
Abschiede: Liebesbekundungen, Tränen, ein Banner unter dem Hallendach und ganz viel schwarz-weißes Herz
Als Nikola Bilyks Vater Serhij das große Banner unter dem Hallendach entrollte, endete beim THW Kiel nicht nur eine Ära. Der österreichische Rückraumspieler, der einst mit seinem Vater bei den Fivers Margareten in einem Team gespielt hatte, sagte nach zehn Jahren als Zebra in einer der vielleicht emotionalsten Abschiedszeremonien der vergangenen Jahre genauso "Tschüss Kiel" wie der dänische Linksaußen Magnus Landin, der nach acht Jahren mit der Nummer 7 auf dem Kieler Trikot im Moment des Abschieds von seinem schwarz-weißen Kindheitstraum überraschend auch Halt von Bruder Niklas nebst Familie bekam.
Duvnjak: "Wir werden euch vermissen"
Gleich sieben Spieler wurden nach dem finalen Akt der Saison 2025/2026 von den 10.000 Zuschauern in der Merkur Ostseehalle verabschiedet. Kapitän Domagoj Duvnjak hatte direkt nach dem Spiel von einer "scheiß Saison, die endlich zu Ende ist" gesprochen, und den Fans versprochen: "Es tut uns sehr leid, dass wur unsere Ziele nicht erreicht haben. Aber ich bin mir sicher, dass wir nächstes Jahr mit unserer neuen Mannschaft wieder angreifen werden." Dann aber schaltete der THW-Kapitän, der Nikola Bilyk beim Einlauf in die Arena nach vorn geschoben hatte und ihm die Ehre zuteil werden ließ, im 417. und letzten Spiel für die Zebras die Mannschaft aufs Feld zu führen, schnell von Analyse- auf Abschiedsmodus um: "Kiel wird euch vermissen", sagte der Kroate in Richtung der Spieler, die künftig für andere Clubs auflaufen werden. Die bekamen, wie man es in Kiel gewohnt ist, noch einmal die ganz große Bühne zum Tschüss sagen, wurden mit Videos und Ansprachen geehrt, bekamen Geschenke von den Fanclubs, von der Mannschaft und vom THW Kiel, der in Person der Geschäftsführung aus Anja Niemann und Viktor Szilagyi sowie des Aufsichtsratsvorsitzenden Kai Kruse vertreten war.
Ergriffene Youngster
Den Auftakt machten die Youngster Jesse Dahmke und Leon Nowottny, und schon bei den beiden war klar, dass es ein sehr emotionaler Abend werden würde. Nowotty, dem Anfang der Saison als Vertretung des verletzten Gonzalo Perez de Vargas das Vertrauen im Tor geschenkt worden war, wechselt zum HSV Hamburg und wischte sich eine Träne aus dem Auge, als er sich seinen Teamkollegen zuwandte: "Ich war ein sehr schüchterner Mensch, diese Mannschaft hat mir unglaublich geholfen, ein Profi-Handballer zu werden. Dahmke, der jetzt wieder für den TSV Altenholz auflaufende Rückraum-Linkshänder, bedankte sich für "das Gefühl, vor solch einer Kulisse spielen zu dürfen. Das zu spüren war ganz anders, viel größer als man es sich jemals vorgestellt hätte."
Abdelhak und Imre voller Dankbarkeit
Ein Punkt, den auch Mohab Abdelhak, der seine Karriere beim HC Vardar im nordmazedonischen Skopje fortsetzt, unterstrich: "Es war eine große Ehre und mir eine Riesen-Freude, für diesen Club gespielt zu haben. Jeder hier hat mir von der ersten Minute an das Gefühl gegeben, ein wichtiger Teil des Ganzen zu sein und mir geholfen. Das werde ich nie vergessen."Wehmut und eine gehörige Portion Humor schwangen bei Bence Imre, der nach Ungarn zu One Veszprem wechselt, und Petter Överby mit. Imre bedankte sich ausdrücklich bei "Filip, Sprengi und Viktor, die so unglaublich hart und viel für den Club arbeiten. Das wird viel zu selten gewürdigt." Er sei sich zu einhundert Prozent sicher, dass der THW Kiel nächste Saison zurückkehren werde, auch wenn zwei wichtige Spieler dann nicht mehr dabei seien, so der junge Ungar weiter: "Glückwunsch an Niko und Maggi, die alles gewonnen haben mit diesem wunderschönen Club."
Överby blickt auf "vier schönste Jahre der Karriere" zurück
Överby blickte kurz zurück auf die "vier schönsten Jahre meines Sportlerlebens, in denen ich unfassbar viel Spaß gehabt habe mit den Jungs und in denen wir - leider nicht zum Schluss - soviel erreicht haben." An alle, die den THW Kiel repräsentieren und ihn zu einem besonderen Verein machten, richtete Överby, der mit der HSG Wetzlar im kommenden Jahr als Gegner zurück nach Kiel kehren wird, seinen Dank: "Ihr alle werdet immer ein Teil meines Herzens sein, und ich werde euch vermissen." Sagte es, um dann mit einem breiten Grinsen seinen Teamkollegen für die Zukunft alles Gute von einem im Training wie Spiel knallharten Abwehrstrategen zu wünschen: "Ich möchte, dass Ihr wieder Deutscher Meister werdet und gesund bleibt - auch wenn wir gegeneinander spielen."
Sprechchöre und Ovationen für Magnus Landin
Hatte der ein oder andere Mitspieler und Fan jetzt schon ein Tränchen im Auge, stieg der Tachentuch-Verbrauch in den der Merkur Ostseehalle in den folgenden Minuten rasant an. In einem tollen Video hatten Rune Dahmke und Domagoj Duvnjak über Magnus Landin gesprochen. Den Kernsatz formulierte sein Zimmergenosse Rune Dahmke: "Wenn Maggi sich entscheidet, den Mund aufzumachen, dann lohnt es sich zuzuhören." Und das taten die 10.000 dann auch andächtig, um zwischendurch immer wieder in Jubel auszubrechen, "Maggi, Maggi"-Sprechchöre anzustimmen oder sich von den Sitzen zu erheben.
Magnus Landin: "Werde immer ein THW-Fan sein!"
"Kiel war immer ein Kindheitstraum, ich habe die Zebras als kleiner Junge in Kopenhagen immer verfolgt und hatte dabei sogar ein THW-Trikot an", sagte der 30-jährige Däne, der sich in Kiel vom "kleinen Bruder von Niklas" zu einem der weltbesten Linksaußen und einem der erfolgreichsten Handballer der Welt entwickelte. "Es macht mich sehr stolz, acht unglaublich schöne Jahre mit Höhen und Tiefen hier gespielt zu haben. Ich habe viel von den Mitspielern gelernt, wir haben zusammen alles gewonnen." In der Tat: Mit Dänemark gewann Magnus Landin Welt- und Europameisterschaft sowie Olympia-Gold, mit dem THW Kiel unter anderem drei deutsche Meisterschaften, dreimal den DHB-Pokal, 2019 den EHF-Pokal und 2020 die EHF Champions League. Landin - noch immer fast ein bisschen ungläubig: "2018 bin ich als junger Mann nach Kiel gekommen - jetzt bin ich erwachsen. Es war ein Traum, hier einzulaufen. Ich werde immer ein THW-Fan sein!"
Großer Bahnhof für Nikola Bilyk
Erst wurde Nikola Bilyk vom langjährigen Partner LOTTO mit einem eigenen Clip geehrt, dann gab es die besten Szenen des Rückraumspielers, der in die Schweiz zum HC Kriens-Luzern wecheln wird, auf dem Videowürfel zu sehen, ehe Vater Serhij das Banner unter dem Hallendach entrollte - äußeres Zeichen dessen, dass mit Nikola Bilyk einer der ganz großen Zebras nach zehn Jahren den Club verlässt. Bilyk untermauerte in seiner Abschiedsrede, warum er so beliebt in der Zebraherde ist. Erst drückte er seine "Riesen-Freude über Zebus Vertragsverlängerung" aus, dann gratulierte er Andreas Wolff mit einem breiten Lächeln im Gesicht dazu, nach seinem eigenen Abschied "endlich in die Top5 deer THW-Fußballer aufgestiegen" zu sein und Hendrik Pekeler dazu, jetzt beim gemeinsamen Essen nicht mehr auf ihn warten zu müssen. Doch dann wurde auch Bilyk emotional. "Ich weiß gar nicht, warum ich diese Verbundenheit zum THW Kiel hatte, aber sie war immer da", outete sich der Rückraumspieler als THW-Fan - beinahe von Geburt an.
Bilyk: "Ihr werdet immer in meinem Herzen sein"
Er bedankte sich bei Alfred Gislason, der ihn einst nach Kiel holte: "Alfred ist nicht nur ein unglaublicher Trainer, sondern einer der besten Menschen, die ich in diesem Verein kennenlernen durfte." Zu einem der besten Freunde sei Co-Kapitän Rune Dahmke geworden: "Rune, schau, dass du die Herde zusammenhältst." Und Domagoj Duvnjak? "Jeder weiß, was für ein Riesen-Sportler du bist. Aber ich hatte das Riesen-Glück, den Menschen und die Familie Duvnjak kennenlernen zu dürfen." Da stockte Bilyks Stimme, der - wie alle Zebras - immer wieder von seinen Gefühlen übermannt wurde. An das Trainergespann und Viktor Szilagyi gerichtet, sagte der Österreicher: "Ich danke euch aus tiefstem Inneren für das Vertrauen und die erfolgreiche Zeit. Wir haben unfassbar viel erreicht, im Sport wird aber leider schnell vergessen." Ihm habe "es alles bedeutet, hier für euch, in dieser legendären Halle zu spielen", richtete Bilyk sein Wort direkt an die Fans, "ihr alle seid ein Riesenteil meines Leben: Ich wünsche allen in erster Linie viel Gesundheit und maximalen Erfolg. Danke für alles Kiel, ihr werdet immer in meinem Herzen sein. Ich liebe euch!"
Fotos: Sascha Klahn












