"Kiel ist ein Stück Heimat für mich"

THW Kiel in den Medien
Dienstag, 24.09.2019 // 13:10 Uhr

Brest. Rückkehr aus einer anderen Welt: Seit April ist Raul Alonso Cheftrainer beim weißrussischen Meister HC Meshkov Brest. Fünf Jahre lang war der heute 40-Jährige beim THW Kiel für den Nachwuchs verantwortlich, trainierte die U 23 und war zugleich Co-Trainer von Alfred Gislason bei den Profis. Seitdem hat Alonso eine lange Reise hinter sich, die ihn über Tirol nach Weißrussland führte. Zunächst Assistent von Manolo Cadenas, übernahm Alonso im April die volle Verantwortung: "Ich bin sehr dankbar für das, was ich erleben darf."

Raul Alonso kehrt als Chefcoach von Meshkov Brest zurück an seine alte Wirkungsstätte

"Beeil Dich!", habe ihm Gislason damals mit auf den Weg gegeben. Was der Isländer damit meinte: Alonso solle schnell flügge werden, sich seine Sporen an der Seitenlinie verdienen. Dann würde man sich schon bald von Cheftrainer zu Cheftrainer gegenüberstehen. Im Gespräch mit unserer Zeitung lacht Alonso: "Das habe ich jetzt leider knapp verpasst." Dennoch, die Freude über die erste Rückkehr an seine alte Wirkungsstätte ist groß. Und wer hätte das gedacht? Der THW Kiel trifft in der Champions League auf Meshkov Brest (Mittwoch, 19 Uhr) mit Cheftrainer Raul Alonso. "Ich wollte diesen Weg unbedingt gehen", sagt der und spricht davon, dass alles anders sei "als das, was ich aus Europa gewohnt war". Da schwingt viel Respekt mit bei dem Satz: "Beim THW Kiel habe ich das Nonplusultra erlebt, das ist einmalig, das gibt es woanders nicht. Hier sind Strukturen und Mentalität anders, das ist eine große Challenge."

Eine Challenge, die ihn in seiner ersten Saison immerhin zum weißrussischen Meister machte. Die Erwartungen am Bug steigen. Viermal in Folge erreichte Meshkov das Achtelfinale der Königsklasse. Klubpräsident Alexander Meshkov ließ kürzlich verlauten, dass es gerne auch einmal die Runde der letzten Acht sein dürfe. "Ich kenne die Erwartungen von unserem Präsidenten, kann das gut einordnen. Wir haben seit einigen Jahren immer die Gruppenphase überstanden, da wünscht man sich natürlich eine Entwicklung nach vorne", sagt Alonso.

"Aber wir haben eine junge neue Mannschaft, wichtige Säulen haben uns verlassen - zum Beispiel Pavel Horak zum THW Kiel. Er war nicht zu ersetzen. Wir mussten acht Neuzugänge einbauen, das braucht einfach Zeit."

Horak war nicht der einzige namhafte Abgang. Dzianis Rutenka wechselte zum Ligarivalen SKA Minsk, Kreisläufer Vid Poteko zog es zurück in die Heimat zu RK Celje. Wichtigste Neuzugänge vor der Saison waren einerseits der 23-jährige slowenische Spielmacher Jaka Malus und der beidhändig werfende Rückraumspieler Marko Panic (KS Azoty-Pulawy). Doch der größte Transfercoup war ganz sicher der französische Olympiasieger (2012), Weltmeister (2011, 2017) und Europameister (2010, 2014) William Accambray, der zuletzt aus Veszprém an den RK Celje ausgeliehen war. "Wir sind auf den Schlüsselpositionen mit jungen Spielern besetzt, haben junge Mittelmänner, mit Panic nur einen Halbrechten. Einzig William Accambray bringt eine enorme Erfahrung mit. Ich hoffe, dass er die anderen mitreißen kann", sagt Alonso.

Reisestrapazen sind beim erst 2002 gegründeten elfmaligen weißrussischen Meister Normalität. Am Sonnabend kassierte Meshkov in der Königsklasse gegen Montpellier im zweiten Spiel mit 25:27 die zweite Niederlage. Am Montag um 16 Uhr Ortszeit stand das Ligaspiel in Minsk auf dem Programm (41:28-Sieg). Heute geht es weiter nach Kiel, nach dem Auftritt in der Sparkassen-Arena am Mittwoch und einer Nacht im Hotel Dänischer Hof in Altenholz zurück in die Heimat, wo am Sonntag das nächste Duell mit dem Titelrivalen aus der Hauptstadt ansteht. "Jedes Auswärtsspiel in der Champions League ist für uns eine große Reise mit zum Teil mehrstündigen Grenzkontrollen. Hinzu kommen die Partien in der Seha-Liga."

Alonso freut sich auf die Rückkehr in den deutschen Norden, auf Rune Dahmke, den er schon in der THW-Jugend betreute. "Vor vielen Jahren hatten wir in der Helmut-Wriedt-Halle eine Idee, und jetzt sehen wir uns in der Champions League wieder. Es macht mich stolz, dass wir damals etwas bewegen konnten. Kiel ist und bleibt ein Stück Heimat für mich." Freundin Janne pendelt derzeit aus der gemeinsamen Wahl-Heimat Nordfriesland zwischen dem kleinen Galmsbüll und Brest. Für 2020 ist die Hochzeit geplant. Bis dahin: Leben in einer anderen Welt. "Weißrussland ist seit ein paar Jahren am Aufblühen, das Leben ist günstiger als in Deutschland, Brest hat eine wirklich schöne Innenstadt", sagt Alonso. "Die Stadt ist sowjetisch geprägt mit vielen imposanten Gebäuden, die Menschen sind sehr stolz auf ihr Land, aber zugleich sehr neugierig und offen. Diese Mischung ist sehr spannend."

 (Von Tamo Schwarz, aus den Kieler Nachrichten vom 24.09.2019, Foto: Sascha Klahn