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KN: Die drei Torhüter: Der Ruhige, der Verrückte, das Talent

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KN: Die drei Torhüter: Der Ruhige, der Verrückte, das Talent

Herzogenaurach. Das ist kurios: Der THW Kiel vollzieht auf der Torhüter-Position den radikalen Umbruch. Fast sah es so aus, als hätten Andreas Palicka und Johan Sjöstrand die Flucht ergriffen, als die Verpflichtung des Hochkaräters Niklas Landin zeitig bekanntgegeben wurde. Das Duo ging, ein Trio mit vier Fäusten – zwei designierte Stammkeeper und ein Talent mit Erstspielrecht beim TSV Altenholz – kam.

Das Trio mit vier Fäusten

"Ich bin gespannt", sagt Niklas Landin. Der 26-jährige Däne fühlt sich in Herzogenaurauch "noch nicht richtig dabei", laboriert an einer Schambeinentzündung. Der dänische Nationalkeeper ist als Nummer eins fest eingeplant. "Das Wichtigste sind meine Paraden. Manchmal muss man auch an sich selbst denken." Bei dem zwei Meter großen Europameister von 2012 trifft Anspruchsdenken auf Gelassenheit. Der Sunnyboy mit dem sympathischen Lachen ist im richtigen Leben wie auf der Torlinie: ruhig, abwartend, ein Steher. "Ich könnte mich mehr zeigen, aber: Ich bin, wer ich bin", sagt er mit unverwechselbarem dänischem Akzent.

Er und Freundin Liv fühlen sich mit dem kleinen Pelle (im Februar geboren) wohl in Kiel. Auch, weil Pelles Großeltern jetzt wieder in der Nähe sind. Landin, der seit einer Meningitis in der Kindheit auf einem Ohr taub ist, ist eine Torwart-Type: cool zwischen den Pfosten, warme Ausstrahlung. Einer, der einen weiten Horizont hat. Der schon jetzt Jugendliche in Nachwuchs-Camps in Aalborg und Vejle trainierte. Nicht selbstverständlich für einen aktiven Weltklasse-Spieler. "Ich möchte viel weitergeben an junge Leute", sagt Landin mit leuchtenden Augen. Im Tor trägt er lange Trikots, lässt sich von einer Schneiderin die Hosen verlängern. "Was ich nicht leiden kann, ist, wenn man meine Socken sieht - womöglich noch weiße." Gestern hat Landin neue bestellt: schwarze, 25 Paar.

Nikolas Katsigiannis, genannt "Katze", der einen griechischen Vater hat, genießt es derweil einfach nur, "hier zu sein". "Das wollte ich immer haben. Und als es mit dem THW konkret wurde, war ich echt nervös." An solche Nervosität war zwischen 2010 und 2012 kaum zu denken: Kreuzbandriss. Nun ist er da: mit Ehefrau Verena in Wellingdorf am Wasser, mit Landin ("Ich mag seinen Stil") und Plaue ("Ein großes Talent") zwischen den Pfosten. Zu Hause kocht die Katze. Der eigenwillige Keeper, dessen Markenzeichen die hochgekrempelte Hose und hochgezogene Kniestrümpfe sind, lacht: "Und meine Frau macht die Wäsche."

In Kiel hat Katsigiannis einen Einjahresvertrag. Das harte Training im Frankenland ("Alles nach Puls und super sinnvoll") nimmt er gern in Kauf. Schließlich hat der Mann Ambitionen: "In meinem Trophäenschrank ist noch viel Platz. Ich muss da nicht großartig etwas zur Seite rücken." Für einen der geliebten Trips in die USA muss dann später Zeit sein. Im Januar zum Beispiel, wenn's mit Verena nach Miami geht. Es sei denn, bei der EM in Polen kommen noch ein paar Länderspiele für Deutschland hinzu. Wieder ein Lachen und ein Gesichtsausdruck, der sagt: Ist das so abwegig? "Ich würde gern meine Chance bekommen." Der Serienfan (aktuell angesagt: "The Newsroom") genießt seine Zebrazeit schon jetzt: "Wie oft habe ich in der Sparkassen-Arena verloren? Jetzt ist sie meine Heimat."

Die Heimat von Dominik Plaue wird erst einmal Drittligist TSV Altenholz sein. Nach zwei Jahren im U23-Team sagt der 20-Jährige, der mit einem Zweitspielrecht für die THW-Profis ausgestattet ist: "Jetzt im Profi-Kader dabei zu sein, ist unbeschreiblich." Landin sei sein Vorbild, Katsigiannis habe eine verrückte Spielweise, von den beiden Routiniers ("Die perfekte Mischung, für jeden Gegner schwer auszurechnen") will das sonnige Gemüt mit dem wachen Blick lernen, lernen, lernen. Plaue wirkt klar strukturiert, lässt sich von einem Mentaltrainer beraten, seit er 2012 nach einem Schulunfall fast das Augenlicht auf einer Seite verlor.

Danach zog er bei jedem Ball den Kopf ein, jetzt steht er aufrecht im Kasten. "Ich habe gern einen Plan, lasse mich manchmal aber auch überraschen." Zurzeit beispielsweise von Oliver Kahns Biografie "Ich. Erfolg kommt von innen". Oder bei Konzerten seiner Lieblingsband U2. Oder bei gemeinsamen Rennrad-Touren mit seinem Vater. Von Büsum-Ausflügen mit Freundin Stina einmal ganz abgesehen. Und wer weiß? Vielleicht schon bald, wenn Coach Alfred Gislason bei Dominik Plaue anruft und sagt: "Dominik, heute spielst Du." (Von Tamo Schwarz. aus den Kieler Nachrichten vom 05.08.2015, Fotos: Sascha Klahn)