
European League
Viertelfinal-Drama im Siebenmeterwerfen gegen RK Nexe: THW Kiel fährt nach Hamburg!
Der THW Kiel hat sich gemeinsam mit seinen Fans den Traum von den Winamax EHF Finals in Hamburg erfüllt: Allerdings brauchten die Kieler und ihre unfassbar laute "weiße Wand" aus 6005 Anhängern nach einem wahren Handball-Spektakel Nerven aus Stahl. Am Ende von insgesamt 120 packenden Viertelfinal-Minuten gegen den kroatischen Topclub RK Nexe musste das Siebenmeterwerfen entscheiden: Nach dem 30:33 im Hinspiel hatten die Zebras das Rückspiel in Kiel mit 30:27 (17:15) - es ging direkt in den finalen Shoot-out: Hier waren die Kieler Helden die Torhüter Andreas Wolff und Gonzalo Perez de Vargas, die beide je einen Strafwurf hielten. Außerdem der insgesamt zehnfache Torschütze Lukas Zerbe sowie natürlich Eric Johansson, der nach seiner Verletzung alles in die Waagschale warf, neun Tore im Spiel erzielte und zum entscheidenden Siebenmeter schritt. Der Schwede zögerte keinen Moment, traf und ließ die Arena vor Jubel erzittern.
Johansson ohne Nerven beim entscheidenen Siebenmeter
"Das war nicht einfach, aber wir haben zusammengestanden, wollten den Sieg unbedingt", freute sich Eric Johansson nach der Jubel-Orgie mit den Fans. Ob er nervös gewesen sei beim entscheidenden Siebenmeter? "Als ich den Ball in Händen hielt, nicht mehr", so Johansson mit einem Lächeln im Gesicht. "Allerdings: Ich wollte den Ball woanders hinwerfen. Habe mich aber im letzten Moment anders entschieden. Das war gut so. Der Ball war drin und wir sind in Hamburg." Johansson, auf dessen Einsatz die Zebras in Wetzlar aufgrund seiner anhaltenden Knieprobleme und zugunsten des Viertelfinal-Rückspiels verzichtet hatten, meldete sich für die Begegnung gegen Nexe einsatzbereit, während mit Elias Ellefsen á Skipagötu, Emil Madsen und Nikola Bilyk drei wichtigen Rückraumspielern nur die Zuschauerrolle blieb. So spielte der THW Kiel nahezu die komplette Spielzeit mit nur sieben, acht Spielern durch - ein Kraftakt, den die Zebras mit Emotionen, Leidenschaft und bedingungslosem Einsatz durchstanden.
Kieler spielen mit einer Formation durch
So blieb die Startformation beinahe auch die Endformation: Die Zebras begannen mit Harald Reinkind, Domagoj Duvnjak und Johansson im Rückraum, Magnus Landin und Zerbe auf den Außenbahnen sowie Veron Nacinovic und Hendrik Pekler am Kreis und im Mittelblock. Im Tor setzte Trainer Filip Jicha auf Andreas Wolff, und nach kurzer Anlaufphase war Kiels Schlussmann schnell ein starker Rückhalt, mit seinen Paraden in der Anfangsphase maßgeblich beteiligt an dem 3:0-Lauf, mit dem die Zebras den frühen 3:5-Rückstand in der neunten Minute zur ersten Führung zum 6:5 drehten. Vorne hatte Zerbe mächtig auf die Tube gedrückt, erzielte bis zur achten Minute vier Treffer, einmal von der Siebenmeterlinie, zweimal gekonnt von Rechtsaußen. Den vierten Treffer brachte "Zebu" nach langem Wolff-Pass akrobatisch am starken Jastrzebski vorbei zum 5:5 im Nexe-Tor unter.Zwei-Tore-Führung zum Seitenwechsel
Zum X-Faktor wurde aber Eric Johansson: Der Schwede war überall, warf sich in jeden Zweikampf, spielte mit klugen Pässen seine Nebenleuter frei und hatte ebenfalls kräftig am Zielwasser genippt: Er kam ab der zehnten Minute richtig in Fahrt, war Impulsgeber und strahlte große Torgefahr aus. Per Doppelschlag wandelte der Schwede das 6:6 in die erste Zwei-Tore-Führung der Kieler um. 8:6 stand es nach 13 Minuten. Die Kieler hatten jetzt das Zepter übernommen, stellten eine aggressive Abwehr und durften sich vorne vor allem auf Zerbe und Johansson verlassen. Den ersten Drei-Tore-Vorsprung markierte Veron Nacinovic in der 18. Minute zum 10:7. Nexe suchte sein Heil in der ersten Auszeit. Den Vorwärtsdrang der Zebras vermochten die Kroaten aber nicht aufzuhalten. Johansson ließ es wenig später zum 12:8 krachen, die Kieler schienen auf einem guten Weg, die Gäste schon vor der Halbzeit hoch in einen Rückstand zu schicken. Aber die Männer aus Nasice zeigten, warum sie das Hinspiel gewonnen hatten, kämpften ebenfalls bis zum Umfallen, ließen die Zebras nicht enteilen. Johansson netzte zwar weiter fleißig ein, brachte es vor dem Pausenpfiff auf acht Treffer, aber absetzen konnten sich die Zebras nicht, mussten sich mit dem 17:15 zum Pausenpfiff zufrieden geben.
Zebras ziehen davon
Magnus Landin schloss dann eine lange Kieler Ballstafette zum 18:15 ab, Nacinovic traf zum 19:15 und läutete seine persönliche Torejagd ein, die am Ende mit sieben Treffern belohnt wurde - auch dank vieler guter Anspiele von Eric Johansson. Jubel im weiten Rund dann in der 36. Minute, als Kapitän Domagoj Duvnjak zum 22:17 traf. Vom Kreis! Anspieler war einmal mehr das schwarz-weiße Energiebündel Johansson. Die erste Sechs-Tore-Führung gelang dann Harald Reinkind, der in der 41. Minute zum 25:19 abschloss. Dennoch: Der THW Kiel behauptete stets eine Fünf- oder Sechs-Tore-Führung. Zerbe traf sicher von der Siebenmeterlinie, Nacinovic war am Kreis stets anspielbar. Die letzte Sechs-Tore-Führung erzielte Johansson in der 52. Minute zum 29:23. Die Fans feierten, waren mit Lautstärke und Engagement achter Mann im Hintergrund. Plötzlich aber geriet Sand ins THW-Getriebe. Das 30. Tor wollte nicht fallen, Lukas Zerbe scheiterte erstmals von der Siebenmeterlinie, Nacinovic`Treffsicherheit vom Kreis ging verloren.
Handballgott wahrlich kein Kieler
Den Zebras war der Kraftakt nun deutlich anzuermerken, und wie schon im Hinspiel wurde Jastrzebski zum Kieler Alptraum: Der Nexe-Torhüter hielt einen Gegenstoß von Zerbe, vorn fanden die Gäste zu ihrer Treffsicherheit zurück. In der 58. Minute war beim Stand von 29:26 alles wieder offen - es drohte das direkte Siebenmeterwerfen. Nacinovic brachte den Ball dann mit ein wenig Glück zum 30. Mal über Nexes Torlinie. Kurz darauf waren die Zebras beinahe am Ziel: Doch Jastrzebski vereitelte Reinkinds Tor, eine Minute blieb den Gästen. Und die trafen zehn Sekunden vor dem Ende durch Lucin zum 27:30 - mit einem Tor der Marke "Der Handballgott ist auf Nexes Seite". Wolff hatte den Rückraumwurf gehalten, im Fallen bekam Lucin den Abpraller zu fassen und kegelte den Ball zwischen Wolffs Armen und Beinen ins Tor. Abpfiff, Siebenmeterwerfen. Entsetzen bei den THW-Fans.
Auslosung am Freitag in Wien
Doch am Ende kehrte der "Handballgott" dann doch endlich mal in dieser Spielzeit auf die Kieler Seite zurück: Jubel bei den Zebras, Ekstase bei der "Weißen Wand". Der THW Kiel hat sein Saisonziel erreicht und sich und seinen Fans den Traum von den Winamax EHF Finals in Hamburg erfüllt. Am 30./31. treffen die Zebras dort wie im Vorjahr auf die Kombination aus Titelverteidiger SG Flensburg-Handewitt, Montpellier HB und die MT Melsungen. Die Auslosung des Halbfinales in Hamburg findet am kommenden Freitag um 11 Uhr in der EHF-Zentrale in Wien statt. Live verfolgen kann man diese bei EHFTV und auf dem Youtube-Kanal der EHF.
Weiter geht’s in der Liga gegen Berlin
Das Programm des THW Kiel bleibt natürlich von den großen Personalsorgen der Zebras unberührt. Und so kommt mit den Füchsen aus Berlin am Sonntag der noch amtierende deutsche Meister und aktuelle DHB-Pokalsieger an die Förde. Es ist nach Super Cup, Hinspiel und Pokal-Viertelfinale das vierte Aufeinandertreffen beider Mannschaften in dieser Saison, und alle vier Partien entschied die Mannschaft um Superstar Mathias Gidsel für sich. Berlins neuer Coach Nikolej Krickau steht vor seinem Debüt mit den Hauptstädtern an der Förde, wurden doch bisher alle Saison-Begegnungen der Kieler mit den Berlinern auf fremdem Terrain ausgetragen. Das Spiel wird am Sonntag um kurz nach 15 Uhr angepfiffen und ist bis auf wenige Restkarten (auch im sicheren Zweitmarkt von Fans für Fans) ausverkauft. Neben Dyn überträgt auch das Free-TV die Partie. Live zu sehen ist sie auch bei Welt.tv und im NDR-Fernsehen. Weiter geht’s gegen Berlin, Kiel!
Text: Reimer Plöhn / Fotos: Sascha Klahn











