KN: Die letzten 60 Minuten einer Ära

THW Kiel in den Medien
Dienstag, 11.06.2019 // 11:36 Uhr

Kiel. Am Ende keimt noch einmal Hoffnung auf. Der Blick aufs Handy, nach Düsseldorf. Plötzlich liegt dort die SG Flensburg-Handewitt im Titelrennen nur noch mit einem Tor beim Bergischen HC vorn. In der Kieler Arena erfüllt der THW Kiel seine Pflichtaufgabe, besiegt die TSV Hannover-Burgdorf mit 30:26 (15:13). Und doch reicht es am Ende nicht. Die Zebras sind Vizemeister mit nur sechs Minuspunkten. Besser war ein Vizemeister in der Handball-Bundesliga nie. "Wir haben in der Kabine noch nicht mit dem Feiern begonnen, da waren wir erst einmal ganz schön enttäuscht", sagt Lukas Nilsson, bevor die Enttäuschung von Minute zu Minute weicht: der Freude über das Double aus DHB-Pokal und EHF-Cup sowie der Lust auf mehr.

11.06.2019

Der THW Kiel besiegt die TSV Hannover-Burgdorf mit 30:26 und wird am Ende Vizemeister

Alle Augen sind auf Alfred Gislason gerichtet. 60 Minuten trennen den 59-jährigen Isländer von seinem Karriereende als Vereinstrainer. 27 Jahre in der Bundesliga, davon 22 Jahre als Trainer, elf beim THW Kiel. 31 Titel hat Gislason als Spieler und Trainer gesammelt, allein 20 an der Förde. Phänomenal. Das lässt sich nicht von der Seele schütteln. Mit starrem Blick läuft der Kieler Chefcoach in die Arena ein. Als er aus den Händen von Klaus Elwardt die Trophäe für die Wahl zum "Trainer der Saison" in Empfang nimmt, branden zum ersten Mal "Alfred! Alfred!"-Sprechchöre auf. "Dieser Tag, die Reaktion der Fans - das hat mich sehr berührt", wird Gislason später sagen.

Anpfiff. Gislason bleibt ruhig, "Schlimm! Ich kann mich dabei nicht sehen", hat er einmal gesagt, doch das ganz wilde Rudern mit den Armen, das "Mitspielen" in Gedanken bleibt aus. Gislason verschränkt die Arme, steht breitbeinig vor der Bank, wippt zurück, wippt vor, lässt sich nicht anmerken, wie es in ihm brodelt, als zweimal Nikola Bilyk, Magnus Landin, Steffen Weinhold an TSV-Keeper Urban Lesjak scheitern, der dann auch noch Niclas Ekberg einen Siebenmeter abkauft (6.). Hannover führt (4:2/9.). Domagoj Duvnjak bringt den THW zum ersten Mal in Front (6:5/12.), aber in Düsseldorf liegt die SG mit 6:3 vorn.

Der ebenso unerwartete wie wahre Satz zu diesem letzten Spiel der Saison: Die Recken zaubern. Genau, die Recken, nicht die Zebras. 10:9 für die TSV durch Nationalspieler Fabian Böhm nach Lust-und-Laune-Kempa-Anspiel von Timo Kastening. Warum auch nicht? Der Gast hat nichts zu verlieren. Miha Zarabec kommt für Duvnjak, hinten soll es die 3:2:1 richten. Hannovers Coach Carlos Ortega sucht sein Heil im siebten Feldspieler, lässt das Tor verwaist. Ekberg und Pekeler nutzen die Gunst die Stunde - 15:11 (28.), aber Flensburg gibt sich keine Blöße, liegt mit 12:6 vorn. Hoffnung? Gleich null. 

Nach der Pause kriecht jeder Spielzug zurück in Alfred Gislasons Blutbahn. Der zuckt und zappelt, trippelt und verschränkt immer wieder die Arme, wischt sich Schweißperlen von der Stirn. Nach der Phase zwischen dem 20:16 (37.) und 20:19 (40.) die ersten Zornesfalten, als wolle er sagen: "Was soll das? Was macht Ihr da?" Steffen Weinhold - bärenstark! - übernimmt Verantwortung, bringt den THW zurück in die Spur (23:20/44.). Der Bergische HC verkürzt in Düsseldorf auf 16:19. Hendrik Pekeler muss gestützt werden, humpelt vom Feld, muss am Knöchel behandelt werden, kehrt wenig später zurück. Nichts wird dem Zufall überlassen. Ekbergs Siebenmeter zum 28:24 (57.) sorgt für die Entscheidung. Ab jetzt: Standing Ovations. Job erledigt! Und Flensburg? Führt 24:20 (53.), 24:22 (55.), 24:23 (56.). Geht da noch was? Die Spieler erkundigen sich - beim Publikum, bei Betreuer Michael Menzel. Hoffnung. Doch es reicht nicht am Ende der letzten 60 Minuten mit Alfred Gislason. Am Ende einer Ära.

(Von Tamo Schwarz und Merle Schaack, aus den Kieler Nachrichten vom 11.06.2019, Foto: Sascha Klahn)

Stimmen zum Spiel aus den Kieler Nachrichten:

Domagoj Duvnjak, THW-Kapitän: "Wir sind stolz auf diese Saison und werden in der nächsten Saison wieder ein Titelkandidat sein, da bin ich mir sicher. Die Mannschaft bleibt einfach stark. Und auch der neue Trainer hat schon gezeigt, was er kann. Ja, ich bin enttäuscht, aber nur ein bisschen. Die Niederlage gegen Magdeburg ärgert mich noch immer, aber so ist Sport. Die SG hat den Titel verdient."

Niklas Landin, THW-Torwart: "Ich bin stolz und enttäuscht zugleich. Mit sechs Minuspunkten wird man fast immer Meister, aber jetzt müssen wir eben der SG Flensburg-Handewitt applaudieren. Sie war stabil, hatte auch das nötige Glück. Dass Alfred jetzt nicht mehr da ist, habe ich noch nicht ganz kapiert. Das sehen wir wirklich erst, wenn wir in der Saisonvorbereitung nicht mehr seine Übungen ertragen müssen."

Magnus Landin, THW-Linksaußen: "Ich finde, dass es ein echt komisches Gefühl ist, so eine gute Saison zu spielen und am Ende nicht Meister zu werden. Aber das ist im Sport manchmal wohl so. 2019 war mit dem Weltmeistertitel mit Dänemark, dem DHB-Pokal und EHF-Cup mit dem THW Kiel ein unglaubliches Jahr für mich. Das hätte ich niemals so erwartet."

Viktor Szilagyi, Sportlicher Leiter THW Kiel: "Ich bin nicht enttäuscht, denn wir hatten es im letzten Spiel nicht mehr in der eigenen Hand. Die Mannschaft hat ihre letzte Aufgabe gegen Hannover-Burgdorf gut gelöst, das Publikum hat feinfühlig reagiert. Im Abstiegskampf hat ein Tor entschieden, bei uns zwei Punkte - das zeigt einmal mehr, dass die Bundesliga die stabilste Liga der Welt ist."

Fabian Böhm, TSV-Rückraumspieler: "Für ein letztes Spiel war das sehr spannend. Kiel hat sich mit unserer Abwehr relativ schwer getan. Ich will jetzt nicht sagen 'zum Glück hatten wir keinen Einfluss auf die Meisterschaftsentscheidung'. Aber wir haben bis zum Schluss gekämpft, und es lag nicht an uns. Wir sind in der Liga mit dem 13. Platz überhaupt nicht zufrieden. Aber auf das Viertelfinale im EHF-Cup sind wir stolz."