Unglückliches Derby-Unentschieden nach VAR-Entscheidung: Neuformierter THW Kiel weiter ungeschlagen

Bundesliga

Unglückliches Derby-Unentschieden nach VAR-Entscheidung: Neuformierter THW Kiel weiter ungeschlagen

Es war ein echtes Derby, in dem der neuformierte THW Kiel der SG Flensburg-Handewitt lange Zeit den Schneid abgekauft hatte. In einer Atmosphäre, wie man sie in Kiel lange nicht mehr erlebt hat, waren die Zebras 60 Minuten über sich hinausgewachsen. Haben an sich geglaubt, haben ihrer neuen Stärke vertraut. In der Schlussphase verpassten sie es aber zunächst, den Sack zuzumachen. Am Ende wurde dieses rassige, hochklassige Spiel dann leider nicht auf dem Feld entschieden: Per VAR wurde der vermeintliche Siegtreffer von Julian Köster einkassiert. Minutenlang hatte das Schiedsrichter-Gespann zuvor erst den Ablauf der Zeit, dann einen möglichen Eintritt von Köster und am Ende einen möglichen Schrittfehler von Domen Makuc überprüft. Am Ende jubelte Flensburg über den unverhofften, wenngleich nicht unverdienten Punktgewinn beim 31:31, während sich die Zebras enttäuscht bei ihren großartigen Fans bedankten. Bester Torschütze der Begegnung war Domen Makuc mit neun Treffern, der Slowene hatte auch einen großen Anteil am 18:14-Halbzeitstand. 

Rassiges Spiel wird nicht auf dem Feld entschieden

Ein Schiedsrichter in einem hellblauen Trikot gibt während eines Hallenhandballspiels mit ausgestreckten Armen ein Zeichen, im Hintergrund sind Spieler und eine verschwommene Zuschauermenge zu sehen.Die Stimmung nach Kösters vermeintlichem Siegtor in der seit Wochen ausverkauften Arena explodierte - die Zebras fielen sich um den Hals, die Flensburger sackten in sich zusammen. Es hätte das spektakuläre Ende eines großartigen 117- Landesderbys sein können. Ein Ende, das all die Faszination des Handballsports in viele Wohnzimmer transportiert hätte. Es wurde aber ein Ende, nach dem nicht mehr über 60 Minuten gesprochen wurde, sondern über das Schiedsrichtergespann: Julian Köppl/Denis Regner überprüften das letzte Tor und fanden nach Minuten einen Schrittfehler von Domen Makuc in der Entstehung, bei dem er sogar noch gestoßen wurde. Entscheidung: Kein Tor. Unentschieden. Jetzt jubelte Flensburg über einen unverhofft erhaltenen Punkt, während die Zebras sich enttäuscht bei ihren grandiosen Fans bedankten. Die Zuschauer verabschiedeten das Schiedsrichtergespann mit einem gellenden Pfeifkonzert und "Schieber-Schieber"-Rufen. 

Wolff von Beginn an on fire

Ein Handballspieler in einem weiß gestreiften Trikot springt hoch, um einen Wurf zu versuchen, während mehrere Verteidiger in dunkelblauen Trikots die Arme heben, um ihn zu blocken. Auf dem Spielfeld herrscht Gedränge, im Hintergrund ist eine große Zuschauermenge zu sehen.THW-Trainer Börge Lund konnte auf seinen vollen Kader setzen, auch der Nordrivale war die 80 Kilometer lange Anreise in Bestbesetzung angetreten, musste lediglich auf Luka Witzke verzichten, der sich nach einer Schulter-OP in der Reha befindet. Das erste Tor vor den über 10 000 entfesselten THW-Fans erzielte Eric Johansson: Der Schwede wuchtete den Ball wuchtig an Buric vorbei ins SG-Netz, Aymeric Minne glich postwendend aus, und nach dem erfolgreichen Solo von Johansson zum 2:1 bekamen die Flensburger zunächst das Heft in ihre Hände: Novak glich aus und Bergholt sowie Pytlick brachten die SG mit 4:2 nach vorn. Gut, dass THW-Torhüter Andy Wolff von Beginn an auf der Höhe war, Emil Jakobsen bremste und auch den Tempogegenstoß von Pytlick phänomenal parierte, die Kieler Arena zusätzlich anheizte.

Unverständnis und selbstkritische Töne

Zwei männliche Handballspieler feiern ausgelassen auf dem Spielfeld – der eine in einem weißen Trikot mit erhobenen Armen, der andere in einem dunkelblauen Trikot –, während im Hintergrund eine jubelnde Zuschauermenge zu sehen ist.THW-Rechtsaußen Lukas Zerbe, sonst eher ein Mann der leisen Töne, haderte mit dem Schieri-Gespann. "Ich kann nicht verstehen, warum sich diese Situation überhaupt noch einmal angeschaut wird. Es war nichts, was man sonst im Handball nicht auch erlebt, in diesem Angriff zu sehen. Zumal der letzte Angriff der Flensburger nicht regelkonform war, wir da auch schon benachteiligt wurden." Der Frust war verständlich, sah es lange Zeit nach einem klaren Erfolg für den THW Kiel aus. Kiels überragender Spielmacher und bester Torschütze (neun Treffer) Domen Makuc hatte seine Zebras zehn Minuten vor dem Abpfiff mit seinem achten Treffer mit 30:25 in Führung geworfen. Die Merkur Ostseehalle stand Kopf, feierte ihre über weite Strecken der Begegnung großartige und bessere Mannschaft frenetisch. Doch in der Folge schlich sich Sand ins Getriebe des Kieler Angriffsspiel, die Flensburger kämpften sich Tor um Tor heran, Nationalspieler Marko Grgic glich nach schrittverdächtiger Vorarbeit von Lasse Möller 28 Sekunden vor dem Abpfiff zum 31:31 aus. "Wir dürfen unseren Vorsprung natürlich nicht so einfach herschenken", bemängelte Lukas Zerbe selbstkritisch die Kieler Leistung in den letzten zehn Minuten.

Kieler drehen das Spiel

Ein Handballspieler in einem schwarz-weißen Trikot steht auf dem Spielfeld, während ein türkisfarbener Ball in der Luft schwebt. Im Vordergrund ist der Arm eines anderen Spielers zu sehen, der ein rotes Armband trägt. Im Hintergrund ist ein verschwommenes Publikum zu erkennen.Harald Reinkind nutzte seine Chance, brachte den THW auf 3:4 heran. Aber ins Rollen kam der THW-Angriff zunächst nicht. Makuc übernahm nach zwölf Minuten die Spielleitung von Elias Ellefsen á Skipagötu, und auch sonst nutzte Trainer Lund seine voll besetzte Bank, wechselte auf vielen Positionen durch: Emil Madsen kam, Vincent Büchner, Hendrik Pekeler, Domagoj Duvnjak verstärkte die Abwehr. Noch aber blieben die Gäste am Drücker, Pytlick traf nach 14 Minuten zum 6:8, Minne erzielte wenig später beim 9:6 sogar den ersten Drei-Tore-Vorsprung für die SG. Lund setzte nun auf eine ganz offensive Abwehr, ließ seine 3-2-1 fast auf eine 3-3-Linie vorrücken. Die Zebras kämpften sich zurück, die "weiße Wand" wurde zum überwältigenden Rückhalt. Wolff zeigte Glanzparaden gegen Novak und Jakobsen, innerhalb von fünf Minuten drehten die Zebras den 9:11-Rückstand mit einem grandiosen 4:0-Lauf in den 12:11-Vorsprung nach 23 Minuten. Die Merkur Ostseehalle stand, tobte, wurde zum Tollhaus und half damit der neuformierten Kieler Mannschaft. Emil Madsen fand komplett ins Spiel, erzielte beim 13:12 in der 25. Minute seinen vierten Treffer, die  Zebras kamen richtig ins Laufen: Wolff kaufte Pytlick eine Großchance ab, Rasmus Ankermann war nicht aufzuhalten, und als Emil Madsen zum fünften Mal unter dem Jubel der Fans einnetzte, lagen die Zbras deutlich vorn, nahm nach dem Halbzeitpfiff die verdiente 18:14-Führung mit in die Kabine.

Möller ärgert Kiel

Zwei männliche Handballspieler kämpfen um den Ball; der Spieler in Weiß hält den Ball in der Hand, während der Spieler in Blau nach ihm greift und ihn am Trikot packt. Beide wirken während dieser intensiven Spielszene auf einem blauen Hallenfeld hochkonzentriert.Wolff stand gleich nach Wiederanpfiff erneut im Mittelpunkt, parierte großartig gegen Pytlick. Im Gegenzug verwandelte Rune Dahmke das Zuspiel von Domen Makuc zum 19:14 - die erste Kieler Fünf-Tore-Führung stand, die Zebras hatten sich ein dickes Polter geschaffen. Ein Polster, das nahezu über die gesamten zweiten 30 Minuten Bestand haben sollte. Flensburg wehrte sich gegen die drohende Niederlage, spielte im Angriff nahezu durchweg mit sieben gegen sechs Spielern. Eine Variante, die auch Börge Lund bisweilen einstreute, außerdem verzichtete der Trainer immer mal wieder auf seinen Kreisläufer, ließ vier Rückraumspieler angreifen. Auch taktisch war dieses Derby ein Leckerbissen. Makuc blieb ein großartiger Antreiber, Julian Köster stand fantastisch in der Abwehr. Vorn stockte es aber, weil Pajovic seine letzte Trumpfarte spielte und Buric durch Neuzugang Möller ersetzte: Sieben Paraden verbuchte  er in den letzten 13 Minuten und avancierte zum guten Rückhalt für sein Team. 

Mittwoch in Magdeburg

Im Mittelpunkt steht ein bärtiger Handballspieler in einem knallpinken Trikot, der die Hände in die Hüften gestemmt hat, während sich im unscharfen Hintergrund auf einer Halle andere Spieler in schwarz-weißen Trikots versammeln und klatschen.Sein Reflex gegen Hendrik Pekeler, mit dem er 90 Sekunden vor dem Ende den erneuten Zwei.Tore-Rückstand verhinderte, brachte Flensburg plötzlich die nicht mehr erwartete Chance auf das Remis. "Wenn ich den Ball reinmache, gewinnen wir mit einem", ärgerte sich Pekeler später, "den mache ich aber leider nicht. Deshalb regen wir uns jetzt über die letzte Szene auf." Grgic traf schließlich zum 31:31, Köster eigentlich zum 32:31 - der Rest ist bekannt. Für die Zebras nimmt der September am Ende noch einmal richtig Fahrt auf, wartet doch bereits am Mittwoch die vielleicht größte Herausforderung der Hinrunde: Die neuformierte Zebraherde ist dann beim Deutschen Meister gefordert. Die Begegnung bei der Weltauswahl des SC Magdeburg, aus dem Dezember in den späten September vorgezogen, wird um 19 Uhr vom Top-Gespann Fabian Baumgart/ Philipp Dinges angepfiffen. Dyn überträgt live aus der ausverkauften Getec-Arena. angepfiffen. Weiter geht die Entwicklung beim Titelverteidiger in Magdeburg, Kiel!

Text: Reimer Plöhn / Fotos: Sascha Klahn

Opel Handball-Bundesliga, 6. Spieltag: THW Kiel - SG Flensburg-Handewitt 31:31 (18:14)

THW Kiel: Perez de Vargas (1 Siebenmeter, keine Parade), Wolff (1.-60., 12 Paraden); Faust, Duvnjak, Reinkind (1), Köster (1), Madsen (5), Johansson (4), Ankermann (1), Dahmke (2), Zerbe (5/2), Makuc (9), Pekeler (1), á Skipagötu (1), Büchner, Nacinovic (1); Trainer: Lund
SG Flensburg-Handewitt: Buric (1.-47., 8/1 Paraden), S. Möller (47.-60., 7/1 Paraden); Pytlick (7), Kirkelökke (2), Bergholt (2), Grgic (4), Tönnesen, Horgen, Volz, Jakobsen (4/3), Arnarsson, Blagotinsek (1), Minne (7), Novak (4), L. Möller; Trainer: Pajovic

Schiedsrichter: Julian Köppl / Denis Regner
Zeitstrafen: THW: 4 (Köster (3.), Nacinovic (19.), 2x Zerbe (34.), 40.)) / SG: 2 (Arnarsson (41.), Blagotinsek (48.))
Siebenmeter: THW: 4/2 (Buric hält Zerbe (24.), Möller hält Zerbe (43.)) / SG: 3/3
Spielverlauf: 1. Hz: 1:0, 2:1 (3.), 2:4 (6.), 4:6 (10.), 6:9 (16.), 7:10, 9:11 (20.), 12:11 (22.), 15:12 (28.), 17:13 (30.), 18:14;
2. Hz: 19:14 (31.), 21:16 (34.), 22:18 (37.), 24:20 (41.), 26:22 (45.), 28:24 (49.), 30:25 (50.), 31:28 (57.), 31:31.
Zuschauer: 10.285 (ausverkauft) (MERKUR Ostseehalle, Kiel)

Stimmen zum Spiel: 

THW-Trainer Börge Lund: Es war ein sehr, sehr intensives Spiel. Wenn man es so will, das erste Spiel unserer neu zusammengebastelten Mannschaft gegen ein Weltklasse-Team. Und gleichzeitig auch die Bestätigung, dass wir die Qualität haben, um gegen solch eine Mannschaft zu bestehen. Wir haben mit dieser Mannschaft in dieser Saison die Ostseehalle wieder neu für das Team gewonnen. Es war eine großartige Unterstützung, und wir können viel Positives aus dem Spiel mitnehmen, auch wenn es gefühlt ein Punktverlust war. Wir haben den Glauben an und die Geduld für den Entwicklungs-Prozess bewiesen, jetzt geht es darum, die Leistung stabil zu bekommen. Wir haben immer weitergemacht und konnten es Flensburg mit unseren Ideen schwer machen. Jetzt wollen wir daran arbeiten, einige Saschen noch besser zu erledigen, damit der Gegner nicht mehr die Möglichkeit hat, zurückzukommen. Zur letzten Szene möchte ich nur etwas Generelles sagen: Wenn man es so handhabt, dass man beim Ansehen immer weiter zurückgeht in den Aktionen, dann muss man auch die kompletten letzten 30 Sekunden betrachten: Erst wird geschaut, ob Julian im Kreis steht. Tut er nicht. Dann wird immer weiter zurückgeschaut, bis man dann was gefunden hat. Da fragt man sich schon, wo man da die Grenze setzt.

SG-Trainer Ales Pajovic: Letztlich muss ich mit der Entscheidung am Ende zufrieden sein, wir haben so noch einen Punkt gewonnen. Ich habe tatsächlich ein Tor gesehen, dann haben wir gesehen, dass es eine Chance gibt auf Schritte. Mit unseren Regeln ist es schwer, und ich bin glücklich, wie das entschieden wurde. Es wäre gut, wenn es eine Challenge-Möglichkeit gibt, das würde einiges einfacher machen – so sind wir sehr abhängig von den Schiedsrichtern. Zum Spiel: Es war ein richtiges Derby. Wir sind gut gestartet, hatten dann Probleme mit der Kieler 3-2-1, die später fast eine 3-3 war. Dagegen haben wir keine Lösungen gefunden, Kiel hat vorn mit Geduld gespielt. So waren es zur Halbzeit minus vier, später sogar minus fünf. In Kiel ist es dann schon schwer, zurück zu kommen. Wir haben dann auf 7-6 gewechselt, den Torhüter getauscht, haben Charakter gezeigt, gekämpft und hatten am Ende auch ein bisschen Glück.

Hendrik Pekeler bei Dyn: Nach meiner persönlichen Wahrnehmung sehe ich in der letzten Aktion nichts, bei dem die Schiedsrichter eventuell Zweifel haben könnten, und deshalb zum Videobeweis gehen. Natürlich gibt es diese Regel. Dass sie das machen können, ist mir klar. Aber was hat sie dazu veranlasst, da hinzugehen? Wird das überall in jeder Halle genauso gehandhabt? Ich bin natürlich mega frustriert, dass wir heute hier einen Punkt verloren haben. Dass es Schritte von Domen sind, da sind wir uns einig. Aber die Beweggründe, warum die Schiedsrichter überhaupt zum Videobeweis gegangen sind und wo sie sich in einer Aktion, die vorher hundert mal so läuft, nicht sicher waren, würden mich in der Tat interessieren.

THW-Geschäftsführer Viktor Szilagyi bei Dyn: Es war insgesamt ein fantastisches Spiel. So stellt man sich ein Derby vor. Zwei großartige Mannschaften, ein faires Spiel, niemand hat sich etwas geschenkt. Wir haben uns unglaublich gut in das Spiel hineingekämpft und hatten es fast bis zum Schluss auch gut in der Hand. Aktuell fühlt es sich, wenn ich ehrlich bin, so an, als wäre uns da dann etwas weggenommen worden. Ich war sehr überrascht über die Entscheidung. Ich bin aber nicht der Richtige, das zu erklären. Das müssen diejenigen machen, die so entschieden haben. Anscheinend ist alles regelkonform. Ob es dem Sport hilft, muss man selbst für sich entscheiden. Ich weiß nicht, mit welcher Begründung man sich die Szene überhaupt anschaut und dann doch ein paar weitere Szenen zurückgeht. Im Spiel gibt es ganz, ganz viele solcher Situationen. Dass man dann noch einmal zwei Szenen zurückgeht, ist natürlich bitter. Aber sie haben so entschieden und wir werden irgendwann eine Erklärung dafür bekommen. Das tut gerade einfach weh.