THW Kiel zeigt ein anderes Gesicht als zuletzt: Zebras gewinnen klar beim HSV Hamburg

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THW Kiel zeigt ein anderes Gesicht als zuletzt: Zebras gewinnen klar beim HSV Hamburg

Die Zebras haben im "kleinen Derby" beim Handball Sport Verein Hamburg ein deutlich besseres Gesicht als zuletzt gezeigt. Die Reaktion auf die letzten beiden Enttäuschungen in der DAIKIN Handball-Bundesliga war eine spürbare: Vor der großartigen Hamburger Saison-Rekordkulisse von 11.619 Zuschauern, darunter eine Wahnsinns-Weiße-Wand aus gut 2000 Kieler Fans, zeigte der THW Kiel in der Barclays Arena Emotionen und Leidenschaft. Nach einer überzeugenden Leistung in Abwehr und Angriff und gewannen die Kieler gegen den Nordrivalen auch in der Höhe verdient mit 34:27 (19:14). Bester Torschütze für die Zebras war Eric Johansson mit acht Treffern, großartiger Rückhalt im Kieler Tor war Gonzalo Perez de Vargas. Und Kapitän Domagoj Duvnjak brillierte als siebenfacher Torschütze und führte als nimmermüder Antreiber die Zebra-Herde.

Zufriedene Leistungsträger

"Dule" Duvnjak strahlte nach dem Triumph in seinem ehemaligen Wohnzimmer Barclays Arena, war mit großartiger Einstellung selbst vorangegangen. "Körpersprache, Einstellung, heute hat fast alles gestimmt", sagte der Kieler Kapitän. "Manchmal bin ich sprachlos. So wie nach unserer schlechten Vorstellung gegen Eisenach. Das durfte nicht passieren, es tut mir vor allem leid für unsere Fans. Aber heute hat alles geklappt. Ich bin froh über meine Leistung, vor allem aber glücklich über die Vorstellung der gesamten Mannschaft." Haupttorschütze Eric Johansson war ebenfalls erleichtert. "Wir haben unseren Fans zuletzt nicht gezeigt, wie und was wir spielen können. Heute haben wir viel besser agiert, gezeigt, dass wir es viel besser beherrschen."

Kieler fanden Antworten

Zwei Handballspieler, einer in Weiß und einer in Rot, kämpfen während eines intensiven Spiels um die Kontrolle über den Ball, während Mannschaftskameraden und ein Schiedsrichter im Hintergrund inmitten einer großen, sitzenden Menschenmenge zusehen.Bester Torschütze bei den Hamburgern war Neuzugang Nicolaj Jörgensen. Der Däne traf neunmal ins Kieler Tor. Ein starker Rückhalt war zudem Torhüter Robin Haug, der insgesamt 14 Bälle anhielt, den verdienten Kieler Sieg aber ebenfalls nicht verhindern konnte. Die Hamburger spielten nur in den ersten 15 Minuten auf Augenhöhe, liefen den Zebras in der Folge aber ohne Siegchance hinterher. HSV-Trainer Torsten Jansen stellte in der zweiten Halbzeit im Angriff um, ließ zumeist mit vier Rückraumspielern und ohne Kreisläufer agieren. Doch "Dule" und Co. fanden auf jede gegnerische taktische Maßnahme die passenden Antworten. Dabei mussten die Zebras in Hamburg auf Emil Madsen (Knorpelschaden) und Veron Nacinovic (Nasenbruch) verzichten, hinzu kam erneut Spielmacher Elias Ellefsen á Skipagötu. Nachdem sich der Färinger gegen Melsungen und Eisenach mit vielversprechenden Leistungen zurückgemeldet hatte, zwangen ihn seine Schulterprobleme erneut zu einer Pause, die möglicherweise länger andauern könnte.

Kieler ließen Worten Taten folgen

Ein Handballtorwart in einem blauen Trikot ballt die Fäuste und jubelt, während ein Spieler in einem schwarz-weißen Trikot in der Nähe vor dem Tornetz steht. Im Hintergrund sind Zuschauer zu sehen.Viel war nach dem enttäuschenden Heim-Remis gegen Eisenach bei den Zebras gesprochen worden. Jetzt zeigte die Körpersprache der Zebras von Beginn an, dass die Mannen um Kapitän Domagoj Duvnjak den Worten auch Taten folgen lassen wollten. Dabei schritt der Kieler Kapitän in vorbildlicher Weise voran, übernahm die Spielmacherposition und Verantwortung im Abschluss, war mit Aktionen und Gesten auch Boss in der Abwehr. Dabei erwischten die Gastgeber den besseren Start, lagen nach drei Minuten durch die Treffer von Lassen und Sauter mit 2:0 vorn. Nachdem Eric Johansson und Lukas Laube nur den Hamburger Torrahmen trafen, war der entschlossene Duvnjak mit einem Durchbruch auch erster THW-Schütze. Jörgensen erhöhte zwar auf 3:1, traf nach der ersten Zeitstrafe gegen Lukas Laube ins leere Kieler Tor. Aber die Kieler, die von Beginn an mit Gonzalo Perez de Vargas zwischen den Pfosten spielten, blieben bei sich, ließen sich nicht aus dem Konzept bringen und antworteten mit dem 3:0-Lauf durch die Tore von Lukas Zerbe (Strafwurf), Johanssons Kracher in den Torwinkel und "Dules" Solo zur ersten Kieler Führung zum 4:3 in der achten Minute.

Zebras übernehmen die Regie

In der Folge legten die Zebras vor, der HSV konterte. Als Lukas Laube beim Stande von 4:4 schon nach acht Minuten seine zweite Zeitstrafe kassierte, musste THW-Trainer Filip Jicha handeln: Er stellte Petter Överby im Abwehr-Mittelblock neben Hendrik Pekeler. Einmal noch legten die Hamburger vor: Andersen verwandelte einen Siebenmeter in der 13. Minute zur 8:7-Führung. Dann brachte sich Gonzalo Perez de Vargas hinter der starken THW-Deckung mehr und mehr ins Spiel, parierte gegen Weller, gegen Lassen oder Sauter. Und als Duvnjak in der 19. Minute den zweiten Kieler 3:0-Lauf mit einem Wurf ins leere Hamburger Tor zum 12:9 abschloss, drückte HSV-Trainer Torsten Jansen auf den Buzzer und forderte entschlosseneres Eingreifen seiner Abwehr. 

Fünf-Tore-Führung zur Pause

Zwei männliche Handballspieler liefern sich einen intensiven Wettkampf; der eine in einem roten Trikot hält den Ball fest und versucht, nach vorne zu kommen, während ein Spieler in einem weißen Trikot ihn verteidigt, indem er zum Block greift. Im Hintergrund ist ein unscharfes Publikum zu sehen.Die Kieler, allen voran Duvnjak, blieben indes ihrer Linie treu, standen gut in der Abwehr, spielten vorne ihre Angriffe mit dem Rückraum Johansson, Duvnjak und Reinkind entschlossen zu Ende. Die Folge war ein weiterer 3:0-Lauf zum 18:13 nach 26 Minuten. Mit einem überragenden Treffer von Lukas Zerbe übrigens, der den gegen den mit sieben Feldspielern angreifenden HSVH einen weiten Pass von Rune Dahmke erwischte und im Fallen ins verwaiste Hamburger Tor drückte. Wenig später krümmte sich Kiels Rechtsaußen mit Schmerzen am Boden, war beim Zurückeilen von Sauter gestoßen worden. Nach dem Videobeweis beließ es das Schiedsrichtergespann bei einer Zeitstrafe für Sauter. Mit 19:14 wurden die Seiten gewechselt, ein Spielstand, der den Leistungsunterschied korrekt widerspiegelte. Die Rote Karte zückten Fabian Friedel und Rick Hermann dann aber nach sechs Minuten in der zweiten Halbzeit. Ausgerechnet gegen Zerbe, der im Kampf um den Ball und in der Rückwärtsbewegung leichten Kontakt mit Frederik Bo Andersen hatte. Eine Fehlentscheidung, die im weiten Rund der Arena für Kopfschütteln sorgte. 

Zerbe kassiert unberechtigt die erste rote Karte der Karriere

Ein Handballspieler in einem weißen Trikot springt, um den Ball zu schießen, während ein Torwart in Gelb sich ausstreckt, um das Tor zu verhindern. Im Hintergrund sieht eine Gruppe von Zuschauern zu.Zerbe, zum ersten Mal in seiner Karriere vorzeitig mit einer roten Karte vom Platz gestellt, nahm seinen Platz im THW-Fan-Block ein und sah, dass Andersen mit dem folgenden Strafwurf an Andreas Wolff scheiterte. Auf Rechtsaußen fügte sich Bence Imre nahtlos ein, die Kieler ließen sich auch nicht vom vierten Rückraumspieler der Hamburger im Angriff irritieren. Einzig Robin Haug im Tor der Gastgeber stemmte sich mit starken Paraden gegen die drohende Niederlage. Aber auf der anderen Seite nagelte Gonzalo Perez de Vargas nicht nur den Kieler Kasten zu und glänzte mit mehreren Eins-gegen-Eins-Situationen, der Spanier traf auch selbst ins leere HSV-Tor. Zudem unterband er einen Gegenstoß durch aufmerksames Herauslaufen. Weil Eric Johansson per Nachwurf zur Stelle war, Bence Imre eiskalt von der Strafwurf-Linie traf und "Dule" seinen sechsten Treffer im HSV-Tor unterbrachte, waren die Zebras in der 48. Minute auf 27:21 enteilt.

Bilyk schraubt den Deckel drauf

 Als das Schiedsrichtergespann nach einem Gesichtswischer gegen Johansson nicht auf eine Zeitstrafe gegen Sauter entschieden und dafür nicht einmal den Videobeweis bemühten, musste der überragende Schwede für drei Angriffe auf die Bank. Das hatte Konsequenzen: Der für ihn gekommene Nikola Bilyk wischte in 70 Sekunden mit drei Toren in diesen drei Angriffen alle Zweifel am Kieler Sieg vom Tisch. Bilyks Dreier-Pack zum 31:23 in der 53. Minute ließ die "weiße Wand" in Hamburg jubeln. Mit einem überragenden Dreher in den Schlusssekunden sorgte Hendrik Pekeler für den 34:27-Endstand und zufriedene Zebras.

Saisonendspurt startet am 25. April gegen Leipzig

Für die Zebras steht nach der kurzen Rückfahrt nach Kiel wieder eine Arbeitswoche mit etlichen Einheiten auf dem Programm. "Wir werde die Zeit nutzen, um auch in Bereichen zu arbeiten, die zuletzt deutlich zu kurz kamen", kündigte THW-Trainer Filip Jicha an, die Zwangspause bestmöglich für die Arbeit mit den Zebras zu verwenden. Denn am Wochenende wird beim Lidl Final4 in Köln ein Nachfolger des leider im Viertelfinale auswärts bei den Füchsen Berlin ausgeschiedenen Titelverteidigers THW Kiel gesucht. Um die Aufmerksamkeit komplett auf dem Turnier zu vereinen, haben alle Teams, die es nicht in die Lanxess Arena geschafft haben, am kommenden Wochenende spielfrei. Für die Zebras beginnt dann am Samstag, 25. April, um 19 Uhr mit dem Heimspiel gegen den SC DHfK Leipzig der Saisonendspurt. Für die Begegnung mit den Sachsen gibt es unter www.thw-tickets.de und in der THW-FANWELT noch Eintrittskarten. Weiter geht’s gegen Leipzig, Kiel!

Text: Reimer Plöhn / Fotos: Fishing4/Thorge Huter

DAIKIN Handball-Bundesliga, 28. Spieltag: HSV Hamburg – THW Kiel: 27:34 (14:19)

HSV Hamburg: El-Tayar (2 Siebenmeter, keine Parade), Haug (1.-60., 15 Paraden); Gadza, Magaard (1), Norlyk, Kofler (1), Härtel, Lassen (4), Jörgensen (9/3), Weller, Geenen (3), Botta, Bo Andersen (7/2), Olafsson, Sauter (2), Valiullin; Trainer: Jansen
THW Kiel: Perez de Vargas (1.-60., 15 Paraden, 1 Tor), Wolff (4 Siebenmeter, 4/2 Paraden); Duvnjak (7), Reinkind (4), Landin (n.e.), Överby, Laube, Johansson (8), Ankermann (n.e.), Dahmke (2), Zerbe (3/2), Abdelhak, Bilyk (2), Pekeler (4), Imre (2/2); Trainer: Jicha

Schiedsrichter: Fabian Friedel / Rick Herrmann
Zeitstrafen: HSVH: 3 (Olafsson (9.), Weller (15.), Sauter (28.)) / THW: 3 (2x Laube (3., 8.), Johansson (40.))
Rote Karte: Zerbe (THW, grobes Foulspiel (37.))
Siebenmeter: HSVH: 7/5 (Wolff hält 2x Andersen (37., 55.)) / THW: THW: 4/4
Spielfilm: 2:0 (3.), 3:3 (5.), 3:4 (7.), 6:7 (10.), 8:7, 9:9 (16.), 10:12 (20.), 10:14 (21.), 11:15, 13:15 (24.), 13:19 (30.), 14:19;
2. Hz.: 14:20 (31.), 16:20 (33.), 16:22 (35.), 19:22 (37.), 21:24 (43.), 21:27 (47.), 23:27 (50.), 23:31 (55.), 26:33 (57.), 27:34.
Zuschauer: 11.619 (Barclays Arena, Hamburg)

Stimmen zum Spiel: 

THW-Trainer Filip Jicha: Ich bin froh, dass wir das Spiel für uns entscheiden konnten. Und ich bin froh über die gezeigte Leistung. Nach Eisenach wollten wir zeigen, dass wir auch anders können. Und das haben wir heute gezeigt. Nach dieser Woche, in der wir viel gesprochen haben, wollten wir, wollten die Jungs das auf die Platte bringen. Heute haben ein paar Spieler auf den wichtigen Positionen performt. Man fährt gut damit, wenn man die erfahrenen Spieler in die Pflicht nimmt. Ich habe einen Kapitän, der die Mannschaft in die Arena bringt und hier viele gute Erinnerungen hat. Da war mir früh klar, dass Dule heute spielen will und wird. Ich freue mich auch, dass Eric so ein Spiel zeigen konnte. Für uns bleibt die Jagd nach der Konstanz. Wir werden in den nächsten zwei Wochen arbeiten und ganz viele Themen angehen, an denen wir sehr lange nicht arbeiten konnten. Wir werden auch draußen laufen: Das ist für den Körper wichtig, aber nicht immer nur die Halle zu sehen, ist auch für den Geist wichtig.

HSVH-Trainer Torsten Jansen: Es ging eigentlich ordentlich los, dann mussten wir in der ersten Halbzeit ein bisschen abreißen lassen. Ich habe mir in der Vorbereitung natürlich auch das Kieler Spiel gegen Eisenach angesehen. Da hatte Eisenach das Spielglück klar auf seiner Seite, da gingen vom THW gehaltene Bälle ins Seitenaus, und Eisenach bekam noch einen Angriff, immer wieder eine zweite und dritte Chance. Dieses Spielglück hatten wir heute nicht, und der THW Kiel hat das gnadenlos ausgenutzt. Das war nur eines von vielen Dingen, warum wir das Spiel nicht gleichwertig gestalten konnten. In der zweiten Halbzeit sind wir auf Tuchfühlung gekommen, hatten dann aber zweimal vorne Pfostentreffer und hinten nicht die Aggressivität, die es braucht, um den THW Kiel nachhaltig in die Bredouille zu bringen. Wir hatten uns in der Vorbereitung sehr mit Skippi befasst, aber es kann einer Mannschaft auch gut tun, wenn sie auf wichtigen Positionen keine Alternativen mehr hat. Und dann kommt heute eben die individuelle Klasse von Eric, von Dule – es war eine schöne Kulisse, die ich leider nicht so genießen konnte. Dafür hätte es enger zugehen müssen.

THW-Kapitän Domagoj Duvnjak: Bei der Betrachtung der Leistungen bin ich manchmal sprachlos. Es gibt für Eisenach keine Erklärung, wenn man vor 10.000 unserer Fans in unserer Halle ohne Emotionen spielt. Heute haben wir ein ganz anderes Gesicht gezeigt, eine andere Energie. Gonschi war stark, die Abwehr auch. Heute hat vieles geklappt, was gegen Eisenach noch in die andere Richtung ging. Großes Lob deshalb an die ganze Mannschaft. Natürlich bin ich glücklich, dass ich meiner Mannschaft helfen konnte. Und ich bin glücklich, dass wir heute füreinander in die Bresche gesprungen sind. Jetzt aber zu weit in die Zukunft zu schauen, bringt uns nicht weiter. Wir haben untereinander nach Eisenach viel gesprochen. Dazu gehört, dass wir uns für heute einen Sieg vorgenommen hatten. Und heute sagen wir uns, dass wir das nächste Spiel auch gewinnen wollen. Und dann das nächste. Weiter als bis zur nächsten Aufgabe schauen wir nicht nach vorn. Eine Ausnahme mache ich heute noch: Wir würden in dieser Saison gerne noch einmal nach Hamburg zurückkehren, unser größter Wunsch ist es, das Final4 in der European League zu erreichen. Da wollen wir hier wieder mit und für unsere heute wieder großartigen Fans spielen.