32:23 in Hamburg: Bärenstarke Zebras dominieren das „kleine Derby“

Das Comeback des "kleinen" Handball-Nordderbys zwischen Aufsteiger Handball Sport Verein Hamburg und dem THW Kiel hielt, was es nach sieben Jahren Entzug versprach - jedenfalls aus Sicht des Rekordmeisters. Über 8000 Fans in der Hamburger Barclays Arena, darunter mindestens 700 lautstarke THW-Anhänger, erlebten eine Zebraherde, die in der ersten Halbzeit wie entfesselt auftrumpfte, von Beginn an das Spiel bestimmte und schließlich mit einem 32:23 (15:6)-Kantersieg die kurze Heimreise über die A7 antreten durfte.

KAPITÄNE DUVNJAK UND LANDIN GEHEN VORAN

Niklas Landin wurde zum Alptraum der HSV-Angreifer

Bester THW-Torschütze war ausgerechnet Kapitän Domagoj Duvnjak, der einst das Gesicht des Hamburger Handballs war, ehe er sich dem THW Kiel anschloss. "Dule" traf sechsmal ins HSV-Tor, war zudem Antreiber und überragender Mann als Speerspitze in der Kieler 3:2:1-Abwehr, die den HSV-Angreifern den Schneid abkaufte. Hinter der beweglichen und zupackenden Kieler Defensive hatte Niklas Landin einmal mehr einen überragenden Tag erwischt: Landin wurde von Beginn an zum Alptraum für die HSV-Offensive, nagelte seinen Kasten phasenweise minutenlang zu und war so einer der Garanten für nur sechs Gegentore bis zur Pause. "Wir hatten einen tollen Start, allein unsere Körpersprache zeigte, dass wir hier gewinnen wollten, immer die Brust voraus", erklärte der dänische Weltklasse-Torhüter, der das Duell gegen Jogi Bitter und später Jens Vortmann deutlich für sich entschied.

DEFENSIV STARK - OFFENSIV KOMPROMISSLOS

Sander Sagosen traf fünf Mal

THW-Trainer Filip Jicha hatte seine Mannen vor dem extrem starken Aufsteiger gewarnt, und die Zebras um Kapitän Duvnjak gingen von Beginn an engagiert und hoch motiviert in dieses 38. Nordduell. Sie starteten in der Abwehr offensiv und machten den HSV-Angreifern das Handball-Leben extrem schwer: Technische Fehler, Ballgewinne der THW-Abwehr und Niklas Landin - das war zuviel für den Aufsteiger, bei dem in den ersten 30 Minuten nahezu nichts so funktionierte, wie es sich Trainer Torsten Jansen vorgestellt hatte. Die schwarz-weiße Angriffsmaschinerie lief hingegen wie das Defensiv-Bollwerk schnell auf Hochtouren.

ZEBRAS ENTEILEN FRÜH

Die Kieler tankten sich hochmotiviert durch Hamburgs Abwehr

Harald Reinkind und Duvnjak sorgten für die schnelle 2:0-Führung, die Mortensen und Tissier in der siebten Minute zum 2:2 egalisierten. Es sollte der letzte und einzige Remis-Zwischenstand für die Gastgeber bleiben, Duvnjak und erneut Reinkind mit sehenswertem Solo brachten den THW schnell auf 4:2 voran, Mortensen traf per Siebenmeter zwar zum 3:4, aber mit dem 5:0-Lauf durch Tore von Ekberg (Siebenmeter), zweimal Sander Sagosen, Duvnjak und Zarabec mit einer echten Fackel zum 9:3 (17.) waren die Zebras früh enteilt.

HALBZEIT WIE AUS DEM LEHRBUCH

Sicherer Schütze: Niclas Ekberg

Nachdem Wullenweber nach 17 Minuten erst Tor Nummer vier für die Hamburger erzielte, legten die Kieler mit einem weiteren 4:0-Lauf bis zum 13:4 durch Sander Sagosen in der 24. Minute nach. Immer wieder Niklas Landin wurde Landin für den HSVH zum Stoppschild: Der Weltklassetorhüter ließ vor allem die Außen der Hamburger verzweifeln, der in Kiel handballerisch großgewordene Thies Bergemann und Frederik Andersson scheiterten insgesamt fünfmal von rechts an den unfassbaren Reaktionen des Kieler Schlussmannes, Schimmelbauer und Mortensen erging es von der anderen Seite nicht besser. Als Niklas Landin mit seiner neunten Parade die Vorarbeit zum 15:6-Halbzeitstand durch Duvnjak, der den Ball nur noch ins verwaiste HSV-Tor legen musste, vorbereitete, war eine frühe Vorentscheidung gefallen: Die Zebras hatten eine erste Halbzeit wie aus dem Handball-Lehrbuch abgeliefert. 

KIELER LASSEN KEINE ZWEIFEL ZU

Applaus für seine Jungs: Filip Jicha

Filip Jicha hielt auch in der zweiten Halbzeit an der offensiven Deckungsarbeit fest. Die erste Zehn-Tore-Führung zum 16:6 in der 31. Minute erzielte erneut Duvnjak, der den Ballklau von Steffen Weinhold mit dem Wurf ins erneut leere Gehäuse der Hamburger vollendete. Kiels Handball-Gala ging dann aber ein wenig der Glanz verloren, weil die Zebras im Gefühl des sicheren Sieges das Ergebnis clever verwalteten, mal mit elf Toren vorne lagen, mal mit acht. Sie ließen den Gastgebern zwar mehr Luft, aber trotzdem kamen nie Zweifel am späteren deutlichen Sieg auf. Auch nicht bei den vielen Kieler Anhängern, die früh mit Jubel-Gesängen begannen und jeden einzelnen Treffer der Zebras euphorisch feierten - wie bei Wienceks Traumvorlage auf Zarabec zum 26:17 (51.). 

JICHA: "DIE JUNGS HATTEN GROSSEN SPASS"

Jubel-Kreis nach einem klaren Erfolg

Zehn Minuten vor dem Schlusspfiff wechselte Jicha dann auch noch komplett durch, gab beinahe allen Spielern Einsatzzeiten, ohne dass Sand ins Getriebe gekommen wäre. Er freute sich über Sven Ehrigs Steal vor Bilyks Gegenstoßtor zum 28:17 (54.), über Pavel Horaks Treffer, über eine entspannte und komtrollierte zweite Halbzeit nach 30 Minuten Gala. "Ich bin sehr zufrieden, wie wir in Hamburg aufgetreten sind", frohlockte Jicha nach der Handball-Demonstration und dem 27. Sieg über den HSV - dem ersten nach dem erfolgreichen Wiederaufbau der Hamburger. "Wir hatten im Vorfeld nichts dem Zufall überlassen, hatten großen Respekt vor dem starken Aufsteiger, dieser großartigen Halle, diesen tollen Zuschauern. Was mir besonders gefallen hat: Die Jungs hatten ganz großen Spaß bei diesem kleinen Derby."

DONNERSTAG TOP-SPIEL IN SZEGED

Rund 700 Kieler Fans feierten die Zebras für ihre starke Leistung

Die nächste Herausforderung für die Kieler ist das letzte Königsklassen-Spiel des Jahres - und das hat es in sich: Am Donnerstag (20:45 Uhr, live bei DAZN und ServusTV Deutschland) gastieren die Zebras beim ungarischen Meister Pick Szeged zum "Match of the week" in der EHF Champions League. Die Zebras auf Platz zwei gegen den nur einen Punkt hinter ihnen rangierenden Verfolger - die Partie ist aber nicht nur sportlich ein Kracher, sondern wird zusätzlich durch den äußeren Rahmen zu einem Highlight des europäischen Handballs. Denn Pick Szeged weiht mit dem Spiel gegen den deutschen Rekordmeister die "Pick Arena" ein. Der neue Hexenkessel der Szegediner Weltklasse-Mannschaft bietet 8300 heißblütigen Fans Platz - und alle Tickets für das Premierenspiel gegen den Zebras waren nach Angaben des Clubs innerhalb von nur 17 Minuten ausverkauft. Weiter geht's in Szeged, Kiel!

Text: Reimer Plöhn / Fotos: Sascha Klahn

LIQUI MOLY HBL, 14. SPIELTAG: HANDBALL SPORT VEREIN HAMBURG - THW KIEL: 23:32 (6:15)

Handball Sport Verein Hamburg: Bitter (1.-22., 2 Paraden), Vortmann (22.-60., 7 Paraden); Schimmelbauer (1), Mortensen (3/2), Tissier (3), Späth (1), Weller (6), Ossenkopp (1), Gertges, Andersen (1), Forstbauer (2), Wullenweber (1), Bergemann, Kleinedamm, Theilinger (2), Valiullin (1); Trainer: Jansen
THW Kiel: N. Landin (1.-52., 14/1 Paraden), Quenstedt (52.-60., 1 Parade); Ehrig, Duvnjak (6), Sagosen (5), Reinkind (4), M. Landin, Weinhold (2), Wiencek, Ekberg (5/3), Ciudad, Dahmke (n.e.), Zarabec (4), Horak (1), Bilyk (3), Pekeler (2); Trainer: Jicha

Schiedsrichter: Robert Schulze / Tobias Tönnies
Zeitstrafen: HSVH: 5 (2x Späth (5., 19.), 2x Weller (20., 29.), Mortensen (32.)) / THW: 34(Sagosen (8.), 2x Bilyk (11., 22.), Weinhold (23.))
Siebenmeter:  HSVH: 3/2 (Landin hält Mortensen (18.)) / THW: 3/3
Spielfilm: 0:2 (5.), 2:2 (7.), 2:4 (9.), 3:4, 3:9 (17.), 4:9, 4:13 (24.), 5:14 (25.), 6:14 (28.), 6:15;
6:16 (31.), 10:19, 10:21 (37.), 12:23 (42.), 14:23 (43.), 15:25 (48.), 17:25 (50.), 17:28 (54.), 19:30 (57.), 23:32.
Zuschauer: 8433 (Barclays Arena, Hamburg)

STIMMEN ZUM SPIEL:

THW-Trainer Filip Jicha: Wir haben bis zur 46. Minute und der zweiten Auszeit von Sebastian in der zweiten Hälfte sehr geduldig gespielt und fleißig gearbeitet. Beides braucht man gegen BHC. In den letzten 15 Minuten habe ich bei meinen Jungs ein bisschen Angst gespürt, aber diese Angst gehört nicht in unser Spiel. Aber auch das ist ein Prozess, in dem wir uns befinden. Wenn wir uns einige "blöde" Fehler nicht leisten, bekommen wir das Spiel gut hin. Wir spielen dann auch die Chancen heraus, aber dann was Tomas (Mrkva) mit seiner präsenten Art da und hat uns unter anderem Tempogegenstöße und Siebenmeter weggenommen. Insgesamt war unsere Angriffseffektivität in der zweiten Halbzeit nur bei kmnapp über 30 Prozent, das ist eigentlich viel zu wenig, um ein Spiel zu gewinnen. Deshalb waren meine Jungs in der Kabine auch geknickt, ich habe ihnen aber mit auf den Weg gegeben, dass wir 46 Minuten gute Arbeit abgeliefert und zwei Punkte geholt haben. Das war wichtig, zumal Peke und Miha aufgrund von Infekten kaum spielen konnten. Aber auch das ist eine der Herausforderungen, denen wir uns stellen. Ich freue mich auf unser nächstes Spiel und habe neben einem Dank eine große Bitte an unsere Zuschauer: Die Jungs brauchen Euch in dieser schwierigen Phase mehr denn je. Auch am Sonntag gegen Hannover!

BHC-Trainer Sebastian Hinze: Wir sind ganz gut in dieses Spiel gekommen, haben die zweite Welle, die Schnelle Mitte und die erweiterte Angriffsphase der Kieler mit zwei Kreisläufern gut verteidigt und zunächst auch gegen die 3-2-1 gute Lösungen gefunden. Einige einfache Ballverluste haben dann den Unterschied zur Pause ausgemacht. In die zweite Halbzeit starten wir wieder mit guten Entscheidungen, bis Landin starke Paraden gegen die Außen und die Halbpositionen hatte. Über eine sehr starke Torwartleistung von Mrkva haben wir dann in die Partie zurückgefunden und in den letzten Minuten überragend gedeckt. So haben wir die Chance auf einen Punkt bekommen, der natürlich super gewesen wäre. Aber dass wir hier nach minus sieben zurückgekommen sind, kann ich meinen Jungs hoch anrechnen.

Sander Sagosen bei Sky: Wir hatten alles unter Kontrolle und waren nach 45 Minuten mit sieben Toren vorne. Dann haben wir nur noch ein Tor in den letzten 15 Minuten gemacht, das ist natürlich nicht gut genug. Wir haben dennoch weitergearbeitet, und Niklas hält den letzten Ball stark. Wir haben die zwei Punkte, das ist entscheidend. Wir müssen arbeiten und weitermachen, einfach im Training weiter Gas geben. Die Zuschauer haben uns heute gegen Ende sehr geholfen.

THW-Trainer Filip Jicha: Riesen-Kompliment an meine Mannschaft, wie sie dieses Spiel angegangen ist, mit welchem Fokus und mit welcher Leidenschaft. Ich hatte das Gefühl, dass sich meine Jungs in dieser Halle und in dieser Atmosphäre zeigen wollten. Durch unsere flinken Beine in der Abwehr hatten wir defensi sehr viel Struktur. Wir haben die 3-2-1-Abwehr mit sehr viel Freude gespielt, Dule hat mit seinem gewissen Etwas, das man nicht trainieren kann, sehr viel gearbeitet, und Niklas Landin war ein starker Rückhalt. Dadurch konnten wir uns früh absetzen. Aber: Wir beinden uns im Dezember und müssen in einen Tunnel kommen, zuviel Lob könnte dazu führen, dass wir aufhören, weiter zu arbeiten. Ich bin froh, dass wir die Punkte heute geholt haben, aber jetzt geht die Arbeit weiter. Zur "Belohnung" trainieren wir morgen.

Hamburgs Trainer Torsten Jansen: Wir haben das Spiel leider nicht so gestaltet wie erhofft - nämlich eng. Die Wahrscheinlichkeit, dass wir gegen den THW Kiel gewinnen, war eh nicht hoch. Und dann haben wir es verpasst, gegen die offensive Deckung der Kieler unsere Tore zu machen. Aber der THW Kiel hat schon eine Wahnsinns-Qualität, deswegen kann ich meinen Jungs nicht den allergrößten Vorwurf machen - außer eben die Wurfeffektivität. Schade, aber es geht weiter. Wir müssen das Positive aus dem heutigen Spiel mitnehmen. Und das war das Unentschieden in der zweiten Halbzeit, auch wenn der THW Kiel da vielleicht nicht mehr mit 100 Prozent, sondern nur noch mit 99,8 Prozent gespielt hat...

HSVH-Kreisläufer Niklas Weller bei Sky: Die Atmosphäre haben wir schon genossen. Spielerisch ging es schlecht für uns los, das war ein kleiner Dämpfer. Wir haben uns am Anfang schwer getan gegen die 3-2-1-Abwehr, das ist vielen Mannschaften schon so gegen Kiel passiert. Die Chancen, die wir uns herausgespielt haben, haben wir auch noch vergeben. Dann wird es schnell sehr schwierig. Vorne war die Effektivität einfach zu schlecht, sodass man dann auch keine Chance hat, dranzubleiben. Die zweite Halbzeit war in Ordnung, das nehmen wir mit für die nächste Zeit. Für mich war es eine absolute Ehre, gegen Domagoj Duvnjak zu spielen. Auf dem Spielfeld muss man das immer ein bisschen vergessen, sonst spielt man so, wie wir es am Anfang gemacht haben, nämlich mit ein bisschen zu viel Respekt. 

THW-Torhüter Niklas Landin bei Sky: Der Druck und die Körpersprache waren gut. Wir haben von Anfang an gezeigt, dass wir zwei Punkte mit nach Kiel nehmen möchten. Das hat sich in der ersten Halbzeit niedergeschlagen.

THW-Kapitän Domagoj Duvnjak bei Sky: Es war ein besonderes Spiel für mich. Ich hatte in dieser Halle fünf wunderschöne Jahre. Heute war es ein gutes Spiel für uns. Unsere Abwehr und Niklas Landin im Tor waren überragend. Das war der Schlüssel für den Sieg. Wir hatten einen Riesen-Respekt vor Hamburg. Wir wussten, dass der HSV eine überragende Saison spielt. Ich bin einfach glücklich, dass wir zwei Punkte mitgenommen haben.

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