fbpx

KN: Drachenzähmen schwer gemacht

Weitere

KN: Drachenzähmen schwer gemacht

Porto. Revanche geglückt: Drei Tage nach der überraschenden 27:28-Heimniederlage gegen den FC Porto hat sich der THW Kiel an der Atlantikküste erneut schwergetan, aber am Ende die Tabellenführung in der Gruppe B der Handball-Champions-League mit einem 30:29 (14:16) dennoch zementiert. Harald Reinkind erzielte den Siegtreffer fünf Sekunden vor dem Schlusspfiff.

Die Revanche des THW Kiel ist geglückt - 30:29-Sieg beim FC Porto durch Reinkinds Last-Minute-Tor

Bem-vindo ao Porto! In der so oft unterschätzten Schönheit am Atlantik pulsiert am Abend bei angenehmen 15 Grad das Leben auf den Straßen. Während in der Rua de Santa Catarina die Kastanien dampfen und das Sagres gezapft wird, fängt für den THW Kiel der Arbeitstag erst so richtig an. Anpfiff 19 Uhr, in Portugal also mitten am Tag. Die Dragao Arena - frei übersetzt also die Höhle des Drachen - ist ausverkauft: 40 handballverrückte Kieler Fans sehen sich 2139 gegenüber, die auf den letzten Drücker in die Arena strömen.

Apropos Drachen: Portos Maskottchen Draco erinnert stark an Ohnezahn aus dem Kinderfilm-Blockbuster "Drachenzähmen leicht gemacht", und Haudrauf ist bei den Gastgebern irgendwie auch im Kader. Das Spiel der Portugiesen ist physisch stark, voll unbändiger Wucht, oft am Rande des Erlaubten. Und Coach Magnus Andersson zieht andere Seiten auf als im Hinspiel. Bis zum 5:5 (9.) trifft der FC ausschließlich aus dem Rückraum, lässt den Torwart dort, wo er hingehört, hat gegen phasenweise allzu passive Kieler Deckungsspieler und einen glücklosen Dario Quenstedt im Kieler Tor leichtes Spiel.

Haudrauf - das kann Hendrik Pekeler auch, bei dem sich Frust seinen Weg bahnt. Der Zebra-Nationalspieler will Zeichen setzen, kassiert eine Zeitstrafe (20.), Magnus Landin gleich hinterher - doppelte Unterzahl des THW. Pekelers Frust ist nachvollziehbar. So richtig will nichts zünden: nicht Lösung eins (flexible 6:0-Deckung), nicht Lösung zwei (3:2:1), nicht Lösung drei (5:1 mit Magnus Landin an der Spitze). "Alle Systeme waren nicht verkehrt, aber wir waren in den Zweikämpfen in der Abwehr deutlich unterlegen. Deswegen lagen wir hinten", bilanziert THW-Trainer Filip Jicha später.

Und dann ist’s plötzlich wie im Hinspiel: fahrig, fehlerhaft, mit der Brechstange. Porto führt zur Pause (16:14), Porto baut seine Führung aus (19:14/33.), Portos Fußball-Fanblock singt "Allez Allez Porto" lauter und immer lauter. Die Höhle des Drachen kocht, Kiel verliert den Kopf, und leicht wird hier ganz bestimmt keiner gezähmt.

Ein Wechselbad der Gefühle: Jicha wechselt die Torhüter einmal, zweimal, dreimal. Fünf Paraden insgesamt - damit gewinnt man kein Spiel. Aber die Deckung findet sich. Mit Domagoj Duvnjaks Schläue auf der "Zwei", mit einem Doppel-Punch im Blockspiel. Der THW gleicht aus (23:23/47.). Ist das schon die Wende? Aber der FC Porto, das weiß Linkshänder Djibril M’Bengue, "gibt einfach nicht auf", führt plötzlich wieder mit zwei Toren kurz vor Schluss (29:27/58.), weil Nikola Bilyk und Duvnjak an Alfredo Quintana scheitern, Duvnjak vorbei wirft.

Die Schlussphase hat es in sich. Ausgleich Duvnjak zum 29:29 (59.). Der Kroate spielt seine ganze Cleverness aus, zieht das Stürmerfoul gegen Yoan Blanco. Eine letzte Auszeit, ein letzter Angriff, ein langer Ball quer von Bilyk auf den bestimmt nicht fehlerfreien, aber überragend unbeeindruckten Harald Reinkind. In den Winkel - 30:29, das Spiel ist aus. Jicha: "Porto hat 120 Minuten lang eine Top-Performance gezeigt. Meine Spieler haben sich heute belohnt, haben alles gelassen, wie die Wahnsinnigen gekämpft." Und den Drachen gezähmt.

 (Von Tamo Schwarz aus den Kieler Nachrichten vom 14.11.2019, Foto: FC Porto Sofarma)