KN: Dissinger: „Ich bin schneller erwachsen geworden“

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KN: Dissinger: "Ich bin schneller erwachsen geworden"

Herzogenaurach. Es gab einen Moment im Leben von Christian Dissinger, als alles am Boden lag. 2011, im Sommer, war der damals 19-jährige Ludwigshafener in die Schweiz zu den Kadetten Schaffhausen gegangen. Selbstbewusst, aber allein in ein fremdes Land. Vier Wochen später starb unerwartet sein Vater. "Ich fiel in ein Loch", erinnert sich der heute 23-jährige Ludwigshafener. Sechs weitere Wochen später riss ihm zum ersten Mal das Kreuzband - eine Katastrophe für einen Handballer. Auch in den kommenden Jahren meinte es das Leben nicht gut mit Dissinger. Irgendwie unglaublich, dass ihn sein Weg zum THW Kiel führte.

Der 2,02-Meter-Mann ist beim THW Kiel gut angekommen

Auf einmal war alles anders: Noch bei der Junioren-Weltmeisterschaft 2011 war das 2,02 Meter große Mega-Talent mit dem Raketenwurf zum wertvollsten Spieler gewählt worden. Doch mit der TSG Friesenheim stieg er in die Zweite Liga ab. "Ich wollte mehr als Zweite Liga", sagt Dissinger. Er ging, fiel in ein Loch und kämpfte sich heraus, wurde Schweizer Meister und Supercup-Sieger, schaffte es in der Champions League bis ins Achtelfinale, konnte sich auf großer Bühne zeigen. "Eine unglaubliche Erfahrung", sagt er heute. Dann der nächste Schicksalsschlag: Erneut riss das Kreuzband. Trotzdem wollte ihn Coach Talant Duschebajew unbedingt zu Atletico Madrid holen. Eine Ehre. Mitte Juni unterschrieb Dissinger in Spanien ... Anfang Juli war der Klub insolvent, Dissinger kam nie in Madrid an. "Ich war menschlich enttäuscht." Gerissenes Kreuzband, vereinslos: Dissinger stand wieder allein da, hielt sich in Leutershausen in der Zweiten Liga fit. "Das war hart. Meine Zukunft war ungewiss, das Vertrauen in den Körper weg. In der Reha habe ich mich gefühlt wie ein Einzelsportler." "Ich bin in dieser Zeit erwachsener geworden", sagt Christian Dissinger im August 2015. Er, hinter dessen Augen mehr passiert, als seine Mimik preisgibt. Dissinger ist keine Rampensau, eher ein ruhiger Arbeiter. Einer, dessen Auftreten sagt: Ich habe schon zu viel erlebt, ich gehe es langsam an. Dennoch, nach einer nach eigenem Bekunden durchwachsenen Saison in Lübbecke, wo sich Trainer Dirk Beuchler als wertvoller Förderer erwies ("Ihm habe ich viel zu verdanken") und dem plötzlichen Wechsel nach Kiel ("Ich konnte es erst gar nicht glauben"), ist der Rückraum-Linke schon ganz schön verwurzelt im Kreise der Zebras, zeigt im Training und zuletzt im Testspiel in Rostock starke, freche, selbstbewusste Ansätze. Auch Dissinger fühlt sich in der "THW-Familie" wohl. "Alle haben es mir sehr leicht gemacht." In Kiel-Russee wohnt er gleich bei Marko Vujin nebenan, freut sich über Stadt und Meer, denn "das Meer hatte ich in meiner Karriere noch nicht". Zu Kopf steigen wird dem manchmal Stillen der Wechsel zu den Zebras ganz sicher nicht. Dissinger ist gereift. Schneller als andere. "Wenn ich so spiele wie in den letzten Spielen der Vorsaison, hat sich das Thema ganz schnell wieder erledigt", sagt er, oder: "Ich habe viel Arbeit vor mir." Auch wenn das Kieler System nach seinem Empfinden "gut zu meiner Spielweise passt", muss der Neuling noch Gigabyte über Gigabyte Taktik-Material auf einer Festplatte durcharbeiten, die ihm Alfred Gislason in die Hand gedrückt hat. Zeit für den Umzug, für Ikea-Ausflüge blieb bislang trotzdem. Sport (Tennis, Fußball mit Freunden) und Reisen sind dem 23-Jährigen wichtig. Beim Formulieren von Zielen ist Dissinger vorsichtiger als bei den Hobbys, sagt aber doch: "Ich will spielen, will vorankommen, will lernen und irgendwann für meine Arbeit belohnt werden. Denn es macht richtig Spaß, Titel zu feiern." Der Tod des Vaters, zwei Kreuzbandrisse, das Madrid-Fiasko: Diese Belohnung hat sich Christian Dissinger verdient. (Von Tamo Schwarz, aus den Kieler Nachrichten vom 04.08.2015, Foto: Sascha Klahn)