THW Kiel im Endspurt zum Unentschieden in Nantes

Champions League
Donnerstag, 25.02.2021 // 19:58 Uhr

Wieder so ein Krimi, wieder eine unglaublicher Kampf der Zebras, und letztlich doch noch ein kleines Happy-end: Am Ende von 60 Minuten, in denen die Kieler zunächst mit ihrer Chancenverwertung gehadert hatten, schrieb wieder Hitchcock Regie. Niclas Ekberg und Patrick Wiencek glichen mit einem Doppelschlag gegen die über weite Strecken der Partie führenden Franzosen aus, in den letzten 60 Sekunden mussten die Zebras dann leidenschaftlich verteidigen. Das gelang: Beim 24:24 (9:12) erkämpfte sich der THW Kiel einen wichtigen Punkt in der EHF Champions League. Bester Torschütze war Steffen Weinhold mit vier Treffern. 

Anreise ohne drei Rückraumspieler

Die Kieler waren ohne Nikola Bilyk (Knie), Miha Zarabec, der sich noch in Quarantäne befindet, und den angeschlagenen Sander Sagosen nach Frankreich gereist - umgekehrte Vorzeichen also zum Hinspiel, als die Gäste ersatzgeschwächt in Kiel antreten mussten. Und so wurde die erste Auswärtspartie überhaupt des THW Kiel in Nantes zu einer Gleichung mit vielen Unbekannten - zumal die Zebras auch die beiden extrem harten Partien innerhalb von vier Tagen gegen Magdeburg und Aalborg in den Knochen spürten.

Stoppschild Nielsen

Der THW begann wie gegen Aalborg die Partie mit Steffen Weinhold auf der Mitte, nebem ihm agierten zunächst Oskar Sunnefeldt und Harald Reinkind. Der Start war vielversprechend, Reinkind bediente Pekeler zum 1.0, und die Abwehr leistete klasse Arbeit. Dass die Gastgeber beim 4:2 erstmals mit zwei Treffern vorn lagen, war ihrem Stoppschild zu verdanken: Torhüter Emil Nielsen zeigte hielt Würfe in Serie, war schnell in den Köpfen der Kieler Angreifer. Und trotzdem hielten die Zebras dagegen, kamen beim 7:7 durch Sven Ehrig und 8:8 durch Wiencek nach feinem Reinkind-Pass zum Ausgleich. Und auch wenn Nantes wieder davonzog, blieben die Kieler in einer von vielen Fehlern geprägten Halbzeit dran. Doch nach Weinholds 9:10 (28.) musste der THW Kiel doch noch abreißen lassen: Figueras und Damatrin trafen zum 12:9-Pausenstand für die Gastgeber.

THW kämpft sich heran

Nach dem Wechsel brachte Jicha Niklas Landin ins Kieler Tor, um einen neuen Akzent zu setzen. Und diese Maßnahme hatte gleich Erfolg, mit zwei wichtigen Paraden fand der Welthandballer direkt ins Spiel. Allerdings konnten seine Vorderleute davon zunächst nur bedingt profitieren, und so blieben die Gastgeber nach insgesamt fünf torlosen Minuten mit drei Toren vorn: Damatrin-Bertrand hatte getroffen. Doch man merkte den Zebras nun an, dass sie noch intensiver arbeiten wollten. Die Räume noch schneller zustellen. Sich heranrobben an einen Gegner, dem die Spielbelastung der vergangenen Tage ebenfalls anzumerken war. Eine Zeitstrafe für die Gastgeber wirkte ein wenig wie ein Brustlöser, in Überzahl trafen Ehrig und Reinkind zum 13:14-Anschluss, doch der Ausgleich sollte (noch) nicht gelingen. In der 42. Minute war es aber soweit: Pekeler traf nach dem letztmöglichen Pass bei drohendem Passiv-Spiel zum 15:15.

Turbulente Schlussphase

Nantes konterte, zog nach einer ärgerlichen Zeitstrafe für Niklas Landin, der sich etwas zu laut über eine Entscheidung geärgert hatte, und kurz zuvor auch Weinhold wieder auf 20:17 davon. Nun war guter Rat teuer: Jicha beorderte Rune Dahmke auf die Mitte, und der Linksaußen brach den Torbann nach feinem Eins-gegen-Eins. Aber die Franzosen blieben am Drücker, führten sechs Minuten vor dem Ende noch mit 23:20. Was dann passierte, war großer Kieler Handball: Weinhold auf Ekberg, der weiter zu Magnus Landin: Kempator zum 21:23, dann hielt Niklas Landin gegen den frei vor ihm auftauchenden de la Breteche, was der überragende Weinhold zum 22:23 nutze. Zwar legte der HBC nach, doch die Zebras glaubten an einen Punktgewinn: Ekberg per Siebenmeter, Wiencek in Überzahl zum 24:24 (59.). Als dann Landin mit einer Doppelparade glänzte, verpassten die Zebras sogar noch den doppelten Punktgewinn, weil Weinhold am leeren Tor vorbeiwarf. Dafür verteidigten sie den Punkt in einer turbulenten letzten Minute, nach der ein verdientes Remis auf der Anzeigetafel von einem neuerlichen, großartigen Hineinknien der Kieler Mannschaft zeugte. 

Sonntag Spitzenspiel gegen Berlin

Die Zebras machten sich direkt nach dem Schlusspfiff wieder auf die Heimreise gen Kiel. Im Luftraum über Frankreich hätten sie dabei beinahe schon ihrem kommenden Gegner winken können: Die Füchse Berlin spielten am Mittwoch in Nimes und flogen am Donnerstagnachmittag zurück in die Hauptstadt. Am Sonntag dann kommt es um 13:30 Uhr (live bei Sky) in der Wunderino Arena zum Top-Spiel der Zebras gegen die Füchse, die zuletzt in der LIQUI MOLY Handball-Bundesliga nach zwei Heim-Niederlagen gegen Flensburg (29:33) und die Rhein-Neckar Löwen (23:29) ein wenig den Kontakt zu den Champions-League-Plätzen verloren haben. Kein Wunder also, dass die Berliner am Sonntag auf Wiedergutmachung sinnen. Den Zebras steht im vierten Top-Spiel innerhalb einer Woche also einmal mehr eine harte Aufgabe ins Haus: Weiter geht's in der Wunderino Arena, Kiel!

EHF Champions League, 13. Spieltag: HBC Nantes - THW Kiel: 24:24 (12:9)

HBC Nantes: Dumoulin (44.-60., 1 Parade), Nielsen (1.-44., 9 Paraden); Damatrin (3), Briet (2), Milic (1), Nyokas, Rivera, Cavalcanti (3), Pechmalbec (4), Figueras (2), Feliho, Minne (4), Lazarov (5/2), Gurbindo, Monar, de la Breteche; Trainer: Entrerrios
THW Kiel: Landin (31.-47., 49.-60., 7/1 Paraden), Quenstedt (1.-30., 47.-49., 3 Paraden); Ehrig (3), Duvnjak (2), Reinkind (2), M. Landin (1), Sunnefeldt (3), Weinhold (4), Wiencek (3), Ekberg (3/2), Ciudad (n.e.), Wäger (n.e.), Dahmke (1), Voigt, Horak, Pekeler (2); Trainer: Jicha

Schiedsrichter: Radojko Brkic / Andrei Jusufhodzic (AUT)
Zeitstrafen: Nantes: 7 (3x Cavalcanti (9., 48., 54.), de la Breteche (20.), Feliho (26.), Gurbindo (37.), Briet (57.)) / THW: 5 (Ekberg (12.), Pekeler (34.), 2x Weinhold (47., 60.), N. Landin (47.))
Rote Karte: Cavalcanti, 3. Zeitstrafe (54.))
Siebenmeter: Nantes: 3/2 (Landin hält Rivera (39.)) / THW: 2/2
Spielfilm: 0:1, 2:1 (3.), 2:2, 4:2 (6.), 4:4 (9.), 5:5, 7:5 (13.), 7:7 (18.), 8:8, 10:8 (24.), 10:9 (28.), 12:9;
12:10, 13:10 (35.), 14:11 (36.), 14:14 (41.), 16:16 (44.), 18:16, 18:17 (46.), 20:17 (49.), 21:18 (50.), 23:20 (54.), 23:22, 24:22 (57.), 24:24 (59.). 
Zuschauer: 0 (H Arena, Nantes)

Stimmen zum Spiel

THW-Trainer Filip Jicha: Dieser Punkt fühlt sich wie ein Sieg an. Ich muss den Hut ziehen vor dem Willen meiner Spieler. Auch wenn das Spiel gegen uns läuft, bleiben sie dran. Wir glauben daran, wir sind vielleicht nicht spritzig genug, wir sind vielleicht in den Abläufen nicht so sicher, wie es sein sollte, aber die Jungs glauben an die Sache. Wir haben in der ersten Halbzeit extrem langsam gespielt und mit einer ausbaufähigen Quote. Aber das müssen wir derzeit in Kauf nehmen. Dieser Punkt heute kann in unserer Situation Gold wert sein, wir haben unser Abschneiden noch selbst in der Hand. Das ist eine gute Nachricht.

THW-Linksaußen Rune Dahmke: Wenn man sich den Spielverlauf ansieht, war das ein gewonnener Punkt, auch wenn wir noch die Chance hatten, zu gewinnen. Aber insgesamt kann man damit schon zufrieden sein. Wir haben jetzt drei Spiele in fünf Tagen nach 14 Tagen Couch und Training zu Hause gehabt - da fehlt uns noch Rhythmus Gerade im Angriff fehlen noch ein wenig das Timing und Absprachen, aber wir werden jedes Spiel ein bisschen besser. Ich hoffe, der Trend setzt sich fort. 

THW-Rückraumspieler Steffen Weinhold: Wie am Dienstag sind wir heute lange einem Rückstand hinterhergelaufen - und wir konnten noch einen Punkt holen. Beiden Mannschaften hat man allerdings angemerkt, dass sie in den letzten Tagen viel gespielt haben. Aber ich glaube, dass wir gute Lösungen gefunden, aber einfach zu viel liegengelassen haben. Unsere Chancenverwertung war schlecht. In der zweiten Halbzeit haben wir dann mit unserer 3-2-1-Abwehr einige Bälle geholt. Vielleicht hätte ich mir den Wurf 90 Sekunden vor Schluss nicht nehmen sollen, dann hätten wir vielleicht sogar noch gewonnen. Aber der eine Punkt ist im Hinblick auf die Tabellenkonstellation wirklich was wert.