36:29 im Europa-Derby: Zebras zeigen ihr anderes Gesicht und tanken Selbstbewusstsein

European League

36:29 im Europa-Derby: Zebras zeigen ihr anderes Gesicht und tanken Selbstbewusstsein

Nach der herben Enttäuschung in Stuttgart kehrte zum Auftakt der Derby-Woche gegen die SG Flensburg-Handewitt mit jeder Minute mehr Spielzeit das Lächeln zurück in die Gesichter der Zebras. Die gingen vor 8220 Zuschauern in der Wunderino Arena entschlossener in die Zweikämpfe, hatten eine ganz andere Körpersprache als zuletzt und spielten den Gegner von der dänischen Grenze phasenweise schwindelig. Am Ende gewann der THW Kiel das 115. Landes-Duell mit der SG Flensburg-Handewitt mit 36:29 (18:15). Damit feierten die Zebras im 18. Aufeinandertreffen auf internationaler Ebene den höchsten Europapokal-Derbysieg aller Zeiten, wahrten auch im letzten Gruppenspiel ihre weiße Weste in der EHF European League und tankten Selbstvertrauen für das eminent wichtige 116. Derby. Dieses wird bereits am Samstag um 20 Uhr in der seit Monaten ausverkauften Wunderino Arena angepfiffen und ist ein richtungsweisendes Spiel für beide Mannschaften in der DAIKIN Handball-Bundesliga.

Bilyk: "Das Spiel und der Sieg taten gut"

Eine Gruppe männlicher Handballspieler in weißen und schwarzen Trikots steht lächelnd und klatschend auf einem Spielfeld, während im Hintergrund eine unscharfe Menschenmenge zu sehen ist.Es war der 66. Kieler Sieg im 115. Nordderby, die vor allen Dingen in der ersten Halbzeit seltsam verhaltene "weiße Wand" hatte längst ihre Stimme wiedergefunden und feierte ihre Zebras für einen wahrlich begeisternden Auftritt noch Minuten nach dem Schlusspfiff. Den Sieg hatten sich die Kieler in einer fairen Partie vor allem durch eine großartige zweite Halbzeit verdient, in der sie den Nordrivalen phasenweise an die Wand spielten. Basis für den Erfolg war die sattelfeste Abwehr mit dem großartigen Torhüter Gonzalo Perez de Vargas als letzter Instanz. Bence Imre zeichnete sich mit acht Treffern als bester Torschütze aus, bei der SG Flensburg trafen Marko Grgic und Emil Jakobsen (je 5) am besten. "Nach der Enttäuschung in Stuttgart wollten wir zeigen, dass wir deutlich besser Handball spielen können", sagte THW-Rückraum-Ass Nikola Bilyk. "Wir haben entspannt gespielt, ohne die vielen Gedanken im Kopf, etwas verkehrt zu machen. Das Spiel und der Sieg taten gut."

Johansson und Laube wieder im Kader

Ein Handballspieler in einem weißen Trikot springt, um den Ball zu werfen, während Spieler in dunklen Trikots versuchen, ihn zu blockieren. Das Spiel findet in einer Halle statt, die mit einer jubelnden Menge gefüllt ist.Bereits vor dem Finalspiel der Hauptrunden-Gruppe stand fest: Der THW Kiel ist Gruppensieger, Nordrivale und Titelverteidiger SG Flensburg-Handewitt nur Tabellenzweiter. Das immer junge Nordderby also eine Art Freundschaftstreffen? Mitnichten. "Derby ist Derby", hatte THW-Trainer Filip Jicha seinen Spielern schon vor der Partie mit auf den Weg gegeben. Und richtig: 8220 Fans bildeten die Saison-Rekordkulisse im Europapokal, erlebten eine temporeiche, über weite Strecken packende Begegnung mit vielen Handball-Leckerbissen. Die Zebras mussten zwar weiterhin auf ihre verletzten Leistungsträger Emil Madsen (Knorpelschaden) und Elias Ellefsen á Skipagötu (Schulter) verzichten, hatten die zuletzt wegen eines Infekts fehlenden Eric Johansson und Lukas Laube aber wieder dabei. Beide drückten zunächst die Bank, sahen wie ihre Zebras den besseren Start in die Partie hatten. Imre tunnelte SG-Torhüter Benjamin Buric zum 1:0, Bilyk drosch den Ball wenig später zum 2:0 ins Flensburger Netz. Dann trafen aber auch die Flensburger: Emil Jakobsen erzielte das 4:4. Neustart nach neun Minuten.

Zebras übernehmen die Kontrolle

Ein männlicher Handballspieler in einem weißen Trikot joggt auf dem Spielfeld, mit einem verschwommenen Mannschaftskameraden im Vordergrund und Zuschauern im Hintergrund. Die Szene ist hell und actionbetont.Aber die Zebras blieben spielbestimmend, hatten mit "Gonschi" Perez de Vargas einen starken Torhüter zwischen den Pfosten. Dank ihrer bärenstarken Defensive um den überragenden Kapitän Domagoj Duvnjak lagen die Kieler bis zur 16. Minute immer knapp vorn. Dann ging es schnell: Zweimal Grgic, dann netzte SG-Rückraum-Star Simon Pytlick zum 9:8 für die Gäste ein. Die Freude bei den Fans von der dänischen Grenze währte aber nur kurz: Per 3:0-Lauf zogen die Zebras wieder davon. Johansson traf kurz und trocken, Harald Reinkind schweißte den Ball wuchtig unter die Latte und Imre setzte den nächsten Siebenmeter für die Kieler eiskalt ins SG-Netz: 11:9 nach 20 Minuten. Die Lautstärke in der Wunderino Arena nahm endlich Fahrt auf. 

Antreiber Dule 

Ein männlicher Handballspieler in einem weiß-goldenen Trikot bereitet sich während eines Spiels auf den Wurf vor, während im Hintergrund eine unscharfe Menschenmenge zusieht.THW-Trainer Filip Jicha wechselte durch, schickte Mitte der ersten Halbzeit auch Youngster Rasmus Ankermann aufs Parkett. Und der 18-Jährige zahlte das Vertrauen seines Trainers mit einem Doppelschlag in der 26. Minute zurück, traf zum 13:11 und wenig später mit furiosem Solo zum 14:11. Der THW-Express nahm jetzt mehr und mehr Fahrt auf, Kiels Rückraum suchte und fand zudem ihre Kreisläufer, Veron Nacinovic traf vor dem Wechsel dreimal, auf der anderen Seite sorgte Nationalspieler Marko Grgic mit fünf Toren dafür, dass die Kieler beim 18:15 nicht schon vor der Halbzeitpause enteilten. Das geschah dann in der ersten Viertelstunde der zweiten 30 Minuten, in der beide Teams ordentlich aufs Gaspedal drückten, "Gonschi" aber auf die Bremse stieg: Er nagelte unter dem Jubel der THW-Fans weiterhin seinen Kasten zu, und im Angriff waren die Zebras nicht mehr zu bremsen. Allen voran "Dule" Duvnjak: Der 37-Jährige lief Tempogegenstöße, klaute Bälle, hatte sichtlich den Spaß am Handballspielen wiedergefunden, war Vorbild und Antreiber für die gesamte Mannschaft.

Warm-up der weißen Wand für Samstag

Ein Handballspiel in einer großen Halle mit vielen Zuschauern. Spieler in weißen und marineblauen Trikots sind in Aktion, während ein Spieler in einem weißen Trikot mit der Nummer 91 im Vordergrund steht und das Spiel beobachtet.Als der treffsichere Veron Nacinovic in der 37. Minute zum 24:18 einnetzte, waren die Zebras schnell auf sechs Tore davongaloppiert. Johansson schmetterte das Spielgerät zum 27:21 in die gegnerischen Maschen, und als "Dule" wenig später zum 28:21 traf, war eine Vorentscheidung gefallen. Pajovic drückte auf den Auszeit-Buzzer und faltete seine Mannschaft zusammen, forderte mehr Geduld von seiner Mannschaft. Doch diese Ansage lief ins Leere: 32:23 hieß es für den THW Kiel in der 46. Minute nach einem Konter von Imre. Die Wunderino Arena kochte, die Fans waren begeistert und machten sich warm für eine noch emotionalere Atmosphäre am Samstag, während die Restspielzeit ein einziges Schaulaufen der Zebras offenbarte: Johansson beendete den THW-Torreigen dann mit seinem Treffer zum 36:28, den Schlusspunkt setzte Torhüter Perez de Vargas, kaufte dem frei vor ihm auftauchenden Volz den Ball ab und inszenierte den Schlussjubel bei den begeisterten THW-Fans über den 36:29-Erfolg in Derby-Teil eins von zwei innerhalb von fünf Tagen.

Mit der weißen Wand ins Samstag-Derby!

Ein Handballspieler in einem weißen Trikot versucht, den Ball zu passen, während er von einem Verteidiger in einem dunklen Trikot während eines rasanten Spiels geblockt wird, während die Zuschauer im Hintergrund zuschauen.Den Schwung und das Selbstbewusstsein wollen die Kieler mit den kommenden Samstag nehmen, denn dann werden die Karten zwischen beiden Mannschaften komplett neu gemischt: In der DAIKIN Handball-Bundesliga ist das dann 116. Derby in der Wunderino Arena seit Monaten ausverkauft, eventuell werden im offiziellen Zweitmarkt von Fans für Fans noch Restkarten angeboten, die dort ohne Betrugs-Risiko für Verkäufer und Käufer verkauft werden. Alle, die keinen Platz mehr für das größte Spiel in Handball-Deutschland ergattern konnten, können die Partie ab 20 Uhr live bei Dyn verfolgen. Um in diesem eminent wichtigen Spiel die Einheit zwischen Fans, Mannschaft und Umfeld der Zebras auch optisch zu demonstrieren, rufen die Spieler des THW Kiel zur "weiße Wand" auf: Jeder, der den THW Kiel im Herzen trägt, soll das beim Spiel auch zeigen und Weiß tragen! Die THW-FANWELT hat von 10 Uhr bis zum Anpfiff geöffnet. Weiter geht’s gegen Flensburg, Kiel!  

Text: Reimer Plöhn / Fotos: Sascha Klahn

EHF European League, Hauptrunde, 4. Spieltag: THW Kiel - SG Flensburg-Handewitt 36:29 (18:15)

THW Kiel: Perez de Vargas (1.-60., 10 Paraden), Wolff (n.e.); Duvnjak (5), Reinkind (4), Landin, Överby, Laube, Johansson (5), Ankermann (2), Dahmke, Zerbe (n.e.), Abdelhak, Bilyk (4), Pekeler (2), Imre (8/5), Nacinovic (6); Trainer: Jicha
SG Flensburg-Handewitt: Buric (1.-46., 7 Paraden), Haidu (46.-60. und 1 Siebenmeter, 1 Parade), K. Möller (n.e.); Pytlick (3), Golla (3), Kirkelökke (1), Grgic (5), Faljic, Tönnesen (2), Horgen (2), Volz (2), Jakobsen (5/3), Knutzen (2), Blagotinsek, Novak (3), L. Möller (1); Trainer: Pajovic

Schiedsrichter: Bartosz Leszczynski / Marcin Piechota (POL)
Zeitstrafen: THW: 1 (Johansson (19.)) / SG: (Tönnesen (26.), L. Möller (54.))
Siebenmeter: THW: 7/5 (Imre an den Pfosten (53.), Ankermann überweg (58.)) / SG: 4/3 (Jakobsen an den Pfosten (20.))
Spielfilm: 1.Hz.: 2:0 (3.), 3:1, 4:2 (8.), 4:4 (9.), 5:5, 7:5 (13.), 8:6, 8:9 (17.), 11:9 (20.), 12:11 (24.), 15:11 (27.), 15:13 (28.), 16:14 (29.), 18:14 (30.), 18:15;
2. Hz.: 20:15 (32.), 22:18 (34.), 24:18 (36.), 24:20 (38.), 26:20 (39.), 26:21, 28:22 (43.), 30:22 (45.), 32:23 (47.), 32:26 (48.), 35:26 (56.), 35:28 (59.), 36:29.
Zuschauer: 8220 (Wunderino Arena, Kiel)

Stimmen zum Spiel: 

THW-Trainer Filip Jicha: Es war heute ein Spiel, in dem wir unser besseres Gesicht als zuletzt in Stuttgart zeigen wollten. Das war unser Ziel für heute, ganz gleich, gegen welchen Gegner es geht. Und ich bin froh, dass wir es getan haben. Gegen Flensburg zu spielen ist trotz der großen Rivalität immer fair und freundlich, was ich sehr schätze. Die Spiele gegen Flensburg bleiben daher etwas Besonderes. Zum Spiel gibt es nicht viel zu sagen, es war wie ein Warm-up für das Spiel am Samstag. Wir wollen Samstag in einem ganz anderen Spiel mit ganz anderer Struktur und ganz anderen Emotionen auch unser wahres Gesicht zeigen. Hoffentlich bleibt die Leichtigkeit bei den Akteuren.

SG-Trainer Ales Pajovic: Ich bin natürlich nicht zufrieden. Wir haben hoch verloren, was nicht unser Plan war. In der ersten Halbzeit lief es fast noch optimal, wir haben zwar gute Chancen verworfen, aber das minus drei zur Pause war noch nicht das Ende der Welt. Dann kommt die zweite Halbzeit, mit der wir in dieser Saison schon oft Probleme hatten. Wir haben nicht genug Geduld und Konzentration aufgebracht, und dann geht man von einem Fehler zum nächsten. Kiel hat das gut genutzt, und nach minus neun wird es schwer. Dann habe ich gesagt, dass wir nicht gut in Form sind, ich aber möchte, dass wir als Gemeinschaft gut aus diesem Spiel kommen. Wir haben jetzt drei Tage Vorbereitung für das sehr, sehr wichtige Spiel am Samstag. Da müssen wir alle zusammen es besser machen. Wir haben uns vorgenommen, in dieser Saison in der Tabelle oben zu stehen. Wir sind gut drauf und haben die Chance dafür, jetzt werden wir einmal über die Niederlage schlafen und uns dann voll auf Samstag fokussieren.

SG-Kapitän Johannes Golla: Wir sind nicht so aufgetreten, wie wir es uns gewünscht haben und wie es sein muss, um hier zwei Punkte zu holen – und das ganz unabhängig davon, dass es für beide Mannschaften nicht um wichtige Zähler ging, weil beide vor dem Spiel schon wussten, wo sie nach dem Spiel in der Tabelle stehen. Trotzdem mein Kompliment an Thilo Knutzen und Catalin Haidu, die ihre Minuten genutzt haben. Wir haben drei Tage Zeit, um Samstag vieles besser zu machen. Dann freuen wir uns auf ein richtig geiles Derby. Ich glaube, die Halle hat noch mehr zu bieten. Wir haben noch mehr zu bieten. Und dann wird es am Samstag ein ganz heißer Tanz in der Bundesliga, in der es um jeden Punkt geht. Wir haben viel aufzuarbeiten, werden aber den Glauben an uns nicht verlieren.

THW-Torhüter Gonzalo Perez de Vargas: Für uns war es wichtig, heute besser zu spielen als in Stuttgart und gegen Gummersbach in der zweiten Halbzeit. Das ist uns gelungen, und wir hatten auch ein bisschen Spaß daran. Natürlich wollten wir dieses Spiel auch gewinnen, aber jetzt fokussieren wir uns auf das eminent wichtige Bundesliga-Spiel am Samstag. Wir wollen es dann noch besser machen als heute und viel besser machen als im Hinspiel.