
Zebras und ihre Fans phasenweise im Rausch: Zweiter Derbysieg innerhalb von fünf Tagen
Der THW Kiel hat sich im Kampf um die vorderen Tabellenplätze in der DAIKIN Handball-Bundesliga zumindest wieder angemeldet: Am Samstagabend spielten sich die Zebras, unterstützt von einer unglaublichen "weißen Wand", phasenweise in einen Rausch und triumphierten nach einer begeisternden Leistung mit 37:33 (23:17) im Derby gegen die SG Flensburg-Handewitt. Die in allen Belangen unterlegenen Gäste konnten erst gegen Ende der Partie ein wenig Ergebniskosmetik betreiben, während die Schwarz-Weißen in ihrem weißen Tollhaus Merkur Ostseehalle ausgiebig mit ihren Fans feierten: Die ließen ihrer Freude mit "Derbysieger"-Sprechchören freien Lauf.
Starke Leistung in Abwehr und Angriff
Grundlage für den Kieler Sieg war eine gleichermaßen starke Leistung in Abwehr und Angriff, nach den beiden Erfolgen in der EHF European League war es der dritte Sieg in diesem Jahr gegen den Nordrivalen in Folge. Den Titel als beste Kieler Torschützen teilten sich Lukas Zerbe, Veron Nacinovic und Eric Johansson, die allesamt sechsmal ins Flensburger Tor trafen. Überragend aber war die starke Abwehrreihe mit dem großartigen Andreas Wolff zwischen den Torpfosten: Der Kieler Schlussmann glänzte mit 14 Paraden, war ein wichtiger Rückhalt für seine Mannschaft, die in der 41. Minute nach dem Treffer von Lukas Laube beim Stand von 31:20 bereits auf elf Treffer davongezogen war. "Das war ein hochverdienter Sieg", freute sich THW-Mannschaftskapitän Domagoj Duvnjak. "In der Halle war eine geile Stimmung und großartige Atmosphäre, das hat von der ersten bis zur letzten Minute richtig Spaß gemacht. Wir haben jetzt noch neun Spiele, die wollen wir nach Möglichkeit alle gewinnen."
Grgic fehlte den Gästen an allen Enden
Beim Nordrivalen war Lasse Möller überragender Torschütze, der Däne traf 14 Mal ins Kieler Tor. Für seinen Landsmann und Namensvetter Kevin Möller war es das letzte Nordderby, der SG-Torhüter glänzte in der zweiten Halbzeit mit vielen Paraden, hatte großen Anteil an der Flensburger Aufholjagd vor dem Ende. "Ich hatte aber keine Sekunde Angst, dass wir noch in Gefahr geraten könnten", sagte Domagoj Duvnjak. Während sich beim THW Kiel Elias Ellefsen á Skipagötu nach vierwöchiger Verletzungs-Abstinenz in den Dienst der Mannschaft stellen wollte, fehlte bei den Gästen Torjäger Marco Grgic aufgrund eines Infektes. Die Partie startete mit einer hohen Intensität und Wolff, der die THW-Fans schon nach 60 Sekunden begeisterte, indem er die klare Torchance von Nationalmannschaftskollege Golla mit großartigem Reflex vereitelte. So läutete Eric Johansson die Kieler Torjagd mit einem Kracher in den oberen rechten SG-Winkel ein - eun Traumtor. Novak glich im Gegenzug aus, aber die Zebras antworteten mit einem 3:0-Lauf, heizten mit ihrer Körpersprache die Atmosphäre in der neu nach alt benannten MERKUR Ostseehalle von Beginn an auf.
Hochklassiges Spiel
Hendrik Pekeler traf nach Johansson-Zuspiel, Bence Imre verwandelte den an Lukas Zerbe verwirkten Strafwurf, und nach Wolffs Glanztat gegen Pytlick war erneut Lukas Zerbe in der siebten Minute zum 4:1 erfolgreich. Ein Kieler Start nach Maß ganz nach dem Geschmack der überwiegend in Weiß gekleideten Zebra-Fans auf den Rängen. Bis zur 15. Minute blieben die Gäste dran, hielten den Rückstand auf zwei bis drei Tore. Die Handball-Fans auf den Rängen und vor dem TV-Schirm erlebten dabei ein hochklassiges, schnelles Spiel, das mehr und mehr von den Kielern bestimmt wurde. Die Rückraumachse um Bilyk, Johansson und Reinkind machte Druck, die Mannschaft überzeugte auch in ihrem Rückzugsverhalten. Und als Andreas Wolff in der 15. Minute Jakobsens Wurf aufhielt, Lukas Zerbe mit Tempogegenstoß auf 11:7 erhöhte, drückte SG-Trainer Ale Pajovic erstmals auf den Buzzer, versuchte Ruhe in das eigene Spiel zu bringen.
Sechs-Tore-Führung zur Pause
Es half nicht: Die Zebras agierten in der insgesamt sehr fairen Partie weiterhin aggressiv, packten in der Abwehr zu und nutzten die sich bietenden Chancen im Angriff. Nach dem 3:0-Lauf durch Treffer von Johansson, Zerbe und Nacinovic waren quirligen Hausherren nach 18 Minuten auf 14:8 davon galoppiert, die sonst so treffsicheren Golla und der angeschlagene Pytlick blieben blass: Der dänische Welt- und Europameister brachte es insgesamt nur auf einen Treffer. Auf der anderen Seite drehten die Kieler weiter am Erfolgsrad, glänzten im Abschluss mit einer Quote von nahezu 80 Prozent, sorgten für Begeisterung auf den Rängen. 18:12 hieß es durch den überragend aufgelegten Nacinovic nach großartigem Zuspiel von Johansson in der 23. Minute, Nikola Bilyk ließ seine Farben wenig später auf 22:15 enteilen. Und nach dem achten Treffer des Flensburgers Möller ging's mit der Kieler 23:17-Führung in die Kabinen. Ein Halbzeitstand, der in anderen Spielen häufig als finales Ergebnis gestanden hat.
Kieler wie im Rausch
Die Flensburger kehrten zunächst hellwach aufs Parkett zurück, verkürzten durch einen 3:1-Lauf schnell auf 20:24, weckten aber zugleich die Kieler Angriffslust - besser -Wut. Andreas Wolff nagelte minutenlang seinen Kasten zu, parierte Eins-gegen-Eins gegen Jakobsen, Pytlick oder Novak. Und vorne trafen die Zebras am Fließband, sorgten bis zur 40. Minute für einen überragenden 7:0-Lauf und die 31:20-Vorentscheidung in der 41. Minute. Die Torschützen: Nacinovic (2), der auch als Vorlagengeber starke Reinkind, der omnipräsente Johansson, Magnus Landin, Bilyk und Lukas Laube. Die Arena kochte, die Fans feierten ihre Helden mit Gesängen, hatten ihren Spaß. Und auf dem Parkett? Verwalteten die Kieler fortan ihren Vorsprung, hielten den Nordrivalen bis kurz vor dem Ende stets auf einen Abstand von sieben, acht Toren. Grundlage für die Flensburger Aufholjagd in den letzten zehn Minuten war dann vor allem die starke Leistung von SG-Torhüter Kevin Möller, der mehrfach gut parierte.
"Derbysieger, Derbysieger, hej, hej"
Und sonst? Trotz des hohen Stellenwertes der Partie verteilten die guten Schiedsrichter Ramesh und Suresh Thyiagarajah nur eine Zeitstrafe, schickten Veron Nacinovic in der 52. Minute für zwei Minuten auf die Bank. Sehenswert war zudem der Treffer des jungen Rasmus Ankermann, der den Ball in der 51. Minute zum 35:27 ins SG-Netz wuchtete, es folgten die frechen Dreher von Bilyk und Johansson. Als der Schlusspfiff ertönte, fielen sich glückliche THW-Spieler um den Hals, ließen die La Ola in alle Himmelsrichtungen rollen und auf den Rängen sangen und feierten ihre Fans. "Derbysieger, Derbysieger, hej, hej!"
Nationalmannschafts-Woche voraus
Nach zehn Kieler Spielen in 30 Tagen direkt im Anschluss an die Handball-Europameisterschaft können die Spieler beider Mannschaften erst einmal ein wenig durchschnaufen und auch mental wieder ein wenig Kraft sammeln, auch wenn die Nationalmannschaften rufen. Erst am 27. März ist der THW Kiel in der stärksten Liga der Welt wieder gefordert, auswärts geht es dann zur MT Melsungen. Das nächste Heimspiel der Zebras findet am Ostersamstag, 4. April, statt. Aufgrund einer kurzfristig anberaumten Live-Übertragung im Free-TV (MDR) findet der Anpfiff zur Partie gegen den ThSV Eisenach, für die es in der THW-FANWELT und unter www.thw-tickets.de nur noch Restkarten gibt, bereits um 16 Uhr statt. Zuvor aber geht es zu den Nationalmannschaften - in Altenholz werden lediglich sieben bis acht Kieler trainieren oder ihre Reha absolvieren. Weiter geht’s Ende März in Melsungen, Kiel!
Text: Reimer Plöhn / Fotos: Sascha Klahn
DAIKIN Handball-Bundesliga, 25. Spieltag: THW Kiel – SG Flensburg-Handewitt 37:33 (23:17)
THW Kiel: Perez de Vargas (1 Siebenmeter, keine Parade), Wolff (1.-60., 14 Paraden); Duvnjak, Reinkind (4), Landin (1), Överby, Laube (1), Johansson (6), Ankermann (1), Dahmke, Zerbe (6), Bilyk (5), Pekeler (2), á Skiapgötu (n.e.), Imre (5/5), Nacinovic (6); Trainer: Jicha
SG Flensburg-Handewitt: Buric (1.-18., 31.-40., 5 Paraden), K. Möller (18.-30., 41.-60., 8 Paraden); Pytlick (1), Golla (2), Kirkelökke (1), Faljic, Tönnesen, Horgen (1), Volz, Jakobsen (9/3), Knutzen, Blagotinsek, Novak (4), L. Möller (14); Trainer: Pajovic
Schiedsrichter: Ramesh Thiyagarajah / Suresh Thiyagarajah
Zeitstrafen: THW: 1 (Nacinovic (52.)) / SG: 0
Siebenmeter: THW: 6/5 (Imre an den Pfosten (50.)) / SG: 3/3
Spielfilm: 1.Hz.: 1:0 (3.), 1:1, 4:1 (7.), 7:4 (10.), 11:8 (16.), 14:8 (17.), 14:10 (19.), 16:12 (21.), 18:13 (24.), 20:13 (26.), 22:15 (29.), 23:17;
2. Hz.: 23:18 (31.), 24:20 (34.), 31:20 (40.), 31:24 (44.), 34:26 (48.), 36:28 (54.), 36:32 (58.), 37:33.
Zuschauer: 10.285 (Merkur-Ostseehalle, Kiel)
Stimmen zum Spiel:
THW-Trainer Filip Jicha: Ich in unglaublich stolz auf meine Mannschaft, wie sie in dieser Woche gearbeitet hat. Wir haben in Stuttgart mit einer nicht so cleveren Spielweise einen Schlag ins Gesicht kassiert, am Dienstag und heute haben wir alles sehr viel besser gemacht. Darin steckt sehr viel Arbeit von den Jungs, zwei Derby-Siege innerhalb von fünf Tagen sind wirklich eine coole Geschichte für uns, für unsere Fans. Es ist ein schönes Gefühl, dass die Extra-Aktionen, die wir uns am Dienstag für heute aufgespart haben, so gut funktioniert haben. Flensburg hat allerdings eine Bären-Abwehr hingestellt, deshalb brauchten wir ein bisschen Anlauf. Wir hatten auch unglaubliche Probleme mit Lasse Möller, aber dann helfen uns drei Paraden von Andi gegen hundertprozentige Chancen auf plus zehn und dann plus elf – ehe Flensburg mit Kevin Möller ins Spiel zurück fand. Ich habe Kevin nach dem Spiel zu seiner großartigen Bundesliga-Karriere gratuliert, bin aber froh, dass er langsam in Rente geht, weil er mir so oft als Spieler und als Trainer mit seinen Paraden den Zahn gezogen hat. Jetzt ist diese Wahnsinns-Periode nach der EM Geschichte, und alle Spieler sind drüber. Ich hoffe, dass alle gesund von den Nationalmannschaften zurückkommen, allen anderen wünsche ich, dass sie ein wenig abschalten und Kraft tanken können. Es bleibt intensiv und spannend.
SG-Trainer Ales Pajovic: Es tut weh, es heute nicht geschafft zu haben. Grgic ist im letzten Moment ausgefallen, und Pytlick war auch stark angeschlagen. Da wurde es bei unserem Kader sofort eng. Wir haben alles probiert, aber das Zusammenspiel zwischen Abwehr und Torhüter hat heute nicht so geklappt wie es müsste, um hier gewinnen zu können. Der THW Kiel hat seine Angriffe mit viel Geduld vorgetragen, den Ball immer weiter gespielt bis zur richtigen Chance und dann noch getroffen. Das hat uns getötet. Wenn du dann zur Pause hier mit sechs hinten liegst, wird es richtig schwer. Dann geben wir ein bisschen mehr Gas, kommen auf vier Tore heran, verwerfen dann aber drei hundertprozentige Chancen – wir haben alles gegeben, aber für heute war das nicht gut genug.











