37:36 gegen die Rhein-Neckar Löwen: Eric Johansson entscheidet Offensiv-Festival nach der Schlusssirene

Bundesliga

37:36 gegen die Rhein-Neckar Löwen: Eric Johansson entscheidet Offensiv-Festival nach der Schlusssirene

Rasse, Klasse und Spannung bis zur letzten Sekunde: 10.156 Fans in der MERKUR Ostseehalle erlebten am Donnerstagabend im Duell zwischen dem THW Kiel und den Rhein-Neckar Löwen einen Handball-Leckerbissen. Ein Offensiv-Festival wie gemalt, an dessen Ende die Zebras das verdiente, aber dennoch glückliche Ende auf ihrer Seite hatten. 36:36 zeigte die Anzeige auf dem Hallenwürfel an, es waren noch drei Sekunden zu spielen: Julian Köster tankte sich durch die Löwen-Abwehr, wurde beim Versuch eines Hebers gefoult - Siebenmeter für die Zebras. Eric Johansson schnappte sich den Ball, ging festen Schrittes zum Strich, nahm Maß und wuchtete den Ball gegen den überragenden Löwen-Torhüter David Späth unter die Torlatte. 37:36 (19:20) für den THW Kiel, die MERKUR Ostseehalle bebte. Die Kieler Fans feierten ihre Spieler, die Kieler Spieler feierten ihre Fans,  die auch diesen Krimi in eigener Arena zu einem guten Ende gebracht hatten.

Atemberaubender Handballabend

Fußballspieler in gemusterten weißen Trikots feiern ein Tor, während jubelnde Fans von den Tribünen aus zuschauen.Die Zebras feierten den achten Sieg im zehnten Saisonspiel in der besten Liga der Welt. "Keine Ahnung, was ich gedacht habe, als ich den Ball in der Hand hatte", schmunzelte Eric Johansson nach seinem entscheidenden Wurf nach der Schlusssirene, "ich habe ihn einfach nur geworfen, war danach sehr, sehr froh, dass der Ball drin war." Genau wie die 10000 Fans in der Halle, die nach diesem Treffer eine Abrissparty zu feiern schienen und den Jubelkreis der Mitspieler um den glücklichen Schweden in ohrenbetäubenden Jubel tauchten. Zuvor hatten sie eine Partie auf Biegen und Brechen, gesehen. Die Kieler verdienten sich die zwei Punkte, hatten in den entscheidenden Minuten vor dem Ende auch dank der Einwechslung von Elias Ellefsen á Skipagötu stets mit zwei Toren geführt. Die Gäste waren über weite Strecken ein ebenbürtiger Gegner, zeigten genau wie der THW Kiel viel Biss, nahmen das hohe Tempo auf und raubten den Zuschauern gemeinsam mit den Zebras 60 Minuten den Atem. 

Johansson wird zum Matchwinner

Ein Handballspieler im weißen Trikot macht sich bereit, den Ball zu werfen, während er von einem gegnerischen Spieler im dunkelblauen Trikot geblockt wird.Die Rhein-Neckar Löwen hatten sich nach durchwachsenem Saisonbeginn und ihrer Heim-Niederlage gegen Eisenach am Montag von ihrem Trainer Maik Machulla getrennt, seinen Stellvertreter Michel Abt ins Übungsleiter-Amt gehoben. Sie waren also mit veränderter Taktik und wohl auch einer anderen Grundhaltung angereist. Schwer einzuschätzen also für THW-Coach Börge Lund und seine Spieler. Gut, dass die Personallage sich entwas entspannte. Beim überzeugenden Heimsieg am Sonntag gegen Hamburg fehlten den Kielern mit Emil Madsen, Johansson und Veron Nacinovic (Rücken) gleich drei Leistungsträger. Eric Johansson und Veron Nacinovic meldeten sich jetzt zurück, bliesen am Donnerstagabend ebenfalls zur Löwenjagd. Johansson wurde von seinem Trainer wenige Minuten vor dem Halbzeitpfiff aufs Parkett geschickt. Im zweiten Durchgang wurde er zur spielbestimmenden Person, war letztlich nicht nur Matchwinner, sondern mit insgesamt sieben Treffern auch bester Kieler Torschütze, mit jeweils fünf Toren folgten Domen Makuc und Lukas Zerbe. 

Zebras erwischen Traum-Start

Ein Handballspieler in einem weißen Trikot springt hoch, um den Ball in Richtung eines Torhüters in einem schwarzen Trikot mit der Nummer 29 zu werfen.Die Zebras erwischten einen guten Start, hatten nach vier Minuten eine schnelle 3:0-Führung vorgelegt. Lund setzte zunächst auf Gonzalo Perez de Vargas im Tor, vertraute auf den Außenpositionen seinen Neuzugängen Vincent Büchner (links) und Jarnes Faust. Das 3:0 brachte Vincent Büchner im Löwen-Tor unter - vorbei an Nationaltorhüter David Späth. Mannheims Torhüter aber steigerte sich mit zunehmender Spielzeit in eine Glanzform, wurde zum Schreckgespenst für die THW-Angreifer, machte gute Torchancen mit Reflexen unschädlich, brachte es bis zum Halbzeitpfiff auf zehn Paraden, darunter auch zwei gehaltene Strafwürfe gegen Lukas Zerbe und Domen Makuc. Dennoch drückten die Zebras der Partie zunächst ihren Stempel auf, Jarnes Faust - super bedient von Kreisläufer Hendrik Pekeler (!) - erzielte nach sechs Minuten die 5:2-Führung. Sein erster Treffer nach der Rückkehr nach Kiel. 

Späth-Paraden holen Löwen ins Spiel

Ein Handballspieler im blauen Trikot springt hoch, um den Ball zu werfen, während er von zwei Gegnern in weißen Trikots verteidigt wird.Doch die Gäste rückten Stück für Stück näher. Auch, weil die Zebras klare Chancen ungenutzt ließen. Als überragender Passgeber glänzte bei ihnen einmal mehr Domen Makuc, der Slowene war oft auch nur auf Kosten eines Strafwurfes zu bremsen. Aber: Mit jeder Späth-Parade wuchs bei den Gästen das Selbstbewusstsein, vorn trafen die Löwen jetzt besser. Der Schweizer Neuzugang Niclas Mierzwa netzte dreimal eiskalt von der Siebenmeterlinie ein, in der 17. Minute glichen die Mannheimer durch den im ertsen Durchgang überragenden Thrastarson erstmals aus: 9:9, wenig später brachten Rune Dahmke und Lukas Laube ihre Zebras zwar erneut mit zwei Treffern nach vorne. Doch die Gäste fanden jetzt mit ihrem Sieben-Gegen-Sechs immer wieder Lücken in der THW-Abwehr: Seesing, glich zum 16:16 aus, Steinhauser war in der 28. Minute zum 17:16 und der ersten Löwen-Führung verantwortlich. Mit 20:19 wurden die Seiten gewechselt - für die Löwen. 20 Gegentore in einer Halbzeit, gegen Hamburg hatte die THW-Hinterreihe über 60 Minute nur 19 Gegentore zugelassen, ein komplett anderes Spiel also.

Andi Wolff dreht auf

Ein Handballtorwart in einem knallrosa Trikot jubelt mit geballten Fäusten während eines Spiels in einer vollbesetzten Halle.Die zweite Halbzeit war die Halbzeit des Schweden Johansson, der gemeinsam mit Torhüter Andreas Wolff (kam in der 2z. Minute) für die Aufholjagd nach dem 19:22 in der 33. Minute verantwortlich zeichnete. Wolff stoppte Mierzwa und Steinhauser und holte sich im Duell der Nationaltorhüter gegen David Späth die Hoheit zurück. Johansson brachte jetzt wichtige Bälle im Gästetor unter, Domen Makuc glich in der 37. Minute zum 23:23 aus. Die Arena wurde zum Tollhaus. Auch, weil Edwin Aspenbäck sich nach einem herausgeholten Siebenmeter jubelnd vor die THW-Tribüne stellte. Es ging nun hin und her. Steinhauser traf doppelt - 23:25. Johansson, Harald Reinkind und Hendrik Pekeler antworteten mit einem 3:0-Lauf. 26:25, der THW Kiel lag wieder vorn. Dann glänzte Wolff mit gehaltenem Siebenmeter gegen Steinhauser, Veron Nacinovic traf nach Johansson-Pass zum 27:26. Kentin Mahé glich aus, foulte auf der anderen Seite aber THW-Rechtsaußen Lukas Zerbe beim Hineinspringen in den Kreis. Die Unparteiischen entschieden in der 44. Minute auf "Rot", der Franzose musste gehen.

Zebras lassen die Fans jubeln

Ein Handballspieler springt in die Luft, um den Ball zu werfen, während er vor den Augen der Stadionzuschauer von zwei gegnerischen Spielern geblockt wird.Doch die Teams blieben auf Augenhöhe. Der junge Rasmus Ankermann erzielte zwei wichtige und sehenswerte Treffer, brachte die gesamte Durchschlagskraft seiner Würfe zum Einsatz. Johansson blieb treffsicher, und weil die Kieler ohne Kreisläufer und mit vier Rückraumspielern noch mehr Lücken in die Löwen-Abwehr rissen, kam auch die Zeit von Elias Ellefsen á Skipagötu:Er traf zum 34:32 in der 56. Minute, erzielte auch das 36:34 zwei Minuten vor dem Ende. Doch Seesing und Nothdurft glichen aus. Zwölf Sekunden blieben den Zebras für den letzten Angriff. Der Ball kam zu Julian Köster und das Ende war Riesen-Jubel in Schwarz und Weiß.

Kurze Pause und dann ein Auswärtsspiel

Eine Handballmannschaft in weiß-schwarzen Trikots steht mit dem Rücken zur Kamera und hat die Arme erhoben, um einer großen, jubelnden Zuschauermenge auf den Tribünen zu applaudieren.Nach dem eng gestrickten Programm der vergangenen Wochen haben die Zebras jetzt erstmals ein bisschen Zeit zum Luftholen. Erst in der kommenden Woche sind sie wieder gefordert – dafür dann aber auch richtig. Mit dem Zug reisen die Kieler am Freitagmittag nach Nürnberg, wo am Samstag der HC Erlangen den THW Kiel empfängt. Der HCE ist in dieser Spielzeit zu Hause noch ungeschlagen und untermauerte seine starke Verfassung zuletzt mit einem Heimsieg gegen den Titel-Geheimfavoriten MT Melsungen. Los geht’s vor der Erlanger Saison-Rekordkulisse in der PSD Bank Arena (Tickets) um 18 Uhr, Dyn überträgt live. Eine Woche später, am 31. Oktober, können die THW-Fans ihre Mannschaft dann wieder in der MERKUR Ostseehalle anfeuern, wenn der TVB Stuttgart zu Gast ist. Karten für das Spiel gibt es im Online-Ticketshop und in der THW-FANWELT. Aber zunächst gilt aller Fokus der Weiterentwicklung im Auswärtsspiel beim HC Erlangen, Kiel!

Text: Reimer Plöhn / Fotos: Sascha Klahn

Opel Handball-Bundesliga, 9. Spieltag: THW Kiel – Rhein-Neckar Löwen 37:36 (19:20)

THW Kiel: Perez de Vargas (1.-27., 7 Paraden), Wolff (27.-60., 7/2 Paraden); Faust (1), Duvnjak, Reinkind (1), Köster (3), Laube (2), Johansson (7/3), Ankermann (2), Dahmke (2), Zerbe (5/5), Makuc (5), Pekeler (3), á Skipagötu (3), Büchner (2), Nacinovic (1); Trainer: Lund
Rhein-Neckar Löwen: Jensen (2 Siebenmeter, keine Parade), Späth (1.-60., 15/3 Paraden); Timmermeister, Nothdurft (1), Lassen, Mierzwa (4/3), Steenaerts, Steinhauser (9/1), Seesing (4), Thrastarson (7), Mahé (3), Ciudad-Benitez, Jaganjac, Baijens (4), Aspenbäck (3), Kohlbacher (1); Trainer: Abt

Schiedsrichter: Steven Heine / Sascha Standke
Zeitstrafen: THW: 0 / RNL: 4 (Kohlbacher (10.), Thrastarson (11.), Seesing (28.), Timmermeister (60.))
Rote Karte: Mahé (grobes Foulspiel (44.))
Siebenmeter: THW: 12/7 (Zerbe an die Latte (10.), Späth hält 2x Makuc (11., 44.), Zerbe (48.)) / RNL: 6/4 (Wolff hält Mierzwa (21.) und Steinhauser (41.))
Spielverlauf: 1. Hz: 3:0 (4.), 5:2 (6.), 7:3 (8.), 7:6 (14.), 9:7 (15.), 9:9 (17.), 11:1 (20.), 13:11 (22.), 14:12, 14:14 (25.), 16:16 (27.), 16.18 (29.), 18:18 (29.), 19:20;
2. Hz: 19:22 (32.), 22:22 (34.), 23:23, 23.25 (37.), 26:25 (41.), 27:27 (43.), 30:29 (46.), 30:31 (51.), 32:32 (54.), 34:32 (56.), 36:34 (57.), 36:26 (60.), 37:36 .
Zuschauer: 10.156 (MERKUR Ostseehalle, Kiel)

Stimmen zum Spiel: 

THW-Trainer Börge Lund: Wir sind eigentlich gut ins Spiel gekommen, bis David Späth sich unseren guten Chancen in den Weg stellte. Er hat die Löwen zurückgeholt in das Spiel, und dann konnten sie zeigen, welche Qualität sie haben. Aber es schein, als ob sich die Löwen richtig frei fühlen und mit neuer Energie auf dem Feld stehen. Wir wussten, dass es für uns ein gefährliches Spiel wird. In den letzten zehn Minuten der ersten Halbzeit bekommen sie meiner Meinung nach zu früh zu gute Chancen in ihrem befreit aufspielenden Sieben-gegen-Sechs, und das 19:20 war ja auch ein Ergebnis, was man nicht mehr so häufig nach 30 Minuten sieht. Dank Andi und der Ostseehalle sind wir in der zweiten Halbzeit zurückgekommen. Gefühlt hätten beide Mannschaften noch zwanzig Minuten länger spielen können, und trotzdem wäre es auf diese eine letzte Szene, die das Spiel entscheidet, hinausgelaufen. So haben wir mit einem gewonnen und sind glücklich, Michel hat mit einem Tor verloren und ist traurig.

Löwen-Trainer Michel Abt: Es war ein unfassbar intensives Spiel in einer sehr lauten Halle. Wir wollten mutig sein und unseren Kader nutzen, um unser Rhein-Neckar Löwen-Gesicht mit viel Power und Energie zu zeigen. Aber um hier zu gewinnen, muss alles passen. Wir haben ein paar Kleinigkeiten nicht hinbekommen, haben Johansson in der zweiten Halbzeit nicht in den Griff bekommen. Am Ende heißt es dann Hü oder Hott – und das tut jetzt unfassbar weg.

THW-Kapitän Julian Köster: Die 10.000 waren unfassbar da, als wir sie gebraucht haben. Wir starten eigentlich richtig gut in das Spiel, scheitern dann aber zu oft David Späth. Deshalb wird es ein enges Spiel. Auch, weil wir mit dem starken Sieben-gegen-Sechs unsere Probleme hatten, weil die Löwen das auch sehr variabel gespielt haben. Am Ende wollten wir eine Isolation, die richtig gut geklappt hat, weil Eric dann den Siebenmeter reinmacht.

THW-Toptorschütze Eric Johansson: Ich bin froh, dass der Ball letzte Ball reingegangen ist. Ich wollte eigentlich nicht in die Siebenmeter-Situation kommen, ein direktes Tor von Julian wäre mir deutlich lieber gewesen.

Löwen-Kreisläufer Jannick Kohlbacher: Wir haben 60 Minuten voll gegen gehalten, hätten diesen einen Punkt gerne mit auf die Heimreise genommen. Aber am Ende gewinnt dann doch die Heimmannschaft. Die Halle hat dem THW natürlich auch geholfen.