THW Kiel deklassiert Melsungen im Top-Spiel

Bundesliga
Donnerstag, 31.10.2019 // 20:31 Uhr

Mit einer beeindruckenden Mannschaftsleistung hat der THW Kiel das Top-Spiel der LIQUI MOLY Handball-Bundesliga gegen den Tabellendritten MT Melsungen klar für sich entschieden: Mit 38:26 (20:14) fegten die Zebras die Nordhessen aus der Sparkassen-Arena, die schon in der ersten Halbzeit einem grandiosen Tollhaus glich. Herausragend: Torhüter Niklas Landin, der mit 18 Paraden einmal mehr seine Weltklasse unterstrich, und Niclas Ekberg, der 10/6 Treffer erzielte. Der Erfolg, durch den sich die Schwarz-Weißen zumindest bis zum Wochenende auf Platz zwei der Tabelle vorschoben, war umso beeindruckender, weil Kapitän Domagoj Duvnjak bereits in der fünften Minute eine umstrittene rote Karte gesehen hatte.  

Rot für Duvnjak

Nach nicht einmal fünf Minuten war das Spiel für Duvnjak zu Ende

Feiertag in Schleswig-Holstein - und von Beginn an wurde die Top-Begegnung zwischen dem Vierten THW Kiel und dem Dritten MT Melsungen eine besondere Partie. Die Kieler legten wieder los wie die sprichwörtliche Feuerwehr, lagen nach Landin-Paraden in Serie mit 3:0 und 4:1 vorn. Die Schnelle Mitte der Gäste nach Nikola Bilyks Treffer sollte der Partie eine erste Wendung geben: THW-Kapitän Domagoj Duvnjak kam gegen Julius Kühn ein wenig zu spät, hatte Kontakt, zog aber zurück. Zur Überraschung aller zogen Lars Geipel und Marcus Helbig nach kurzer Beratung die rote Karte. Die erste von zahlreichen höchst umstrittenen Entscheidungen in der ersten Halbzeit, die den Hexenkessel Sparkassen-Arena richtig zum Brodeln und eine ordentliche Portion Hektik ins Spiel brachten. Während Duvnjak nach knapp fünf Minuten auf der Tribüne Platz nehmen musste, nutzte Melsungen die kurzfristige Umorientierung der Kieler Abwehr im Stile eine Klasse-Mannschaft eiskalt aus.

Melsungen geht in Führung

Eiskalt: Niclas Ekberg war erneut bester Torschütze

In Überzahl entschärfte Simic im MT-Kasten Wurf um Wurf, und mit einem Kempa-Tor erzielten die Gäste in der elften Minute durch Häfner die erste Führung. Fortan konnte der THW nur noch nachlegen, hatte aber in Harald Reinkind wieder einmal einen starken Werfer in ihren Reihen, der vor dem 9:9 auch ein Auge für Niclas Ekberg hatte. Kurz darauf sprintete der Schwede in einen Pass von Julius Kühn: Der Nationalspieler, der nach dem Duvnjak-Foul und dem etwas zu heftigen Reklamieren bei jeder Aktion ausgepfiffen wurde, wirkte völlig verunsichert. Ekberg war das egal, er sprintete zum 10:9. Nach 16 Minuten hatten sich die Zebras wieder gefangen. Und legten jetzt wieder richtig los: Reinkind traf bei drohendem Zeitspiel zum 11:10, Landin hielt gegen den frei vor ihm auftauchenden Salger, was Wiencek zum 12:10 veredelte. Längst war die Arena auf Betriebstemperatur, und Wiencek forderte von den THW-Fans noch mehr Einsatz. 

Klare Führung zur Pause

Patrick Wiencek hatten viel Grund zum Jubeln

Und den bekamen die Zebras, die auch auf dem Feld immer dichter zusammenrückten. Jeder Block, jede Parade, jedes Stopp-Foul wurde bejubelt - und das beflügelte die Schwarz-Weißen. Nach Reinkinds 14:11 nahm MT-Trainer Heiko Grimm die Auszeit, den THW aufhalten konnte er damit allerdings nicht. Hendrik Pekeler erhöhte auf 15:11, Reinkind bediente Wiencek zum 16:12, Landin hielt einen Gegenstoß von Allendorf, was Ekberg mit einem fantastischen Dreher zum 17:13 belohnte. Die Fans hatte es zu diesem Zeitpunkt längst aus den Sitzen gerissen, mit stehenden Ovationen feierten sie ihre Mannschaft und feuerten sie gleichzeitig weiter an: Magnus Landin schnappte sich einen Kühn-Pass und vollendete wuchtig zum 18:13, sein Bruder Niklas hielt gegen Mikkelsen, und Wiencek netzte zum 19:13 ein. Die Sechs-Tore-Führung im Tollhaus Sparkassen-Arena sollte auch beim 20:14 zur Pause noch Bestand haben.

Kiel wie im Rausch

Überragend: Niklas Landin parierte 18 Würfe

Manche Beobachter sprachen nach den letzten zehn Minuten der ersten Hälfte von einem Rausch, in den sich der THW Kiel gespielt habe. Sie wurden eines Besseren belehrt: Der Rausch folgte in der zweiten Hälfte! Alles begann mit einem Traumpass von Bilyk auf Wiencek, Landins Parade gegen Kühn, Bilyks Treffer zum 23:15, Landins erneute Parade gegen Kühn und Bilyks Gegenstoß zum 24:15. Er steigerte sich durch Reinkinds kompromisslose Schnelle Mitte zum 25:16, Landins "Kopf-Parade" gegen Schneider und Ekbergs verwandelten Siebenmter zum 26:16. Zehn-Tore-Führung im Spitzenspiel - und die Zebras hatten noch lange nicht genug. Standen hinten dicht. Zauberten. Boten einen tollen Handball, der alle Positionen mit einbezog.

Ein toller Handballabend

Immer häufiger im Mittelpunkt: Hendrik Pekeler. Der Kieler Kreisläufer traf aus allen Lagen, holte Strafwürfe raus, ackerte. Drei seiner fünf Treffer erzielte er zwischen dem 28:18 und 32:20 (47.), dann bediente der nach vorn eilende Pavel Horak Patrick Wiencek, der per traumhaftem Heber auf 33:20 stellte. Landin hielt weiter, beim 36:21 (54.) durch Magnus Landin war der THW auf 15 Treffer enteilt, am Ende feierte Kiel einen starken Handballabend, der im Gedächtnis bleiben wird: Enthusiastische Fans, Hexenkessel-Atmosphäre und eine Mannschaft, die sich durch nichts von ihrem Weg abbringen ließ. Stark!

Sonntag in Zaporozhye

Sechs Treffer: Harald Reinkind

"Wir haben bis zum Jahresende ein Hammer-Programm zu absolvieren. Es kommt eine ganz harte Zeit auf uns zu, die angesichts der vielen Spiele und der kaum vorhandenen Regenerationszeiten körperlich und mental extrem belastend werden wird", hatte Viktor Szilagyi vor der Begegnung im Hallen-Magazin Zebra angekündigt. Und diese harte Zeit hat längst schon wieder begonnen: Am Samstag besteigen die Zebras in Holtenau eine Chartermaschine, die sie in das gut 2300 Kilometer entfernte Zaporozhye bringen wird. Nach einer Trainingseinheit am Abend geht es dann am Sonntag richtig zur Sache: Um 17 Uhr deutscher Zeit wollen die Kieler mit einem Sieg in der ostukrainischen Stadt ihre Tabellenführung in der Gruppe B der VELUX EHF Champions League verteidigen. Sky überträgt live aus dem "Sport Palast Yunost", in dem der HC Motor Zaporozhye nach drei Jahren im "Exil" in Charkow erstmals wieder seine Heimspiele austragen darf. "Wir fahren da hin, wollen gut spielen, zwei Punkte holen und dann schnell wieder zurück nach Kiel", umriss Harald Reinkind den Kieler Fahrplan für das Wochenende: Weiter geht's in die Ukraine, Kiel!  

LIQUI MOLY HBL, 11. Spieltag, 31.10.2019: THW Kiel - MT Melsungen: 38:26 (20:14)

THW Kiel: N. Landin (1.-60., 18 Paraden), Quenstedt (2 Siebenmeter, keine Parade); Duvnjak, Reinkind (6), M. Landin (5), Kristjánsson (1), Wiencek (5), Ekberg (10/6), Rahmel (1), Dahmke (n.e.), Zarabec (1), Horak, Bilyk (4), Pekeler (5), Nilsson; Trainer: Jicha
MT Melsungen: Sjöstrand (31.-60., 6 Paraden), Simic (1.-30., 5 Paraden); Maric, Kühn (2), Lemke (4), Reichmann (2), Ignatow, Kungel, Mikkelsen (1), Danner, Schneider, Allendorf (9/5), Sidorowicz, Häfner (5), Salger (2), Pavlovic; Trainer: Grimm

Schiedsrichter: Lars Geipel / Marcus Helbig
Strafzeiten: THW: 3 (Zarabec (8.), Bilyk (24.), Horak (45.)) / MT: 6 (Häfner (13.), Salger (20.), Maric (25.), Kühn (30.), Schneider (39.), Danner (44.)) 
Rote Karte: Duvnjak (grobes Foulspiel (5.))
Siebenmeter: THW: 6/6 / MT: 6/5 (Allendorf an die Latte (56.), Nachwurf verwandelt)
Spielfilm: 3:0 (3.), 4:1 (5.), 5:2 (7.), 5:6 (11.), 8:9 (14.), 10:9 (16.), 10:10, 13:10 (20.), 15:11 (22.), 16:13 (26.), 19:13 (29.), 20:14;
21:15 (32.), 24:15 (37.), 27:17 (40.), 30:19 (44.), 30:20, 33:20 (48.), 36:21 (54.), 37:23, 38:24 (59.), 38:26.
Zuschauer: 10285 (ausverkauft) (Sparkassen-Arena, Kiel)

Stimmen zum Spiel:

THW-Trainer Filip Jicha: Ich muss meiner Mannschaft ein großes Kompliment aussprechen. Es ist nicht selbstverständlich, wenn man eine Länderspielpause einlegen musste, so eine Leistung zu zeigen. Ich bin stolz, was meine Mannschaft in diesem Spiel alles investiert hat, mit welchem Elan und Schwung sie diese Aufgabe bewältigt hat. Nach der Roten Karte für Dule mussten wir das Spiel umbauen, in dieser Phase sind wir dann zusammengerückt, haben weiter ideenreich gespielt und diese hektischen Momente gut für uns genutzt. Die leichten Tore, die wir da hintereinander erzielen konnten, haben uns gut getan, haben uns beflügelt. Aber: Aktuell werden noch keine Titel verteilt, sondern eher Titel verloren. Und deshalb dürfen wir uns von der Tabelle nicht beeinflussen lassen. Wir müssen weiter hart arbeiten, und dann werden wir sehen, wo wir landen werden.

MT-Trainer Heiko Grimm: Nach einer Zwölf-Tore-Niederlage klingt es vielleicht kurios, aber wir haben in den ersten 20 Minuten ein ziemlich gutes Spiel gemacht und lagen sogar in Führung. So hatten wir uns das eigentlich über 60 Minuten vorgenommen. Dann wurde es hektisch, und wir sind nervös geworden, sodass der THW Kiel bis zur Pause wegziehen konnte. DIe zweite Halbzeit müssen wir ehrlich besprechen, warum wir das Handballspielen einstellen, wenn es mal nicht läuft. Wir wollten ein Spitzenspiel liefern, weil wir eine starke Mannschaft sind. Man muss ehrlich sein, dass von vielen Spielern sehr wenig Leistung gezeigt worden ist. Wir stehen in guten Tagen zusammen und müssen auch in schlechten Tagen zusammenstehen.

MT-Geschäftsführer Axel Geerken: Glückwunsch zum überaus verdienten Sieg. Wir haben gut begonnen, waren da. Dann sind wir aber sehr schnell in Rückstand geraten, das war der Knackpunkt. Was uns aber nicht passieren darf ist, dass wir komplett auseinanderfallen. Dem müssen wir auf den Grund gehen.

THW-Geschäftsführer Viktor Szilagyi: Es hat mir heute besonders imponiert, wie wir auf alle Widrigkeiten reagiert haben, sei es die Länderspielpause oder auch die Rote Karte für Dule. Meiner Meinung nach hätte in dieser Szene eine Zwei-Minuten-Strafe ausgereicht. Dule sieht, dass er zu spät kommt, hat Kontakt, aber zieht dann zurück. Durch diese Situation haben wir Probleme bekommen, dann aber schnell gut reagiert. Was mich besonders freut: Wir haben 60 Minuten durchgezogen, das Spiel kontrolliert. Ich denke, die Zuschauer hatten heute ihren Spaß.

THW-Kapitän Domagoj Duvnjak bei Sky: Wir wollten unser Spiel mit sehr viel Tempo aufziehen. Unsere Jungs haben es unglaublich gut gemacht, und wir haben verdient mit zwölf Toren Vorsprung gewonnen. Ich glaube, die rote Karte gegen mich war viel zu hart. Es war mein erstes Foulspiel, aber ich habe es akzeptiert. Ich habe mich nicht darüber geärgert, sondern habe dieses Spiel von außen genossen. Wichtig war es, dass wir dieses Spiel gewonnen haben.

THW-Kapitän Niklas Landin bei Sky: Wir wussten, dass so hohe Siege möglich sind, wenn wir richtig gut aufspielen. Aber nach einer Länderspielpause weiß man nie, wo genau man steht. Nach zehn Sekunden war diese Pause eigentlich schon vergessen. Die Halle war ebenfalls von Anfang an dabei, und das hat uns stark gemacht.