28:27-Erfolg in der Hölle von Eisenach: Zebras holen sich den nächsten Auswärtssieg!

Bundesliga

28:27-Erfolg in der Hölle von Eisenach: Zebras holen sich den nächsten Auswärtssieg!

Der THW Kiel bleibt die Mannschaft der zweiten Halbzeit. Die neuformierte Zebraherde lässt sich selbst durch Rückstände, eine überharte Gangart des Gegners oder eine komplett frenetische Fan-Hölle nicht mehr aus der Ruhe bringen. Beim ThSV Eisenach drehten die Zebras in einem echten Handball-Krimi einen Drei-Tore-Rückstand (44.), gewannen am Ende eines echten Abnutzungskampfes mit 28:27 (14:14) und starteten mit einem weiteren Auswärtssieg gut gelaunt die vielstündige Heimreise gen Norden. Bester Kieler Torschütze vor 2850 Zuschauern in der Wener-Aßmann-Halle war Rechtsaußen Lukas Zerbe, der sechsmal ins gegnerische Tor traf.

Zebras bestehen Stresstest

Ein Handballspieler in einem schwarz-weißen Trikot jubelt während eines Spiels mit geballten Fäusten, im Hintergrund sind seine Mannschaftskameraden und eine verschwommene Menschenmenge zu sehen.Es war der erwartete Stresstest für die Kieler, den die Mannen um Kapitän Domagoj Duvnjak am Ende mit eine bärenstarken Abwehrleistung und den großartigen Paraden von Torhüter Gonzalo Perez de Vargas für sich entschieden. 45 Sekunden vor dem Ende hatte Linkshänder Emil Madsen seine Zebras mit energischem Einsatz in Front geworfen, danach kämpfte die THW-Abwehr wie in den 59 Minuten zuvor aufopferungsvoll um jeden Zentimeter: Neun Sekunden vor dem Ende blieben den Eisenachern nur noch drei Pässe, der letzte landete bei Felix Aellen, der fast mit der Schlusssekunde an Perez de Vargas scheiterte. Der Spanier feierte auf dem Hosenboden sitzend, wurde danach von seinen Mitspielern überschwänglich bejubelt. Eisenachs Taktik, mit Härte an der Grenze des Zumutbaren das Kieler Spiel zu zerstören, war nicht aufgegangen.

Vincent Büchner feiert seine THW-Tor-Premiere

Zwei männliche Handballspieler in schwarz-weiß gestreiften Trikots feiern auf einem Hallenfeld. Der eine jubelt mit vor Aufregung geballten Fäusten, während der andere ihm gegenübersteht. Im Hintergrund sind das blaue Spielfeld und Werbeplakate zu sehen.Börge Lund konnte einmal mehr in Thüringen aus den personellen Vollen schöpfen. Mit dabei war natürlich der Ex-Eisenacher Vincent Büchner: Der Kieler Neuzugang feierte vergangenen Sonnabend nach siebenwöchiger Verletzungspause gegen seinen Ausbildungsklub Hannover-Burgdorf Bundesliga-Premiere im THW-Trikot, in Eisenach begrüßte der gebürtige Hildesheimer erneut ehemalige Mitspieler, kehrte er doch an seine letzte Wirkungsstelle zurück. Eine besondere Partie also für den 28-jährigen Linksaußen. Büchner erzielte in seiner ehemaligen Halle seinen ersten Treffer für die Kieler, die aber erneut mit einer Formation ohne Neuzugänge starteten. Von Beginn an wach war Perez de Vargas, ging direkt mit einer Glanzparade gegen Solak in die Partie. Elias Ellefsen à Skipagötu nutzte den schnellen Ballgewinn, tunnelte auf der anderen Seite ThSV-TorhüterSpikic nach 50 Sekunden zum 1:0 für Kiel. 

Guter Kieler Start

Zwei Handballspieler, einer in Weiß und einer in Blau, stürzen sich auf einem strahlend blauen Spielfeld vor und greifen beide nach einem türkisfarbenen Ball, während sich ein weiterer, blau gekleideter Spieler in den Kampf einmischt.Die Kieler übernahmen sofort die Kontrolle: Harald Reinkind zimmerte den Ball in den Winkel, Perez de Vargas hielt glänzend gegen Walz, und Lukas Zerbe traf nach à Skipagötus Traumpass zur 3:1-Führung. Dann schafft es Eisenach, die Partie hektischer werden zu lassen - mit viel Härte und dem Glück, dass diese zugelassen wurde. Eric Johansson bekam einen Schlag ins Gesicht, wurde fortan wild ausgebuht. Erst recht, nachdem er einem Ball hinterhergehechtet und diesen gesichert hatte. Die Zebras ließen sich dennoch nicht aus der Ruhe bringen: à Skipagötu, von der beinahe in 3-3-Formation deckenden Eisenacher Abwehr früh angenommen, wirbelte trotzdem in der Angriffsmitte, traf und setzte seine Mitspieler sehenswert in Szene. So führten die Zebras nach 13 Minuten durch Veron Nacinovic, der später mit einer klaffenden Platzwunde an der Augenbraue blutend vom Feld musste, mit 6:4, legten beim 8:5, 9:6 und 10:7 jeweils eine Drei-Tore-Führung vor. 

Eisenach übernimmt die Kontrolle

Ein Handballspieler im weißen Trikot springt hoch, um einen Wurf zu versuchen, während ein Torwart im rosa Trikot die Arme hebt, um den Ball abzuwehren. Hinter ihnen verfolgen Zuschauer das Geschehen von den Tribünen aus.Dann schlichen sich Fehler ein, die schwarz-weiße Angriffsmaschinerie stockte. Es folgte ein Eisenacher 4:0-Lauf, den Scholtes in der 25. Minute zur 11:10-Führung abschloss und der die Halle richtig anzündete. Reinkind hatte bei lunds Auszeit gut zugehört, traf per Doppelschlag: 13:11 in der 27. Minute. Doch bis zum Wechsel sollte diese Führung nicht halten, weil der THW Kiel weitere gute Möglichkeiten ungenutzt ließ: Walz erzielte den 14:14-Halbzeitstand, der die Dezibel-Zahlen in der Halle auf  ein neues Niveau explodieren ließ. Moré läutete die zweiten 30 Minuten mit der erneuten Eisenacher Führung ein, dann scheiterte Lukas Zerbe von der Siebenmeterlinie an Mats Grupe, der erste Fehlwurf des Kieler Rechtsaußen aus sieben Metern in der noch jungen Saison. Fortan brachten die Kieler den Ball von der Strafwurflinie nicht ins Tor: Domen Makuc warf am Tor vorbei, Emil Madsen scheiterte später an der Lattenunterkante. Auch ein Grund, warum die Eisenacher das Spiel vorübergehend bestimmten, nach einem halbzeitübergreifenden 7:2-Lauf nach 38 Minuten mit 19:16 die Nase vorn hatten. 

Zebras kommen zurück ins Spiel

Ein Trainer spricht während eines Spiels leidenschaftlich mit seiner Mannschaft, die schwarz-weiße Trikots trägt. Die Spieler hören aufmerksam zu und blicken dabei konzentriert und ernst.Einen höheren Rückstand vereitelte Gonzalo Perez de Vargas, der glänzend gegen Solak und Walz parierte. Auch eine Unterzahl nach Zeitstrafe gegen Emil Madsen steckten die Zebras weg, stellten gegen die massive und extrem hart agierende Eisenacher Abwehr auf Sieben gegen Sechs im Angriff. Großartige Momente hatte jetzt auch Rasmus Ankermann, der schon in der Abwehr einen Riesen-Spiel gemacht hatte: Der 19-Jährige brachte Tempo ins THW-Angriffspiel, traf zweimal sehenswert, holte zudem einen Siebenmeter heraus. Nach Ankermanns Treffer in der 46. Minute zum 21:21, wurde es ruhiger im Hexenkessel. Doch Eisenach meldete sich zurück, führte nach 48 Minuten durch die Tore von Leu mit 23:21, Ankermann traf zum 23:23. 

Ohrenbetäubender Kieler Jubel im abgekühlten Hexenkessel

Ein Handballtorwart in einem grünen Trikot jubelt begeistert, ballt beide Fäuste und schreit vor dem Tor in einer Halle.So war auf die zuletzt gezeigten starken Kieler Schluss-Minuten auch in der Aßmann-Halle Verlass, auch wenn die Gastgeber durch Siebenmeter weiter im Rennen blieben. Denn in den letzten zehn Minuten baute sich die Kieler Abwehr um Duvnjak, Julian Köster, Hendrik Pekeler und eben Ankermann zum nahezu uneinnehmbaren Bollwerk auf. Vorn erzielte Lukas Zerbe seine Treffer Nummer fünf und sechs, und als Elias Ellefsen à Skipagötu sein Solo nach 57 Minuten zur 27:25-Führung abschloss, stand die Tür zum Kieler Happy-End weit offen. Eisenach fand zwar noch einmal zurück, glich durch Antonijevic zum 27:27 aus, doch dann war Madsen zur Stelle, Perez de Vargas hielt den letzten Ball - der Rest war ohrenbetäubender Kieler Jubel von Spielern und Fans im ansonsten deutlich abgekühlten Hexenkessel.

Pokalspiel beim TV Hüttenberg in Wetzlar

Mittelhessen gemeinsam gegen den THW Kiel: Das ist das Motto, das die Gastgeber vom TV Hüttenberg für das Pokal-Duell mit den Zebras am kommenden Mittwoch ausgerufen haben. Und Mittelhessen ist offenbar heiß auf das Gastspiel von Julian Köster & Co., denn nach dem Umzug in die große Buderus Arena des Nachbarn HSG Wetzlar gibt es im TV-Hüttenberg-Ticketshop  für die Zweitrunden-Begegnung nur noch wenige Sitz- und Stehplätze zu kaufen. Anwurf ist um 19 Uhr,  Dyn überträgt für die Fans zu Hause live. Weiter geht die Entwicklung mit dem ersten K.o.-Spiel der Saison beim TV Hüttenberg, Kiel!

Text: Reimer Plöhn / Fotos: THW Kiel / ThSV Eisenach/Christian Heilwagen

Opel Handball-Bundesliga, 5. Spieltag: ThSV Eisenach - THW Kiel 27:28 (14:14)

ThSV Eisenach: Spikic (1.-55., 7 Paraden), Gruppe (55.-60. und 3 Siebenmeter, 2/1 Paraden); Joelsson (2), Scholtes (2), Attenhofer (3), Walz (4), Moré (3), Ende, Aellen (6/5), Solak (3), Antonijevic (1), Seitz (1), Kurch, Schneibel, Montebovi, Leu (2); Trainer: Hinze
THW Kiel: Perez de Vargas (1.-60., 10 Paraden), Wolff (2 Siebenmeter, keine Parade); Faust, Duvnjak, Reinkind (4), Köster (2), Madsen (3), Johansson (1), Ankermann (2), Dahmke (2), Zerbe (6/1), Makuc (1), Pekeler (1), à Skipagötu (3), Büchner (1), Nacinovic (2); Trainer: Lund

Schiedsrichter: Christian vom Dorff / Fabian vom Dorff
Zeitstrafen: ThSV: 4 (2x Leu (7., 15.), Seitz (32.), Aellen (51.)) / THW: 4 (Köster (4.), 2x Reinkind (14., 35.), Madsen (42.))
Siebenmeter: ThSV: 5/5 / THW: 4/1 (Grupe hält Zerbe (33.), Makuc vorbei (44.), Madsen an die Latte (51.))
Spielverlauf: 1. Hz: 0:1 (1.), 1:3 (8.), 3:5 (12.), 5:6 (14.), 5:8 (16.), 7:10 (20.), 11:10 (25.), 11:13 (27.), 12:14 (28.), 14:14;
2. Hz: 15:14 (31.), 15:15, 17:15 (36.), 19:16 (38.), 21:19 (43.), 21:21 (45.), 23:21 (47.), 23:24 (53.), 24:24, 24:26 (55.), 25:27, 27:27 (59.), 27:28.
Zuschauer: 2850 (ausverkauft) (Werner-Aßmann-Halle, Eisenach)

Stimmen zum Spiel: 

THW-Trainer Börge Lund: Die Halle hat es unfassbar schwer gemacht heute. Wir haben teilweise gute Lösungen gefunden, der Gegner war aber ebenfalls sehr gut eingestellt. Wir mussten andere Wege gehen, um unsere Chancen zu bekommen. Teilweise haben wir diese gut genutzt, teilweise aber auch nicht. Ich würde mir mit Ball ein bisschen mehr Disziplin wünschen, indem wir den Ball zum richtigen Zeitpunkt weiterspielen. Das lief nicht richtig flüssig, zum Glück haben wir am Ende aber die richtigen Entscheidungen getroffen und somit gewonnen. Aber als es nicht lief, haben wir gar keine Entscheidungen getroffen. Da sollten wir mit mehr Selbstvertrauen auftreten, auf gute Chancen waren. Das ist ein Punkt, den wir stabilisieren wollen, denn pro Ballbesitz wollen wir eine gute Chance kreieren und die dann auch nutzen. Ich kann nur betonen: Wir eine neue Mannschaft, neue Spieler und einen neuen Trainer, die Entwicklung braucht Zeit. Brutal beeindruckend war es aber, wie die Mannschaft die Rückschläge verkraftet. Besonders gut gefallen hat mir Rasmus heute: Er hatte mir seiner Abwehrleistung und seinen zwei Toren direkten Einfluss darauf, dass wir das Spiel drehen konnten.

Eisenachs Trainer Sebastian Hinze: Es herrscht große Enttäuschung bei uns. Die Jungs haben ein sehr, sehr gutes Spiel gemacht, die beste Defensiv-Leistung der Saison gezeigt. Insbesondere gegen die Rückraum Mitte der Kieler hatten wir eine gute Höhe, das haben wir hervorragend abgearbeitet. In der zweiten Halbzeit haben wir die Probleme im Rückzug besser gelöst, hatten zudem auch einen guten Start. Dann kamen die zwei Phasen, die uns die Punkte genommen haben: Wir verwerfen ausgerechnet in der Phase, in der wir wegziehen, noch zwei, drei Bälle. Und später kommen wir zu schnell ins passive Spiel. Trotzdem geht ein Kompliment an meine Mannschaft, auch wenn es am Ende auf die letzten beiden Situationen hinausläuft, die das Spiel entscheiden. Das hat Kiel besser gemacht, und deshalb fahren sie mit zwei Punkten nach Hause.

THW-Torhüter Gonzalo Perez de Vargas: Es ist immer schwer, in dieser Halle zu bestehen. Es war mal wieder spannend bis zum Ende. Ich bin stolz auf meine Mannschaft, dass wir die Nerven behalten haben. Das waren wichtige Punkte in unserem fünften Spiel, jetzt kommt eine weitere wichtige Serie mit dem Pokalspiel beim TV Hüttenberg, mit Flensburg, mit Magdeburg und Gummersbach. Da hilft dieses Ergebnis heute, es bringt viel Energie und Selbstbewusstsein.

THW-Youngster Rasmus Ankermann: Es war ein richtiges schweres Handballspiel in einer unfassbaren Halle. Börge hat uns in der Vorbereitung gesagt, dass hier deutsche Handballkultur gelebt wird. Hier wird gepöbelt, hier wird jede Schiedsrichterentscheidung angeklagt, jede Aktion vom Gegner. Das macht Spaß, selbst wenn alle gegen dich sind – erst recht, wenn wir - wie wir es in dieser Saison schon so oft gezeigt haben - kühlen Kopf bewahren. Es ist unglaublich wichtig, dass wir die zwei Punkte jetzt mit auf die Heimreise nehmen können. Das Lob von Börge freut mich natürlich, vor allen Dingen angesichts der medialen Aufmerksamkeit, die es aktuell rund um meine Person gibt. Da macht es einen glücklich, in der Einsatzzeit der Mannschaft zu helfen, auch wenn es zur Zeit mehr Minuten in der Abwehr sind.