KN: „Die werden so richtig draufschlagen“

Champions League

KN: "Die werden so richtig draufschlagen"

Göppingen/Barcelona. Alles nur Taktik? Der Disput über die vermeintlich übertriebene Härte im Viertelfinal-Hinspiel der Handball-Champions-League zwischen dem THW Kiel und dem FC Barcelona hat eine neue Stufe erreicht. Hatten die Katalanen nach dem Kieler 28:26 in der Sparkassen-Arena am vergangenen Sonntag noch beleidigt geschwiegen, greifen Trainer Xavi Pascual und Co. vor dem Rückspiel am Sonnabend (18.30 Uhr) ganz tief in die martialische Verbalkiste. "Getötet", "Schande", "Respektlos" - in Kiel reagiert man mit Verwunderung. Die Zebras selbst bleiben gelassen.

Barcelona jammert, Kiel bleibt gelassen

Nach einer Nacht in Göppingen stand für die Kieler am Donnerstag noch eine Trainingseinheit in der EWS-Arena auf dem Programm, ehe es um 17 Uhr von Stuttgart aus mit dem Flieger ins urbane Herz Kataloniens ging. Wer dort zur täglich erscheinenden Sportzeitung "Mundo Deportivo" griff, musste sich erst einmal schütteln. Barca-Coach Xavi Pascual rechnet da - plötzlich ganz redselig - ab. Mit den lettischen Schiedsrichtern Zigmars Sondors und Renars Licis zum Beispiel, die das Hinspiel in Kiel geleitet hatten. "Diese Niederlage ist unglaublich, und es ist eine Schande, dass mein Team die gleiche Anzahl an Strafen bekommen hat wie der THW. Am wütendsten macht mich, dass sie sich uns gegenüber respektlos verhalten haben." Man wolle den Palau Blaugrana darum am Sonnabend "zum Kochen" bringen. Barca-Kapitän Victor Tomás geht auf dem Sport-Portal "L'Esportiu de Catalunya" noch einen Schritt weiter. Er verstehe nicht, sagt der Rechtsaußen der Katalanen, dass "die beiden zentralen Abwehrspieler das Spiel überhaupt beenden durften". Gemeint ist der Kieler Mittelblock mit Patrick Wiencek und Rene Toft Hansen. Sie hätten, sagt Tomás, "unsere Angreifer getötet". Mit den Füßen zuerst hatte zum Glück kein Spieler die Kieler Arena verlassen, doch auch Ex-Zebra Filip Jicha hatte gegenüber unserer Zeitung zu verstehen gegeben: "Wäre das Spiel nicht in Kiel gewesen, der THW hätte wohl 20 Zeitstrafen kassiert." Immerhin sprach der Tscheche noch von einem "Spiel", während sein Keeper Gonzalo Pérez de Vargas vielmehr einen "Ringkampf" auf dem Handballfeld beobachtet hatte. Beim THW jedenfalls ist man um Gelassenheit bemüht, will die schiefen Töne aus Spanien jedoch nicht unkommentiert lassen. Trainer Alfred Gislason beruft sich auf die Macht der Fakten. "Ich habe das Spiel auf Video analysiert: Es gab genau fünf brutale Fouls in der gesamten Begegnung. Drei vom THW, zwei vom FC Barcelona, alle in der letzten Viertelstunde. Rene Toft Hansen bekommt die Rote Karte, beim schweren Foul gegen Rune Dahmke hätte es allerdings auch eine Zeitstrafe geben müssen. Und Viran Morros hätte für seinen Schlag ins Gesicht von Marko Vujin auch eine Rote Karte bekommen müssen. Der Rest war aggressiv, aber alles andere als unfair", sagt der Isländer und gibt fair zu: "Barcelona hätte zwei Siebenmeter mehr zugesprochen bekommen müssen." Für Gislason ist das "Jammern" aus dem Süden "Methode". Interessant sei darüber hinaus: "Von den Verantwortlichen des FCB wurde ich nach dem Gruppenspiel in Barcelona sehr gelobt. Da wurden wir verpfiffen, aber ich hatte mich nach dem Spiel nicht dazu geäußert." Auch THW-Geschäftsführer Thorsten Storm glaubt, in dem Schweigen nach dem Spiel und den aktuellen Vorwürfen eine "Taktik" zu erkennen. "Sie bauen mit diesem Jammern vor für das Rückspiel. Vom großen FC Barcelona hätte ich das nicht erwartet. Das ist meiner Meinung nach nicht sachlich und nicht gerecht, denn es gab auch sehr harte Schlüsselsituationen gegen uns, zum Beispiel das harte Foul gegen Rune Dahmke oder den Faustschlag ins Gesicht von Marko Vujin." Anders als die Katalanen, seien die Zebras Härte gewohnt. Storm: "In Göppingen ging es auch so zur Sache. Meiner Meinung nach waren die Schiedsrichter im Hinspiel sehr auf Augenhöhe bedacht, haben viel zugelassen. Wer austeilt, muss auch einstecken können." Und was sagen die Kieler Protagonisten selbst? "Das Jammern und die Vorwürfe lassen mich kalt", gibt René Toft Hansen zu Protokoll und ergänzt mit einem Augenzwinkern: "Die Linie der Schiedsrichter war gut, die Rote Karte war in Ordnung, nur hätte nicht ich sie bekommen dürfen." Auch Blazenko Lackovic war an der Szene beteiligt gewesen. "Die Spanier können gern jammern, das ist doch gut für uns", so THW-Torwart Andreas Wolff, in Göppingen wiedererstarkt. "Denn dann wird die Stimmung im Palau Blaugrana aufgeheizt sein, dann werden sie so richtig draufschlagen. Aber wir können mit Härte umgehen, mal sehen, ob sie das auch können." (Von Tamo Schwarz, aus den Kieler Nachrichten vom 28.04.2017, Foto: Sascha Klahn)