
35:27 gegen den TBV Lemgo Lippe: THW Kiel startet mit viel Freude und Handball-Lust in die Saison
Selten war die Vorfreude bei einem ersten Heimspiel des THW Kiel der Saison spürbarer als an diesem Donnerstagabend: Die MERKUR Ostseehalle schien schon beim Warmmachen elektrisiert, bei der Teamvorstellung galoppierten Zebras aus allen Richtungen gen Halle - wild, unbändig, entschlossen. Und dann waren 9975 Fans wie angezündet, sorgten im Wechselspiel mit den Energie fordernden und gebenden Spielern des THW Kiel für eine grandiose Atmosphäre, die die Zebras auch durch schwierige Phasen dieses Auftaktspiels gegen den taktisch unangenehm agierenden TBV Lemgo Lippe trug: Am Ende von 60 Minuten, denen erst die Kieler Abwehr und Torhüter Andreas Wolff mit 15 Paraden, später dann der Angriff mit Domen Makuc, Julian Köster, Eric Johansson und Elias Ellefsen à Skipagötu den Stempel aufdrückten, stand ein 35:27 (17:15) auf der Anzeigetafel. Ein guter Start mit viel Handball-Lust und Freude in die Saison.
Lust auf den THW Kiel
Ganz anderes Bild als vor 81 Tagen, als der THW Kiel das letzte Spiel der Saison gegen eben diesen TBV Lemgo Lippe verloren hatte und die Ostwestfalen in der Tabelle noch vorbeiziehen lassen musste. Jetzt hatten die Fans Bock auf den ersten Auftritt der neuformierten Zebraherde, Lust auf das erste Bundesliga-Spiel als Trainer von Börge Lund. Lust auf de weiße Wand, Lust auf die Neuzugänge. Aber weil aller Anfang schwer und der TBV Lemgo Lippe eben unangenehm zu bespielten ist, benötigten die Schützlinge von Lund rund 50 Minuten, um den bekannt widerspenstigen Gegner am Ende sicher in die Knie zu zwingen. Die Zebras griffen dabei mehrfach in die Taktikkiste, verteidigten mit unterschiedlichen Variablen, setzten auf die komplette Breite des Kaders, griffen in den letzten zwölf Minuten zudem mit vier Rückraumspielern an. Auch das wirkte, die Kieler zogen unter der Regie eines am Ende wie entfesselt auftrumpfenden Domen Makuc Tor um Tor davon, hatten die Partie spätestens nach 55 Minuten für sich entschieden.
Besonderes Spiel für die Neuzugänge
Es war ein besonderes Spiel, vor allem für die Neuzugänge. Vincent Büchner musste wegen Adduktoren-Problemen zwar noch auf seinen ersten Einsatz im THW-Trikot warten, doch Domen Makuc und Julian Köster feierten ihre Punktspielpremiere in neuen Trikots und auf neuem heimischen Parkett. Beide überzeugten, wurden von den Fans mit offenen Armen empfangen und für ihre guten Leistungen lautstark gefeiert. Julian Köster hatte seine stärksten Szenen in der Abwehr, traf zudem dreimal unter orkanartigem Jubel ins TBV-Tor. Domen Makuc nahm nach rund 20 Minuten das Zepter in die Hand, glänzte zudem als sechsfacher Torschütze. Warten muss allerdings noch Jarnes Faust: Der gerade 22 Jahre alt gewordene Linkshänder blieb gegen seine ehemaligen TBV-Mitspieler ohne Einsatzzeit. Wohl auch, weil Lukas Zerbe auf Rechtsaußen eine großartige Partie ablieferte, zudem von der Strafwurflinie absolut sicher war. Mit sieben Treffern war Zerbe bester THW-Schütze, auf der anderen Seite traf Joel Willecke als erfolgreichster Lemgoer Torschütze ebenfalls siebenmal.
Offensiv ohne Neuzugänge gestaret
Börge Lund ließ die Neuzugänge in der Offensive zunächst auf der Bank, vertraute auf den Rückraum mit à Skipagötu, Johansson und Harald Reinkind. Im Tor begann Andreas Wolff, am Kreis schuftete Veron Nacinovic, und die Außenpositionen besetzten Rune Dahmke sowie Zerbe, der nach 70 Sekunden zur Stelle war, zum ersten Tor der Begegnung einnetzte. Die Gäste hielten die Partie erwartungsgemäß offen, blieben bis zum 3:4 in der achten Minute dran. Dann zauberten die Zebras einen schnellen 3:0-Lauf aus dem Hut, lagen nach den Treffern von Nacinovic, Johansson und Dahmke mit 7:3 in Front. Technische Fehler der Zebras und der gute Möstl im TBV-Tor brachten die Gäste aber bald wieder ins Spiel zurück. Vor allem über den Kreis zeigten sich die Kieler verwundbar. Willecke war stets anspielbar, auch Wagner traf einmal, blitzartige Einläufer nach quälend lang vorgetragenen Angriffen sorgten für blau-weiße Überraschungs-Momente.
Lemgo lässt sich nicht abschütteln
Als Willecke in der 17. Minute zum fünften Mal vom Kreis traf, stand's 9:9, die Lemgoer agierten wieder auf Augenhöhe. "Wir haben uns aber nicht nervös machen lassen", sagte THW-Linkshänder Reinkind, "wir waren unserer Sache sicher und haben immer weitergemacht." Mit Erfolg. Der zweite 3:0-Lauf sorgte nach 22 Minuten für das zwischenzeitliche 13:10, besonders umjubelt war dabei der Treffer von Köster in der 19. Minute zum 12:10. Das erste Tor des Kieler Neuzugangs in einem Pflichtspiel, die sehenswerte Vorabeit hatte Domen Makuc geleistet. Lemgo antwortete im Sieben-gegen-Sechs per Doppelschlag durch O'Sullivan und Suton, hatte sich bis zur 25. Minute wieder auf 13:14 herangerobbt. Und die Kieler? Legten durch Lukas Zerbe mit seinem vierten verwandelten Siebenmeter und Andreas Wolff (!) wieder vor. Der Kieler Torhüter war nach einer Parade hellwach, zirkelte das Runde übers gesamte Spielfeld in Lemgos Eckiges: 16:13.
Zebras ziehen das Tempo an
Nach dem Treffer von Samuel Zehnder zum 17:15 wurden die Seiten gewechselt, und weil Möstl im TBV-Tor und Wolff ihre Tore vorübergehend zunagelten, mussten die Zuschauer zu Beginn der zweiten Hälfte nahezu sieben Minuten auf einen Torerfolg warten. Erneut war Zehnder erfolgreich, der von der Strafwurflinie auf 16:17 verkürzte. Nach dem schleppenden Beginn wurde es rasend schnell: Nach Nacinovic' wichtigem Treffer zum 18:16, und Domen Makuc' erstem Pflichtspiel-Tor in Deutschland - ausgerechnet ins leere Lemgoer Gehäuse - fielen in der 39. Minute satte vier Tore: Reinkind vollendete zum 21:18. Der Slowene Makuc legte jetzt alle Hemmungen ab, glänzte mit großartigen Anspielen, traf auch selbst, und nach einem Solo von ihm hatten die Zebras in der 45. Minute bei der 24:18-Führung sechs Tore zwischen sich und den Gast gelegt. Die Folge: TBV-Coach Florian Kehrmann drückte auf den Buzzer, wollte per Auszeit retten, was wohl nicht mehr zu retten war.
"Immer am Plan festgehalten"
Versteijnen verkürzte zwar auf 19:24, doch nach der großartigen Rettungstat von Köster, der den Kielern per Flugeinlage den Ball sicherte, erhöhte Johansson in unnachahmlicher Art per Knaller auf 25:19, Zerbe verwertete einen weiteren Strafwurf, und als Johansson den Ball zum vierten Mal ins gegnerische Tor wuchtete, borgen die Kieler in der 48. Minute beim Stand von 27:20 langsam auf den Siegerpfad ein - auch mit ihrer Körpersprache, die zu jeder Zeit den Lemgoern signalisierte: Heute gibt's hier nichts zu holen. Na klar, die Lemgoer wehrten sich, Willecke verkürzte in der 51. Minute noch einmal auf 23:28. Aber der THW Kiel hatte Freude am Spiel und Erfolg: Lund ließ den Kreisläufer auf der Bank, Wolff parierte einen Siebenmeter, und als Ellefsen à Skipagötu zum vierten Mal ins Tornetz traf, auf 33:26 erhöhte, war die Messe gesungen. Dass Youngster Ben Szilagyi in den Schlusssekunden stark von Makuc bedient wurde, sicher zum 35:27 verwandelte, war dann die Kirsche auf der schmackhaften THW-Torte. Die Fans feierten ihre neue Mannschaft, und Kapitän Domagoj Duvnjak und Co. trabten mit einem Lächeln in ihre Kabinen.
Doppelreise in den Süden voraus
"Der Unterschied zu der Partie vor zwei Monaten?", wiederholte Reinind die Frage es Journalisten. Und antworte lächelnd: "Heute haben wir gewonnen. Auch wenn uns nicht alles gelungen ist, haben wir doch immer an unserem Plan festgehalten." Nach der Heim-Premiere geht’s für den THW Kiel in der "stärksten Liga der Welt" gleich mit einer Doppelreise nach Süddeutschland weiter: Die Zebras begeben sich am Mittwoch auf die lange Tour nach Baden-Württemberg. Dort spielen sie Donnerstag um 19 Uhr beim Aufsteiger SG BBM Bietigheim in der EgeTrans-Arena, am Sonntag sind sie dann um 15 Uhr im Traditionsduell bei Frisch Auf Göppingen gefordert. Damit haben die Kieler gleich zu Saisonbeginn zwei der drei weitesten Reisen auf dem Programm: Dyn überträgt beide Spiele live. Weiter geht die Entwicklung in Bietigheim und Göppingen, Kiel!
Text: Reimer Plöhn / Fotos: Sascha Klahn
Opel Handball-Bundesliga, 1. Spieltag: THW Kiel – TBV Lemgo Lippe 35:27 (17:15)
THW Kiel: Perez de Vargas (n.e.), Wolff (1.-60., 15/1 Paraden, 1 Tor); Faust (n.e.), Duvnjak, Reinkind (2), Köster (3), Madsen, Laube, Johansson (4), Ankermann, Dahmke (4), Zerbe (7/5), Szilagyi (1), Makuc (6), à Skipagötu (4), Nacinovic (3); Trainer: Lund
TBV Lemgo Lippe: Möstl (1.-48., 10 Paraden), Ebner (48.-60., 1 Parade); Hutecek (1), Theilinger, Zehnder (4/1), O’Sullivan (1), Wanner (3), Nyfjäll (1), Suton (5), Willecke (7), Versteijnen (1), Valkovskis (3), Wagner (1), Stypinski; Trainer: Kehrmann
Schiedsrichter: Ramesh Thiyagarajah / Suresh Thiyagarajah
Zeitstrafen: THW: 0 / TBV: 0
Siebenmeter: THW: 5/5 / TBV: 3/1 (Zehnder an den Pfosten (41.), Wolff hält Zehnder (57.))
Spielverlauf: 1. Hz: 1:0, 4:3 (8.), 7:3 (11.), 7:5, 9:7 (14.), 9:9 (15.), 13:10 (22.), 14:13, 16:13 (25.), 17:15;
2. Hz: 17:16 (36.), 19:17 (39.), 21:18 (39.), 24:18 (43.), 26:19 (45.), 28:21 (47.), 28:23 (51.), 30:23, 30:25 (53.), 34:26 (57.), 35:27
Zuschauer: 9975 (MERKUR Ostseehalle, Kiel)
Stimmen zum Spiel:
THW-Trainer Börge Lund: Ich hatte einen Riesen-Spaß heute in dieser geilen Halle, die für mich die beste der Welt ist. Es war ein intensives Spiel, und Lemgo hat gezeigt, warum es so unangenehm sein kann, gegen sie zu spielen. Es gab Phasen, wo sie uns vor Herausforderungen gestellt haben. Unsere Abwehr hat heute über weite Strecken sehr gut gestanden, aber wenn du dann auch nur eine Sekunde pennst, kommt ein Lemgoer Überraschungs-Einläufer. Wir wollten Tempo machen, und Andi hat uns super unterstützt. Allerdings haben wir in der Chancenverwertung nicht so gespielt wie wir das haben wollen. Trotzdem: Mit der Geschichte des letzten Spieltages der vergangenen Saison gegen Lemgo im Hinterkopf war das heute eine tolle Leistung, die Mannschaft stand super zusammen, hat gemeinsam Lösungen gefunden. Heute bin ich sehr froh, aber es gibt weitere 33 Runden. Und ich habe vor dem heutigen Spiel gesagt, dass es nicht die Saison definieren wird. Und dabei bleibe ich, die Mannschaft braucht Zeit, um es dann den Gegnern noch schwerer zu machen.
TBV-Trainer Florian Kehrmann: Wir haben eine sehr leidenschaftliche Leistung gezeigt, aber es gab zwei, drei Phasen, die einem auswärts bei einer Top-Mannschaft nicht passieren dürfen. Wir liegen direkt am Anfang 3:7 hinten, kommen dann über das Sieben-gegen-Sechs ins Spiel zurück, haben den Kielern viele ihrer taktischen Möglichkeiten weggenommen. Zur Halbzeit ist dann wieder alles möglich, und wir haben etliche Chancen, auf minus eins zu verkürzen nach Wiederanpfiff. Aber dann fällt dieses Tor eben erst in der 36. Minute, und dann machen wir den Fehler, freie Bälle gegen Andreas Wolff zu verwerfen. Das darf dir nicht passieren. Uns fehlte dann auch ein bisschen die Power von der Bank, beim THW Kiel kam diese hingegen noch ins Spiel. Mit unserer Einstellung und Leistung bin ich zufrieden, man darf in Kiel auswärts auch verlieren.
THW-Neuzugang Julian Köster: Ich bin sehr zufrieden damit, wie der heutige Tag verlaufen ist und dass wir heute so vieles gut hinbekommen haben. Die Atmosphäre heute war großartig, die Zuschauer haben uns sehr geholfen












