauften Buderus-Arena brannte, war zu erwarten. Krass dagegen war bereits die erste Aktion nach 54 Sekunden, als Josip Simic Ankermann mit einem Schlag ins Gesicht niederstreckte. "Rassi" blieb liegen, Simic kassierte natürlich eine Zeitstrafe - über eine rote Karte hätte er sich indes auch nicht beschweren können. Und Ankermann? Antwortete extrem cool, setzte sich alleine gegen die HSG-Abwehr durch und traf nach 59 Sekunden zur Kieler Führung. Lukas Zerbe und Veron Nacinovic taten's dem THW-Youngster gleich, brachten die Gäste bis zur siebten Minute mit 3:2 nach vorn. Dann aber folgte jene beschriebene unerklärliche THW-Schwächephase, in der so gut wie gar nichts klappte. 

Fünf Tore-Rückstand zur Pause

Ein Handballspieler in einem weiß-schwarzen Trikot springt, um den Ball zu werfen, während ein Verteidiger in einem grünen Trikot mit der Reichszahl 33 auf dem Rücken ihn blockiert. Die Aktion findet vor einer Menschenmenge in einer Halle statt.Vorne warfen die Zebras die Bälle weg, leisteten sich viele technische Fehler. Und auch im Rückzug klappte nicht viel. Die Folge war Wetzlars 8:0-Lauf, an der vor allem Rechtsaußen Kirschner mit vier Toren großen Anteil besaß. Außerdem nagelte HSG-Torhüter Andreas Palicka - der einst auch  zwischen den Kieler Pfosten stand - seinen Kasten zu. 10:3 für di HSG nach 16 Minuten, die Buderus-Arena stand Kopf.  THW-Trainer Filip Jicha nahm zweimal in kurzen Abständen eine Auszeit - in der 10. und 15. Minute - und versuchte, dem Kieler Spiel eine Wende zu geben. Brachte auch Johan Rohwer, der sein Bundesliga-Debüt auf dem Spielfeld feierte. Der 18-jährige Ankermann stoppte die den Negativlauf, Laube traf nach Anspiel von Harald Reinkind wenig später zum 5:10. Doch trotz einiger Lichtblicke suchten die Zebras vergeblich den Zugang ins Spielgeschehen, lagen beim 7:14 und 8:15 erneut mit sieben Toren zurück. Die Fehlerquote blieb hoch, Laube und Magnus Landin sorgten mit ihren Treffern bis zum Seitenwechsel immerhin für einen Hoffnungsschimmer. Mit dem 16:11 und neun technischen Fehlern auf Seiten der Kieler ging es in die Halbzeitpause. 

Zebras können Spiel nicht drehen

Zwei Männer kämpfen während eines Handballspiels um den Ball, der eine in einem weiß-schwarz gestreiften Trikot, der andere in einem grünen Trikot, während die Zuschauer im Hintergrund zusehen.Philipp Ahouansou ließ dann gleich nach Wiederanpfiff den HSG-Anhang jubeln, traf zum 17:11. Die zweite Halbzeit? Wurde im Grunde zum Spiegelbild der letzten 15 Minuten der ersten. Wetzlar spielte lange Angriffe, setzte wie schon zu Beginn auch auf beherztes Tempospiel - hielt sich somit die Zebras lange Zeit vom Leib. Mappes und Theiß trafen, sorgten für Führungen zwischen fünf und sieben Toren. Aber die Zebras - sie kämpften, versuchten alles, um das Spiel noch zu drehen. Kamen sogar bis auf vier Tore heran. Ankermann traf zum 20:25, passte dann großartig auf Kapitän Duvnjak, der zum 21:25 verkürzte, außerdem traf Lukas Zerbe wenig später zum 22:26. Die Zebras hatten sich auf vier Tore herangerobbt. Gonzalo Perez de Vargas war für Andreas Wolff zwischen die THW-Pfosten gekommen. Der Spanier startete auch mit einer Riesenparade gegen Mappes, eine Wende konnte aber auch "Gonschie" nicht einleiten, weil es den Zebras mehrmals nicht gelang, auf drei Tore zu verkürzen und Wetzlar damit unter Stress zu setzen. So konnten die Gastgeber erneut auf sechs Tore enteilen, während die Zebras dem nichts mehr entgegen zu setzen hatten.

Zebras und die weiße Wand am Dienstag gegen RK Nexe

Eine Männer-Handballmannschaft in schwarz-weiß gestreiften Trikots steht gemeinsam auf einem Spielfeld, einige klatschen, während im Hintergrund einer Halle ein großes Publikum und Spruchbänder zu sehen sind.Für die Zebras geht es am Sonntag wieder nach Hause. Viele der Profis wollen nach der Rückkehr aus Wetzlar ihren 18-jährigen Team-Kollegen Rasmus Ankermann und Johan Rohwer sowie der kompletten U19 des THW Kiel die Daumen drücken. Denn um 16 Uhr tritt die Kieler A-Jugend erstmals in der Merkur Ostseehalle in einem Finale um die Deutsche Meisterschaft an. Gegner ist der SC Magdeburg. Für die Begegnung gibt es noch Tickets unter www.thw-tickets.de und in der THW-FANWELT, die am Sonntag von 14:30 Uhr bis zum Anpfiff geöffnet hat. Eintrittskarten gibt es auch noch für das Viertelfinal-Finale der Zebras am Dienstag (20:45 Uhr) an gleicher Stelle: Gemeinsam mit der weißen Wand wollen die Kieler sich und ihren Fans den Traum vom Final4 in Hamburg erfüllen. Dafür braucht es gegen die kroatische Top-Mannschaft nach dem Hinspiel einen Sieg mit vier Toren Unterschied. Alle in die Halle: Weiter geht’s mit dem Europapokal-Heimfinale der Saison gegen RK Nexe, Kiel!

Text: Reimer Plöhn / Fotos: Oliver Vogler

DAIKIN Handball-Bundesliga, 30. Spieltag: HSG Wetzlar - THW Kiel: 33:25 (16:11)

HSG Wetzlar: Suljakovic (44.-60., 7/2 Paraden), Palicka (1.-44., 10 Paraden); Vistorop, Kirschner (7), Mappes (3), Theiß (6), Simic (1), Ahouansou (6), Akakpo, Schoch (1), Müller (3), Spandau, Löwen, Cavor, Nafea (5); Trainer: Sigtryggsson
THW Kiel: Perez de Vargas (43.-60., 2 Paraden), Wolff (1.-43., 7 Paraden); Duvnjak (2), Reinkind, Landin (3), Överby (1), Laube (5), Ankermann (6), Dahmke (n.e.), Zerbe (5/1), Rohwer, Abdelhak (2), Pekeler, Imre (n.e.), Nacinovic (1); Trainer: Jicha

Schiedsrichter: Fabian Baumgart / Philipp Dinges
Zeitstrafen: HSG: 4 (2x Simic (1., 27.), Schoch (40.), Akakpo (60.)) / THW: 0
Siebenmeter: HSG: 0 / THW: 3/1 (Suljakovic hält 2x Zerbe (47., 58.))
Spielfilm: 0:1, 1:2 (4.), 2:3 (6.), 10:3 (16.), 10:5 (18.), 12:5 (22.), 14:7 (23.), 15:8, 15:10 (27.), 16:11;
2. Hz.: 17:11, 18:12 (33.), 19:13, 21:14 (40.), 23:16, 23:18 (44.), 24:19, 25:21 (51.), 26:22, 28:22 (54.), 29:24 (56.), 31:24 (56.), 33:25.
Zuschauer: 4.421 (ausverkauft) (Buderus Arena, Wetzlar)

Stimmen zum Spiel: 

THW-Trainer Filip Jicha: Wir gehen aktuell durch eine heftige Phase. Und dann haben wir in der ersten Halbzeit eine Phase mit vielen technischen Fehlern, in der wir überhaupt nicht in den Rückzug kommen. Das hat uns angesichts unserer großen personellen Schwächung sicher nicht beflügelt, im Gegenteil: Da haben wir das Spiel weggegeben. Wir haben trotzdem weiter versucht zu kämpfen und haben es geschafft, Wetzlar vermehrt in den Positionsangriff zu zwingen. Allerdings haben wir das Momentum nicht auf unsere Seite ziehen können. Während Wetzlar oft mit dem letztmöglichen Ball noch getroffen hat, ist es uns fünf Angriffen nacheinander nicht gelungen, den Vier-Tore-Rückstand zu verkürzen und Wetzlar damit unter Stress zu setzen. Wir hätten gerne gewonnen mit unseren zwei A-Jugendlichen, die morgen ein wichtiges Spiel haben. Rasmus musste heute 60 Minuten gehen, davon wird er aber in zwei Jahren profitieren. Ein Riesen-Dank geht auch an Johan, weil es unfassbare Jungs sind, die uns auch im Training sehr helfen. Schade, dass sie so einen bitteren Moment miterleben mussten.

HSG-Trainer Runar Sigtryggsson: Wir wussten, dass Kiel angeschlagen und gerade im Rückraum anfällig ist. Wir konnten sie für die Fehler bestrafen. Das war das Momentum, das auf unserer Seite war. Dieser Erfolg war sehr wichtig, weil alles anderen Kontrahenten auch gewonnen haben. Wir haben es jetzt geschafft, zweimal ein Spiel zu Hause zu gewinnen. Mehr interessiert mich nicht. Es ist kein einfacher Moment für Filip – und wir haben das für uns genutzt.

THW-Rechtsaußen Lukas Zerbe: Wir starten eigentlich ok ins Spiel und versuchen, uns Selbstvertrauen zu holen. Dann machen wir aber viele technische Fehler, verlieren ein wenig den Kopf und laden Wetzlar zu vielen leichten Tempo-Toren ein. Wir gehen dann mit einem Fünf-Tore-Rückstand in die Pause, und dem laufen wir dann in der zweiten Halbzeit hinterher. Wir sind dann ein wenig mehr ins Risiko gegangen, am Ende war die Hypothek aber zu groß. Wir können den Kopf jetzt nicht in den Sand stecken, müssen weitermachen. Wetzlar ist gespielt, daran können wir jetzt nichts mehr ändern. Wir blicken nach vorn und hoffen darauf, dass viele Fans in die Halle kommen. Wir wollen und müssen dann den ersten Schritt machen und unsere Fans auf unsere Seite ziehen. Wenn uns das gelingt, bin ich mir sicher, dass wir ins Final4 kommen.

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