
27:32 in Stuttgart: Zebras verlieren in der zweiten Halbzeit Kopf und Punkte
Riesen-Enttäuschung für den THW Kiel und seinen Anhang: In der mit 6211 Zuschauern ausverkauften Porsche-Arena kassierten die Zebras nach eigener 16:14-Halbzeitführung noch eine deutlichge 27:32-Niederlage beim TVB Stuttgart. Dabei verloren die ersatzgeschwächten Kieler in einem blutleer wirkenden zweiten Durchgang erst den Kopf und dann beide Punkte. Die Mannschaft verlor damit weiteren Boden im Kampf um die erhoffte Champions League-Qualifikation. Die Stuttgarter indes konnten ihr Glück kaum fassen: Sie spielten mit ihrer Vier-Rückraum-Spieler-Taktik und vielen Zweikämpfen die müde Kieler Deckung k.o. und feierten ihren ersten Sieg überhaupt gegen die Schwarz-Weißen von der Förde.
Johansson und Laube müssen passen
Bei der Kieler Handball-Hetzjagd durch die DAIKIN Handball-Bundesliga und der EHF European League standen den Zebras nur 48 Stunden nach dem Heimsieg über Bidasoa Irun in Stuttgart ausgeruhte TVB-Spieler gegenüber. Weiteres THW-Handicap: Neben Emil Madsen (Knorpelschaden), Top-Torjäger der vergangenen Saison, und dem aktuell erfolgreichsten Werfer Elias Ellefsen á Skipagötu (Schulterverletzung) meldeten sich kurzfristig auch die Nummer drei in der internen Torschützenliste, Eric Johansson, und der zuletzt in bestechender Form aufspielende Lukas Laube ab: Beide waren mit einem Infekt in ihren Hotelbetten geblieben. Ganz schwierige Voraussetzungen also, die wichtigen Punkte von den heimstarken und unangenehm zu bespielenden Schwaben zu entführen.
Kieler Traumstart
Der Start in die Partie geriet dennoch nach Plan: Gonzales Perez de Vargas stärkte seiner Mannschaft von Beginn an den Rücken, hatte seinen Anteil am Kieler 8:3-Traumstart. Stuttgart legte durch Kai Häfner vor, doch dann folgten starke Minuten von Domagoj Duvnjak: Der Routinier begann zunächst in der Mitte begann, übernahm Verantwortung auch beim Werfen erzielte die ersten drei Kieler Tore im Alleingang. Kai Häfner glich nach sieben Minuten per Siebenmeter zum 3:3 aus. Dann folgte die beste Kieler Phase mit einem 5:0-Lauf zum 8:3 in der elften Minute. Perez de Vargas nagelte den Kasten zu, mit schnellen Händen und auf schnellen Beinen wurde dem TVB-Angriff Bälle geklaut, und vorne wurde kompromisslos abgeschlossen: Hendrik Pekeler traf, und je zweimal netzten Petter Överby und Nikola Bilyk ein. Die Stuttgarter griffen einmal mehr mit vier Rückraumspielern und ohne Kreisläufer an - darauf waren die Zebras bestens eingestellt, machten die Lücken eng und gewannen viele Zweikämpfe.
Ankermann trifft zur 16:14-Pausenführung
Nach dem 4:8 von Nigg erhöhte Harald Reinkind erneut auf fünf Tore Abstand. Aber Stuttgart wurde im Angriff stärker, packte einen 3:0-Lauf aus. Nach 18 Minuten war der Abstand auf 7:9 geschrumpft. Lukas Zerbe antwortete per Doppelschlag, Kiel führte in der 20. Minute wieder mit 11:7, versäumte es aber, eine höhere Halbzeitführung herauszuwerfen, weil eigene Chancen ungenutzt blieben, sich mehr und mehr technische Fehler einschlichen. Filip Jicha setzte jetzt auch auf Rasmus Ankermann: Der 18-Jährige brachte mehr Tempo ins Spiel, traf selbst zum 13:11, setzte immer wieder seine Mitspieler ein. Kiels Youngster war wenige Sekunden vor dem Pausenpfiff auch zur Stelle, erzielte den 16:14-Halbzeitstand.
Kieler Fehlerketten
Schon der Start in die zweite Hälfte war kein gutes Omen für die folgenden 30 Minuten: Erst setzte Lukas Zerbe einen Siebenmeter weit neben das Tor, dann konnte Bilyk gegen den immer stärker werden TVB-Torhüter Kornecki einen weiteren Ballgewinn der Abwehr nicht nutzen. Trotzdem hatten die Zebras bis zur 39. Minute die Nase weiterhin knapp die Nase vorn, verpassten aber eine klarere Führung. Mit Überzeugung und Mut agierte vorwiegend Kiels Jüngster, Rasmus Ankermann: Der Youngster glänzte mit Anspielen, holte Siebenmeter raus, ging auch dann noch in die Tiefe, als seine Nebenleute sich mehr und mehr der Brechstange bedienten. Kein gutes Mittel gegen die aufmerksamen Stuttgarter, obwohl „Gonschi“ einen Strafwurf von Häfner parierte. Nach Bilyks Stürmerfoul glichen die Gastgeber durch Marco Mengon zum 18:18 aus. Mohab Abdelhak brachte die Zebras in der 40. Minute dann ein letztes Mal in Führung. Dann aber vertändelte er einen in der Abwehr gewonnenen Ball, und Stuttgart ging durch Snayder erstmals wieder mit 20:19 in Front.
3:11-Lauf besiegelt erste Niederlage gegen Stuttgart
Jetzt kochte die Halle, und den Zebras unterliefen nun Fehler um Fehler. Auch in der Abwehr verloren sie komplett den Zugriff, vorn sorgte beinahe nur noch Ankermann für kurzes, handballerisches Aufflackern. Im Kieler Angriff herrschte jetzt eine totale Flaute, die Häfner & Co. mit dem entscheidenden 6:0-Lauf bestraften. Einige fragwürdige Schiedsrichterentscheidungen taten ein Übriges, aber letztlich waren es die Kieler Spieler, die sich kaum noch gegen das wehrten, was in Blau-Weiß auf sie zurollte: Von 22:21 zogen die Hausherren binnen fünf Minuten auf 27:21 und kurz darauf auf 28:21 davon, als Zieker in der 55. Minute dann zum 31:23 einnetzte, waren auch die letzten THW-Hoffnungen auf ein kleines Wunder zerstoben: Hängende Zebra-Köpfe, jubelnde Gastgeber nach ihrem ersten Triumph gegen den THW Kiel im 23. Spiel - eine ganz bittere zweite Halbzeit der Zebras. "Wir wussten, dass es schwer werden würde gegen die Stuttgarter mit ihrem speziellen Angriffsspiel. Aber wir haben gut begonnen“, analysierte Kiels Abwehrchef Hendrik Pekeler. "Vorne haben wir später einfach keine Lösungen mehr gefunden, zu wenig Tore geworfen. So kann man in Stuttgart nicht gewinnen. Es war ein verdienter TVB-Sieg, und wir müssen uns jetzt wieder hintenan stellen."
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Doppel-Derby-Woche voraus
Am Freitag kehren die Zebras von ihrem achten Spiel binnen 22 Tagen zurück in die Landeshauptstadt. Die kommende Woche vor den Nationalmannschafts-Lehrgängen verbringen die Kieler komplett zu Hause, denn der Derby-Doppelpack in der Wunderino Arena steht an. Für das Europa-Duell mit der SG Flensburg-Handewitt am Dienstag (20:45 Uhr) gibt es unter www.thw-tickets.de und in der THW-FANWELT noch Eintrittskarten, das Liga-Derby am darauffolgenden Samstag (14.3., 20 Uhr) ist seit Monaten restlos ausverkauft, aber Dyn überträgt live. Weiter geht’s gegen Flensburg, Kiel!
Text: Reimer Plöhn / Fotos: Harry Langer/24passion
DAIKIN Handball-Bundesliga, 24. Spieltag: TVB Stuttgart - THW Kiel: 32:27 (14:16)
TVB Stuttgart: Kornecki (1.-60., 14/1 Paraden), Vujovic (n.e.); M. Häfner (1), Serradilla, Lien, Snajder (2), S. Mengon (7), Schmid, Heydecke, Matzken, Zieker (2), M. Mengon (3), K. Häfner (10/6), Rubin, Nigg (6; Trainer: Kaufmann
THW Kiel: Perez de Vargas (1.-44., 8/1 Paraden), Wolff (44.-60. und 1 Siebenmeter, 1 Parade); Duvnjak (3), Reinkind (2), Landin (2), Överby (3), Ankermann (3), Dahmke (1), Zerbe (4), Abdelhak (1), Bilyk (3), Pekeler (5), Imre, Nacinovic; Trainer: Jicha
Schiedsrichter: Niko Bärmann / Leon Bärmann
Zeitstrafen: TVB: 5 (2x M. Mengon (8., 23.), Schmid (45.), 2x Serradilla (51., 54.)) / THW: 3 (Överby (29.), Landin (33.), Duvnjak (49.))
Siebenmeter: TVB: 7/6 (Perez de Vargas hält Häfner (36.)) / THW: 2/0 (Zerbe vorbei (31.), Kornecki hält Landin (47.))
Spielfilm: 1:0, 2:1, 3:3 (7.), 3:8 (12.), 4:9 (13.), 7:9 (19.), 7:11 (20.), 9:11 (22.), 11:13 (25.), 13:15, 14:16;
2. Hz:.15:17, 16:18 (36.), 20:20 (42.), 22:21 (44.), 28:21 (52.), 29:23 (54.), 31:23, 31:26 (59.), 32:27.
Zuschauer: 6211 (ausverkauft) (Porsche-Arena, Stuttgart)
Stimmen zum Spiel:
THW-Trainer Filip Jicha: Erst einmal möchte ich Misha und den TVB zu den verdienten zwei Punkten gratulieren, die sie sich in der zweiten Halbzeit eindrucksvoll erkämpft haben. Wir haben viele Verletzte und Kranke aktuell, und ja, wir haben vor 48 Stunden gespielt – aber das kann und darf keine Ausrede für diese zweite Halbzeit sein. Wie wir diese weggegeben haben und uns nicht einmal gewehrt haben, ist frustrierend und nicht in Ordnung. Jeder einzelne der Spieler, die ich einsetzen konnte, besitzt die Qualität, sich zu wehren. Handballerische Lösungen zu finden, die nichts mit der Brechstange zu tun haben. Bezeichnend war der Auftakt in die zweite Halbzeit: Da werfen wir einen Siebenmeter neben das Tor, da haben wir Ballgewinne, die wir vorne nicht nutzen. Und dann laufen wir Stuttgart in der zweiten Halbzeit mit der Brechstange ins offene Messer. Der 3:11-Lauf war sehr frustrierend, insgesamt schmerzt die Art und Weise, wie wir in der zweiten Halbzeit agiert haben, sehr. Es ist bezeichnend für diese zweite Halbzeit, dass unser bester Rückraumspieler ein 18-Jähriger war: Rasmus war der einzige, der mit Volumen und Intensität Handball-Endscheidungen getroffen hat. So haben die Stuttgarter das Spiel verdient an sich gezogen.
TVB-Trainer Misha Kaufmann: Dieser Sieg ist geschichtsträchtig. Wir haben mit unserem jungen Innenblock zum Start viel Mut bewiesen, kommen trotzdem nicht gut in diese Partie. Der THW Kiel bestraft uns gnadenlos in den Überzahlsituationen. Zum Glück konnten wir die Hypothek nach dem 3:8 bis zur Pause ein wenig abbauen. Und dann wussten wir, dass Kiel angesichts ihres Pensums Probleme bekommen würde. Man hat gesehen, dass die phasenweise stehend K.o. waren, weil wir permanent die Zweikämpfe gesucht haben. Der 6:0-Lauf von uns hat ihnen dann endgültig den Zahn gezogen. Wir haben uns in dieses Spiel reingefightet, dieses Gesicht möchte ich immer von meiner Mannschaft sehen. Und man hat heute an den Zuschauern gesehen, dass sie - anders als zu Beginn der Saison - daran glauben, dass wir solch eine Mannschaft wie den THW Kiel schlagen können. Wir haben aber Woche für Woche gezeigt, dass wir mit den Top-Teams mithalten können. Der heutige Sieg war daher gut fürs Gemüt, gut fürs Umfeld, gut für das Wohl des TBV. Wir arbeiten jetzt aber weiter.
THW-Kapitän Rune Dahmke: Wir gehen mit einer Führung in die Halbzeit, alles läuft eigentlich nach Plan. Dann lassen wir in der zweiten Halbzeit einfach viel liegen und verlieren den Kopf komplett. Im Angriff, aber auch in der Abwehr: Da gewinnen wir keine Bälle mehr, verlieren jeden Zweikampf, bekommen einen 3:11-Lauf. Danach geht kein auch kein Ruck mehr durch die Mannschaft, dass wir uns irgendwie versuchen zu wehren – das ist extrem enttäuschend. Die Belastung und der kurzfristige Ausfall von Eric und Lukas sind Teil der Wahrheit. Aber wir sagen immer, dass wir um die Champions League-Plätze kämpfen wollen und haben trotz der Ausfälle immer noch eine Mannschaft, die gut genug ist, um hier in Stuttgart zu bestehen. Aber das müssen wir dann auch zeigen. Das haben wir heute nicht, und dafür haben wir die Quittung bekommen.












