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KN: Zwischen Endspurt und Abschied

Bundesliga

KN: Zwischen Endspurt und Abschied

Lemgo. Abschiedsstimmung im Lipperland. Während die Fans des TBV Lemgo Lippe nach dem 34:26 (siehe auch THW-Spielbericht)-Sieg des THW Kiel aufs Spielfeld strömten, um die vier scheidenden Lemgoer Patrick Zieker, Tim Hornke, Dominik Ebner und Robin Hübscher ein letztes Mal zu feiern, stand THW-Trainer Alfred Gislason in den Katakomben der Phoenix Contact Arena zwischen Mattenwagen und Turnkästen. "Niemals geht man so ganz", sang Trude Herr aus den Lautsprechern in der Halle, während der 59-Jährige Zeit hatte um zu realisieren, dass seine letzte Bundesliga-Auswärtsfahrt nun kurz vor dem Ende stand.

THW Kiel siegt bei Alfred Gislasons letzter Auswärtsfahrt souverän mit 34:26 in Lemgo

 "Kaum zu begreifen, dass ich gleich das letzte Mal in diesen Bus steige", sagte der Isländer, der nach 21 Jahren als Bundesliga-Trainer, davon elf in Kiel, den THW und die Liga verlässt und nach einer kurzen Handball-Pause eine Nationalmannschaft übernehmen will. "Offenbar bin ich etwas schwer von Begriff, aber so langsam kommt es..."

Vorher aber noch einmal volle Konzentration aufs Spiel der Zebras, die den Druck auf Tabellenführer Flensburg hoch halten wollten. Dazu bot Gislason seine erfahrenste Rückraum-Reihe aus Miha Zarabec, Domagoj Duvnjak und Steffen Weinhold auf - bloß nichts anbrennen lassen. Die Kieler starteten hektisch, luden den TBV mit technischen Fehlern zur 3:1-Führung (4.) ein. Nach zehn Minuten aber waren sie auf Betriebstemperatur, und beim TBV machte sich bemerkbar, dass mit den Langzeitverletzten Tim Suton, Andrej Kogut, Donat Bartok und Jonathan CarlsbogÃ¥rd mehr als eine komplette Rückraumformation fehlte. Ball um Ball landete in den Fängen der Kieler 6:0-Abwehr, der THW konterte sich davon. Erst auf 8:5 (13.), während einer siebenminütigen Lemgoer Torflaute schließlich auf 16:9 (27.). Den einzigen Vorteil hatten die Gastgeber in der ersten Halbzeit auf der Torhüter-Position. Peter Johannesson hielt sechs Bälle, davon drei Gegenstöße. Sein THW-Pendant Niklas Landin bekam nur dreimal die Hände an den Ball und musste in der 24. Minute Platz für Andreas Wolff machen. 

Der Nationalkeeper, der nach Saisonende nach Polen zu KS Kielce wechselt, war in der zweiten Halbzeit mit sieben Paraden der Rückhalt, den die Zebras brauchten, um trotz einiger Löcher in der Abwehr und Unkonzentriertheiten im Angriff ihren Pausenvorsprung über die Zeit zu bringen. Lemgo steckte nicht auf, allen voran der Halbrechte Dominik Ebner, mit sieben Treffern bester Schütze seiner Mannschaft. Beim Stand von 22:27 (50.) hatte der TBV im zweiten Durchgang ein Tor mehr geworfen als die Kieler.

"Hier ging es nicht darum, zu gewinnen. Wir wollten einfach ein gutes letztes Spiel vor diesen tollen Zuschauern machen", sagte TBV-Trainer Florian Kehrmann später. Dass seiner Mannschaft das gelang, zeigte der Gradmesser Gislason, der die Partie über weite Strecken mit verschränkten Armen an der Bande lehnend verfolgte. Anders als noch am Sonntag beim 20-Tore-Sieg über Minden dachte er nicht daran, das Coaching seinem Co-Trainer und designierten Nachfolger Filip Jicha zu überlassen. "Das war gar nicht bewusst gemacht. Ich habe mich einfach ein bisschen zu viel geärgert", sagte er später. 

Der Ärger war nach dem Abpfiff schnell verflogen und ein bisschen Sentimentalität gewichen. "Die vielen Busfahrten werde ich nicht vermissen", sagte Gislason. "Aber die Mannschaft, dieses Zusammensein. Es sind einfach unheimlich gute Jungs in dieser Truppe." Während die Spieler (Ekberg: "Mir war gar nicht richtig bewusst, dass das Alfreds letzte Auswärtsfahrt ist") noch voll im Liga-Endspurt-Tunnel steckten, erlaubte sich der studierte Historiker Gislason, seinen letzten Besuch im Lipperland ein bisschen zu genießen. Ein Besuch bei den denkmalgeschützten Externsteinen, einer Felsformation mit mittelalterlicher Grottenanlage unweit des Hotels, ein abendliches Bier mit "Sportminister" (Gislason) Viktor Szilagyi. Und ganz gewöhnlich wurde auch die letzte Busfahrt zurück nach Kiel für den Trainer nicht: "Ich mache einfach nichts. Nicht einmal Videos von Hannover gucken. Dazu bleibt ja noch genug Zeit."

(Von Merle Schaack, aus den Kieler Nachrichten vom 31.05.2019, Foto: Sascha Klahn)