
Wille, Umstellungen, Sieben-gegen-Sechs und eine Portion Glück: THW Kiel siegt in Mannheim!
45 Minuten lang sah es nicht danach aus, als ob der THW Kiel mit einem Erfolgserlebnis bei den Rhein-Neckar Löwen ins neue Jahr würde starten können. Die Gastgeber hatten gerade zum 22:18 getroffen, waren die bessere Mannschaft. THW-Trainer Filip Jicha hatte gegen die bärenstarke Löwen-Abwehr früh auf das Erfolgsrezept Sieben-gegen-Sechs gesetzt, in der zweiten Halbzeit dann auch die Abwehr in die nach der EM noch nicht gemeinsam trainierte 3-2-1-Variante beordert. Angesichts des Vier-Tore-Rückstands griff der erfahrene Kieler Coach eine Viertelstunde vor Schluss noch einmal in die Taktikkiste und brachte mit Elias Ellefsen á Skipagötu den dritten Rechtshänder im Rückraum: Der Färinger ersetzte die angeschlagenen Linkshänder Mohab Abdelhak (Finger) und Harald Reinkind (Fuß). Drei Maßnahmen, drei Zutaten zum Erfolg. Hinzu kam endlich auch einmal ein wenig Glück, als Eric Johansson - wie von Jicha in der Auszeit zuvor angekündigt und geplant - den Ball Sekunden vor dem Ende zum wichtigen 28:27 (12:15)-Sieg in die Maschen drosch, die diesen dann nicht mehr hergaben.
Erste Kieler Führung in der 51. Minute
Nach dem dramatischen Krimi-Ende jubelten die Kieler, Kapitän Domagoj Duvnjak umarmte den Siegtorschützen so fest, als wolle er Eric Johansson nie mehr loslassen. "Ein ganz wichtiger Sieg", freute sich "Dule" nach dem Schlusspfiff, "wir kamen nicht gut ins Spiel, haben aber Charakter gezeigt. Unser großer Traum ist die Champions League, für diesen werden wir alles geben." Was Duvnjak ansprach: Die Gastgeber waren über weite Strecken spielbestimmend, wurden getragen von der großartigen Atmosphäre in der SAP-Arena getragen, die viele Emotionen ins Spiel brachte. Ihre erste Führung erzielten die Zebras, die zwischenzeitlich schon mit fünf Toren zurückgelegen hatten, erst in der 51. Minute. Die Kieler aber kamen immer wieder zurück, wurden für großartigen Kampfgeist am Ende mit dem Sieg belohnt. Beste Torschützen beim Sieger waren Lukas Zerbe und Eric Johansson, die jeweils sieben Mal ins Mannheimer Tor trafen. Ein wichtiger Faktor war auch Magnus Landin: Der Europameister sorgte in der Abwehr für Aggressivität und war vorn bei fünf Treffern aus fünf Versuchen der "Mister 100 Prozent" des THW Kiel.
Kieler Fehlstart und eine frühe Auszeit
Die Kieler waren am Dienstag mit gemischten Gefühlen aufgebrochen, war doch der Einsatz der beiden Rückraum-Linkshänder, Harald Reinkind (Fersenprellung) und Mohab Abdelhak (Finger Wurfhand), gefährdet. Nachwuchsspieler Jesse Dahmke (Pferdekuss) und Langzeit-Verletzter Emil Madsen (Knorpelschaden Knie) fielen ohnehin aus. Außerdem kehrte Mittelmann Elias Ellefsen á Skipagötu mit andauernden Schulterproblemen von der EM nach Kiel zurück, war ebenfalls nicht im Vollbesitz seiner Kräfte. Beim Anpfiff hatten sich alle angeschlagene Spieler dann doch ihre Trikots übergestreift, waren beim wichtigen Jahresauftakt Teil des Teams. In der ersten Halbzeit war nach der langen EM-Pause allerdings viel Sand im Kieler Angriffs-Getriebe. Auf der anderen Seite lief's hingegen wie geschmiert. Baijens, Kohlbacher und zweimal Aspenbäck: Die Löwen lagen nach fünf Minuten mit 4:0 vorn. Die SAP-Arena glich einem Tollhaus, THW-Trainer Filip Jicha drückte auf den Buzzer, nahm seine erste Auszeit bereits nach sechs Minuten. "Hej Jungs, konzentriert euch, wir sind noch nicht wach!"
Viele Umstellungen bringen Zebras in die Partie
Jichas frühes Eingreifen zeigte Wirkung: Johansson erzielte nach 5:51 Minuten den ersten THW-Treffer 2026. Andreas Wolff parierte den Siebenmeter von Thrastarsson, dann war erneut Johansson mit einem Stemmer zur Stelle. Und als Lukas Zerbe einen Siebenmeter zum 3:4 (9.) verwandelte, waren die Zebras zurück in der Partie. Die Löwen ließen sich allerdings nicht beirren, profitierten dabei auch von technischen Fehlern der Kieler und hatten beim 8:4 nach 15 Minuten erneut die Nase klar vorn. Jicha ließ seine Mannen improvisieren, stellte viel um, brachte Lukas Laube für den Kreis. Duvnjak verstärkte die Abwehr und Nikola Bilyk übernahm die Mittelmann-Position. Zerbe verwandelte einen weiteren Strafwurf sicher, und als Magnus Landin das vortreffliche Anspiel von Johansson im Löwen Tor unterbrachte, hatte der THW auf 8:9 verkürzt.
Sieben-gegen-Sechs stoppt Gastgeber-Lauf
Es wurde mit harten Bandagen gekämpft: Landin erlitt eine blutende Wunde am Rücken, Pekeler blutete nach einem Zusammenprall stark aus der Nase, fehlte seinem Team in der Abwehr im Mittelblock. Dennoch: Der Deckungsverband der Zebras fand immer besser zusammen, wurde langsam zum Kitt des Kieler Spiels. In der 24. Minute stellte Jicha Gonzalo Perez de Vargas zwischen die Pfosten, der Spanier wurde später mit einigen wichtigen Paraden ebenso zum Rückhalt. Allerdings zogen die Löwen auch Kapital aus Späths Paraden und technischen Fehlern der Schwarz-Weißen: Bis auf 13:8 zogen die Mannheimer davon, mit dem exakten Einsatz des Sieben-Gegen-Sechs beendeten die Kieler aber den Sturmlauf der Gastgeber: Bis zur Pause kam der THW Kiel wieder auf 12:15 heran.
Zebras drehen die Partie
Zerbe traf zu Beginn des zweiten Abschnitts aus ganz schwierigem Winkel, Pekeler brachte seinen Ballklau im Löwen-Tor unter, und nachdem de Vargas gegen Groetzki und Kohlbacher glänzend parierte, stand es nach dem Kontertor von Zerbe nur noch 16:17. Die Kieler auf dem Weg zur Führung? Pustekuchen. Johansson traf nur die Lattenunterkante und die dann die Torlinie, Nacinovic kassierte seine zweite Zeitstrafe, und wenig später brachte Groetzki die Rhein-Neckar Löwen wieder mit 22:18 (44.) in Front. Die Kieler blieben allerdings ruhig, mischten in der Deckung jetzt noch mehr Beton an. Landin traf, Johansson ließ das 20:22 folgen. Jicha rief in der 48. Minute erneut zur Auszeit, schwor seine Mannen auf die Schlussphase ein. Und wie! Elias Ellefsen á Skipagötu fand zu gewohnter Torgefährlichkeit zurück , und als Lukas Zerbe in der 51. Minute einen Tempogegenstoß versenkte, war der Kieler 5:0-Lauf zum 23:22 perfekt - die erste Führung im Spiel.
Schlussphasen-Krimi und Dules Finger
Aber: In der Abwehr renkte sich Domagoj Duvnjak vor den Finger aus, rannte mit schmerzverzerrtem Gesicht zur Bank: Dort wartete Physiotherapeut Fernando Sanz Lopez, renkte den Finger wieder ein, tapte ihn - und "Dule" war nach weniger als 90 Sekunden Pause wieder einsatzbereit. Starkes Teamwork im Handball-Krimi! In diesem ging es jetzt hin und her. Á Skipagötu tankte sich durch, wuchtete den Ball wenig später unter die Latte: Jetzt legten die Zebras vor, die Löwen glichen aus. Die Schlussphase war wirklich nichts für Fans mit schwachen Nerven. 55 Sekunden vor dem Ende landete der "Hammer" von Johansson zum 27:26 im Löwen-Netz, de Vargas parierte Sandell. Die Löwen behielten aber den Ball, und als Steenaerts auf Rechtsaußen mit Rune Dahmke kollidiert, entschieden die Schiedsrichter 14 Sekunden vor Schluss auf Siebenmeter und Zeitstrafe gegen den THW-Linksaußen. Nothdurft glich zum 27:27 aus. Jicha drückt sofort auf den Buzzer für die Auszeit: "Jungs, wir holen uns die zwei Punkte - und ich sage euch jetzt wie.“ Gesagt, getan: In Unterzahl und ohne Torhüter wanderte der Ball durch die THW-Reihen, bis er vier Sekunden vor dem Abpfiff bei Johansson landete. Der Rest war ein unglaublicher Hammer, der im Netz festklebende Ball und eine THW-Jubeltraube nach einem denkwürdigen Handball-Abend.
Titel-Favorit Magdeburg am Sonntag zu Gast in Kiel
Das Hammer-Auftakt-Programm des THW Kiel im Jahr 2026 setzt sich am Sonntag mit dem ersten Heimspiel fort: Zu Gast in der seit Wochen restlos ausverkauften Wunderino Arena ist dann der amtierende Champions League-Sieger und designierte deutsche Meister SC Magdeburg. Die Sachsen-Anhaltiner mit ihrem 19 Nationalspieler umfassenden Star-Aufgebot thronen mit einem satten Vorsprung an der Spitze der DAIKIN HBL und sind seit nunmehr 33 Spielen wettbewerbsübergreifend ungeschlagen. Einen Punktverlust erlaubte sich der SCM nur beim HC Erlangen sowie beim 26:26 im Hinspiel gegen den THW Kiel kurz vor Weihnachten. Nun kommt es zum erneuten Kräftemessen beider Clubs, die im Januar zusammen 24 Stars zu den kontinentalen Titelkämpfen entsandten. Die Medaillengewinner beider Teams werden am Sonntag vor dem Anpfiff um 18 Uhr (live bei Dyn) geehrt, bevor die Zebras einen echten Heim-Hexenkessel benötigen, um wichtige Punkte in Kiel zu behalten: Weiter geht’s gegen Magdeburg, Kiel!
Text: Reimer Plöhn / Fotos: RNL/Max Krause
DAIKIN Handball-Bundesliga, 20. Spieltag: Rhein-Neckar Löwen - THW Kiel: 27:28 (15:12)
Rhein-Neckar Löwen: Jensen (1 Siebenmeter, keine Parade), Späth (1.-60., 10 Paraden); Larson, Timmermeister, Nothdurft (7/1), Plucnar Jacobsen, Sandell (1), Heymann (3), Steenaerts, Moré, Groetzki (2), Thrastarson (4), Ciudad-Benitez, Baijens (1), Aspenbäck (5), Kohlbacher (4); Trainer: Machulla
THW Kiel: Perez de Vargas (23.-30., 1 Parade), Wolff (1.-23., 3/1 Paraden); Duvnjak, Reinkind, Landin (5), Överby (n.e.), Laube (1), Johansson (7), Dahmke, Zerbe (7/3), Abdelhak, Bilyk (1), Pekeler (2), á Skipagötu (4), Imre, Nacinovic (1); Trainer: Jicha
Schiedsrichter: Lucas Hellbusch / Darnel Jansen
Zeitstrafen: RNL: 2 (Plucnar Jacobsen (19.), Thrastarson (33.)) / THW: 5 (Duvnjak (14.), 2x Nacinovic (28., 43.), Laube (36.), Dahmke (60.))
Siebenmeter: RNL: 3/1 (Wolff hält Thrastarson (7.), Thrastarson an die Latte (14.)) / THW: 3/3
Spielfilm: 4:0 (5.), 4:3 (9.), 6:3 (11.), 8:4 (15.), 8:6 (18.), 9:8 (20.), 13:8 (24.), 13:11 (28.), 14:12 (30.), 15:12;
2. Hz: 16:13, 17:14 (34.), 17:16 (39.), 19:18 (41.), 22:18 (44.), 22:23 (51.), 24:25 (55.), 26:27 (60.), 27:27, 27:28.
Zuschauer: 11.248 (SAP-Arena, Mannheim)
Stimmen zum Spiel:
THW-Trainer Filip Jicha: Insgesamt sind wir heute der glückliche Sieger. Wir waren über ein ganzes Stück des super intensiven Spiels nicht die bessere Mannschaft, das muss ich gestehen. Die Rhein-Neckar Löwen haben eine mächtige Abwehr hingestellt, gegen die wir unglaubliche Probleme hatten. Wir kamen einfach nicht durch, kamen mit der Aggressivität und dieser Wucht, die die Löwen stellten, nicht zurecht. Es war ein bisschen ein typisches Spiel nach einer langen Pause auswärts bei einem starken Gegner, in dem mir in der ersten Halbzeit die Bereitschaft fehlte. Ohne unsere vielen Umstellungen, ohne unser Sieben-gegen-Sechs mit drei Rechtshändern im Rückraum hätten wir den Sieg hier heute nicht geholt. Ich möchte meiner Mannschaft trotzdem zu den beiden Punkten gratulieren. In der zweiten Halbzeit haben wir uns besser reingekämpft, waren auch in der Abwehr mit der 3-2-1, die wir gar nicht trainiert hatten, wacher. Es war viel Improvisation dabei, deshalb ziehe ich vor meiner Mannschaft den Hut, wie sehr sie sich in der zweiten Halbzeit gesteigert hat. Mit dem Wurf ins Glück konnten wir uns dafür belohnen. Ich freue mich auch für Eric, dass er so einen Schlagwurf raushauen konnte, weil wir diese Situation trainiert hatten.
RNL-Trainer Maik Machulla: Glückwunsch an Filip zum Sieg und danke für das Lob. Dafür können wir uns leider nichts kaufen, das ist brutal ärgerlich. Ich finde auch, dass wir von der Intensität, von der Bereitschaft, von der Aggressivität und von dem, was wir uns nach der langen Pause vorgenommen hatten, relativ viel richtig gemacht haben und das so umsetzten konnten, dass der THW Kiel ins Sieben-gegen-Sechs musste. Das hat uns ein stückweit die Aggressivität genommen, du wirst hinten reingedrückt, hast nicht mehr die Tiefe im Spiel. Und dann hat der THW Kiel mit Eric einen Spieler, der uns auch aus der Distanz vor Aufgeben stellen kann. Ich sehe das Problem aber nicht in der Abwehr, sondern im Angriff, wo wir Mitte der zweiten Halbzeit keinen Flow mehr haben, nicht mehr die Aggressivität Richtung Tor haben, wo wir versuchen, den Ball zu verwalten und den Killerinstinkt vermissen lassen, das Tor erzwingen zu wollen. Dann machen wir ein paar einfache Fehler, und damit holen wir den THW Kiel wieder zurück und es ist am Ende eine total offene Partie – aus unser Sicht unnötig, weil wir schon in der ersten Halbzeit eine höhere Führung verpassen. Wir sind jetzt natürlich enttäuscht.
THW-Siegtorschütze Eric Johansson bei Dyn: Beim Tor ging mir nicht viel durch den Kopf. Ich wusste, dass ich werfen soll. Und das habe ich dann gemacht. Vorher lagen wir lange hinten, haben die ersten 50 Minuten des Spiels nicht so abgeliefert, wie wir es uns vorgenommen hatten. Daher war es auch ein großer Kampf, überhaupt zurückzukommen. Das hat Kraft gekostet, aber diese beiden Punkte wollten wir unbedingt. Gegen Magdeburg wird es ein noch engeres Spiel, das hat die Vergangenheit gezeigt. Aber wir haben es zuletzt gegen sie gut gelöst, spielen am Sonntag mit unseren Fans im Rücken, die uns von Anfang bis Ende mit ihren Emotionen helfen müssen. Das wird ein wirkliches Topspiel.
THW-Kapitän Domagoj Duvnjak bei Dyn: Wir sind nicht gut ins Spiel gekommen, waren nicht richtig da. Aber wir haben auch gegen starke Rhein-Neckar Löwen mit einer geilen Mannschaft gespielt, das gehört zur Wahrheit auch dazu. Am Ende hat das Spiel aber gezeigt, dass wir immer Steigerungspotenzial haben.Und es hat gezeigt, was wir für einen Charakter haben. Es war nicht unser bestes Spiel, aber wir nehmen sehr gerne die zwei Punkte mit. Die EM ist vorbei, und alle konnten an den Ergebnissen sehen, dass man sofort wieder da sein muss. Denn es ist unfassbar, wie eng es in jedem Spiel, wie eng es in der Liga zugeht. Unser Traum ist es, nächstes Jahr Champions League zu spielen. Dafür geben wir alles, müssen aber aber auch in jedem Spiel voll da sein.












