
Neuformierte Zebraherde dreht Vier-Tore-Rückstand bei der SG BBM Bietigheim und holt erste Auswärtspunkte
Der neuformierte THW Kiel hat die erwartet schwere erste Auswärtspartie der Saison beim starken, euphorisierten Aufsteiger SG BBM Bietigheim gewonnen: Nach anfänglichen Problemen in beiden Halbzeiten setzten sich die Zebras am Donnerstagabend vor fast 3600 begeisterten Fans im Bietigheimer Hexenkessel Ege Trans Arena am Ende aber verdient mit 36:28 (19:16) durch. Die Mannschaft von Trainer Börge Lund trotzte schwierigen Phasen, drehte einen zwischenzeitlichen Vier-Tore-Rückstand mit großer Qualität, viel Tempo und Energie. Bester THW-Torschützen waren Domen Makuc und Lukas Zerbe mit je sieben Treffern.
Hendrik Pekeler ist zurück
Kurzfristig musste THW-Trainer Börge Lund auf Spielmacher Elias Ellefsen à Skipagötu verzichten, der sich mit gesundheitlichen Problemen abmeldete. Freude herrschte im Zebra-Lager aber über die Rückkehr von Hendrik Pekeler: Der Kieler Abwehrchef feierte nach Schulterproblemen sein Saisondebüt, war wichtiger Bestandteil der bärenstarken Abwehr, die vor allem gegen Ende der ersten Hälfte und Mitte der zweiten Halbzeit den Grundstein zum Sieg legte. "Wir haben uns jeweils zu Beginn der ersten und zweiten Halbzeit schwer getan", analysierte Pekeler die Partie. "Uns war klar, dass Bietigheim nach dem Auswärtssieg in Wetzlar beim Heimauftakt selbstbewusst auftreten würde, haben jeweils in den ersten 15 Minuten beider Halbzeiten aber zuviel zugelassen. Als wir aggressiver wurden, Bietigheim den Ball nicht mehr so gut durch die eigenen Reihen laufen lassen konnte, drehte sich das Spiel auf unsere Seite." Für die Gastgeber traf Lukas Wucherpfennig, in Kiel ausgebildeter Bietigheimer Neuzugang, der erst am Mittag seine Spielberechtigung erhielt, mit sieben Toren und feierte nach seinem Bundesliga-Debüt 2014 im Dress der Zebras ein erfolgreiches Comeback im Handball-Oberhaus.
Gastgeber starten furios
Die Gastgeber starteten erwartet furios in die Begegnung, setzten den THW Kiel von Beginn an unter Druck. Die Fans, zumindest die, die es mit den Gastgebern hielten, waren begeistert. Sie verwandelten die heimische Ege Trans Arena schnell in ein Handball-Tollhaus. Bis zum 5:5 in der elften Minute lagen die Zebras nach Toren von Eric Johansson, Rune Dahmke, Domen Makuc und Lukas Zerbe (2) auf Augenhöhe, dann leisteten sich die Kieler technische Fehler, scheiterten auch immer wieder am guten BBM-Schlussmann Tomovski. Nach einem 4:0-Lauf hatte sich der Aufsteiger nach 15 Minuten auf 9:5 davon gemacht. Domen Makuc antwortete mit sehenswertem Schlagwurf unter die Torlatte, auch Harald Reinkind setzte sich auf der halbrechten Position durch. Doch als die Kieler Abwehr Wucherpfennig erneut passieren lassen musste, lag der Außenseiter beim 11:7 nach 19 Minuten klar in Front. Börge Lund drückte auf den Auszeit-Buzzer, brachte seine Mannen mit Ruhe und Klarheit in die Spur.
Umstellungen beginnen zu fruchten
Lund setzte jetzt mehr und mehr auf seinen gesamten Kader, brachte Emil Madsen für Reinkind, beorderte Domagoj Duvnjak in die Deckung, gab auch dem jungen Linksaußen Ben Szilagyi Spielzeit. Die Zebraherde nahm Tempo auf: Madsen war nur per Foul zu bremsen, den fälligen Strafwurf verwandelte Lukas Zerbe sicher. Und jetzt zündete Domen Makuc: Der Slowene avancierte in dieser Phase zum torgefährlichsten Kieler Angreifer, setzte aber auch seine Nebenleute in Szene: Wie Emil Madsen, der zum 9:11 traf - das erste Liga-Tor seit 343 Tagen für den nach seiner Knie-Operation zurückgekehrten Dänen. Makuc selbst netzte in der 23. Minute zum 12:14 ein, traf zum vierten Mal. Zerbe verwandelte nach einem zuvor nicht versenkten Siebenmeter den nächsten Versuch eiskalt, wuchtete den Ball in den rechten oberen Torwinkel. 14:15 nach 25 Minuten. Bietigheims Spielmacher Matias Larson erhöhte aber umgehend auf 16:14 für seine Farben.
Drei-Tore-Führung zur Pause
Jetzt aber schlug endgültig die Zeit der Zebras: Mit einem gleichermaßen furiosen wie unaufhaltsamen Zwischenspurt zogen sie jetzt nicht nur an den Gastgebern vorbei, sondern sogar bis zur 19:16-Halbzeitführung auf drei Treffer davon. Madsen passte auf Ben Szilagyi, der sehenswert von Linksaußen traf - der Auftakt des Kieler Torspektakels: Tore von Makuc, Zerbe, dem immer stärker werdenden Julian Köster und Lukas Laube (nach grandiosem Madsen-Anspiel) vollendeten den Kieler 5:0-Lauf, der die Verhältnisse zwischen dem Favoriten und dem Außenseiter vor dem Seitenwechsel wieder zurechtrückte. Vor dem Gang in die Kabinen klatschten sich die Zebras gegenseitig ab, demonstrierten, dass sie den richtigen Weg finden wollten.
Bietigheimer schlagen zurück
Mit Beginn der zweiten 30 Minuten meldete sich aber zunächst der Gastgeber zurück, zeigte, dass der Aufsteiger in dieser Saison eine ernstzunehmende Größe werden will und werden könnte. Wucherpfennig traf, Larson fing einen Ball ab, netzte ein. Und nach dem ersten THW-Treffer im zweiten Durchgang durch Köster lagen die Gastgeber nach einem 3:0-Lauf wieder in Front. 21:20 nach 36 Minuten. Weil Torhüter Tomovski seinen Kasten ganze zehn Minuten förmlich zunagelte, führte Bietigheim bald mit 23:21. Lund griff erneut zur Auszeit, unterbrach den Spielfluss der Gastgeber. Außerdem stellte der neue Kieler Trainer im Angriff um, beorderte Köster an Stelle von Makuc auf die Spielmacherposition, fügte Eric Johansson hinzu. Das alles wirkte. Die Kieler fanden ihren Spielfluss wieder, standen jetzt auch in der Abwehr sicherer. Andreas Wolff wurde zum starken Rückhalt, parierte später gar einen Strafwurf von Orlov, und nach dem Doppelschlag von Emil Madsen hatten die Kieler wieder ausgeglichen: 24:24 in der 44. Minute. Lukas Zerbe traf dann nach großartiger Ballstafette über fünf Stationen in der 46. Minute zum 26:25 und damit der erneuten THW-Führung.
Zebras schrauben den Deckel drauf
Nachdem Josef die heimischen Fans ein letztes Mal in Ekstase versetzte, zum 26:26 traf, schalteten die Zebras einen Tag vor dem Beginn des "Bietigheimer Pferdemarktes" auf die stürmische Gangart "Galopp" um, sorgten mit einem grandiosen 5:0-Lauf für klare Verhältnisse: Angeführt durch den überragenden Köster zogen sie auf 31:26 (51.) davon, zogen damit dem hungrigen Aufsteiger wohl endgültig den Zahn. Makuc kehrte zurück, übernahm wieder die Regie: Der Rest war Kieler Angriffslust gepaart mit Abwehrkunst, Einsatz und Spaß am Spiel. Lukas Zerbe und Lukas Laube beendeten mit ihrem Doppelschlag schließlich ein Spiel, das der THW Kiel mit acht Toren für sich entschied, gegen einen starken Aufsteiger aber auch hart arbeiten musste - und das auch tat!
Weiter geht's Sonntag in Göppingen
Für die Zebras schloss sich an das erfolgreiche erste Auswärtsspiel der Saison eine kurze Bustour zurück nach Ludwigsburg an: Die Kieler bleiben bis Sonntagabend im warmen Süden Deutschlands. Dort und nicht im heimischen Altenholz absolvieren sie am Freitag und Samstag ihre vorgesehenen Trainingseinheiten, bevor am Sonntag die nächste schwere Herausforderung wartet: In der bereits nahezu ausverkauften Hölle Süd bei Frisch Auf! Göppingen (Resttickets) geht es ab 15 Uhr um die nächsten beiden wichtigen Auswärtszähler. Das Spiel ist live bei Dyn , erstmals in dieser Saison aber auch im Free-TV bei Welt.TV und im frei empfangbaren, kostenlosen Stream auf www.sportbild.de zu sehen. Das nächste Heimspiel bestreitet der THW Kiel dann am Samstag, 12. September, um 19 Uhr gegen die TSV Hannover-Burgdorf. Für dieses Spiel gibt es Eintrittskarten unter www.thw-tickets.de und in der THW-FANWELT. Weiter geht der Entwicklungs-Prozess in Göppingen, Kiel!
Text: Reimer Plöhn / Fotos: THW Kiel / SG BBM/Max Krause
Opel Handball-Bundesliga, 2. Spieltag: SG BBM Bietigheim - THW Kiel 28:36 (16:19)
THW Kiel: Perez de Vargas (1.-18., 1 Parade), Wolff (18.-60., 10/1 Paraden); Faust (n.e.), Duvnjak (1), Reinkind (1), Köster (4), Madsen (4), Laube (3), Johansson (2), Ankermann (n.e.), Dahmke (3), Zerbe (7/2), Szilagyi (1), Makuc (7), Pekeler, Nacinovic (3); Trainer: Lund
SG BBM Bietigheim: Tomovski (1.-60., 12/1 Paraden), Kanters (n.e.); Vlahovic (1), Osswald, Wucherpfennig (7), Claus (4), Josef (2), Nicolaus (1), Wiederstein (3), Norrbrink, Orlov (4/2), Pfeifer (1), M’Bengue, Fischer (2), Hermann, Larson (2); Trainer: Mayerhoffer
Schiedsrichter: Steven Heine / Sascha Standke
Zeitstrafen: Bietigheim: 3 (2x Nicolaus (3., 57.), Vlahovic (24.)) / THW: 3 (wx Nacinovic (11., 56.), Makuc (13.))
Siebenmeter: Bietigheim: 3/2 (Wolff hält Orlov (52.)) / THW: 3/2 (Tomovsi hält Zerbe (24.))
Spielverlauf: 1. Hz: 1:0 (1.), 3:2, 5:5 (9.), 9:5 (16.), 11:7 (19.), 11:9, 14:11 (22.), 16:14 (26.), 16:19;
2. Hz: 18:19 (32.), 20:20 (35.), 23:21 (40.), 24:22 (42.), 25:24 (41.), 26:26 (46.), 26:31 (51.), 27:34 (56.), 28:36.
Zuschauer: 3597 (Ege Trans Arena, Bietigheim-Bissingen)
Stimmen zum Spiel:
THW-Trainer Börge Lund: Für mich ist wichtig, zu sehen, wie die Mannschaft auf Phasen reagiert, in denen des nicht läuft. Es gab diese Phasen heute, und die Reaktion des Teams auf diese Momente freut mich sehr. Wir sind jetzt erst seit sieben Wochen zusammen, wir brauchen jede Möglichkeit, jedes Spiel, um die Leistung zu stabilisieren. Wir lernen mehr, wenn es nicht komfortabel ist. Komfort ist ein Wunschkonzert, und das gibt es selten. Ich bin so ruhig an der Seitenlinie, weil ich weiß, was wir können. Ich möchte ja nicht viel ändern, sehe eine Mannschaft, die kämpft und wahnsinnig viel Willen hat. Manchmal zerstört dieser große Wille die Flüssigkeit des Spiels. Das ist mir aber lieber, als wenn die Spieler zu wenig machen. Heute haben wir in einigen Phasen neue Spielzüge eingebaut, die uns viel gebracht haben. Und natürlich freuen wir uns jetzt erst einmal über die ersten zwei Auswärtspunkte!
THW-Kapitän Julian Köster: Ich bin sehr glücklich, dass wir die beiden Punkte geholt haben. Bietigheim hatte viel Selbstbewusstsein aus dem ersten Spiel, hat das wirklich gut gemacht heute. Es war kein leichtes Spiel für uns. Es war gut, dass wir immer weiter gemacht haben, auch wenn der Gegner es gut löste. Wir haben weiter an uns geglaubt. Gerne wollen wir in den nächsten Spielen aber Lösungen finden, damit wir nicht unbedingt wieder in so in Rückstand geraten.
THW-Torhüter Andreas Wolff: Wir können insgesamt mit dem Ergebnis und der starken Charakterleistung der Mannschaft sehr zufrieden sein. Wir starten zweimal schlecht in beide Halbzeiten, und haben trotzdem nicht den Kopf verloren, haben uns immer wieder aufgerafft und in beiden Halbzeiten dann auch spielerisch sehr stark zugelegt. Ich denke, wir haben deshalb auch in der Höhe verdient gewonnen. Wir haben uns vorgenommen, unser Spiel zu spielen und unsere Qualitäten auf die Platte zu bringen. Das haben wir heute zweimal 20 Minuten geschafft, jetzt müssen wir daran arbeiten, besser aus der Kabine zu kommen. Aber eines möchte ich auch betonen: Bietigheim hat das heute sehr gut gelöst, das ist kein typischer Aufsteiger mit einer ambitionierten Mannschaft.












