THW Kiel stürmt Heimfestung des HC Erlangen: Zebras mit Start-Ziel-Sieg in Nürnberg

Bundesliga

THW Kiel stürmt Heimfestung des HC Erlangen: Zebras mit Start-Ziel-Sieg in Nürnberg

Der THW Kiel hat die Heimfestung des HC Erlangen gestürmt: Bei den bis dato unbesiegten Franken ließen sich die Zebras weder von den kampfstarken und hart agierenden Gastgebern noch von der Atmosphäre in der rappelvollen PSD Bank-Arena von ihrem Weg abbringen. Am Ende machten sich die Kieler nach dem 36:31 (20:14)-Erfolg mit zwei wichtigen Auswärtspunkten auf die lange Bus-Heimreise durch die längste Nacht des Jahres. Der Start-Ziel-Erfolg war dieses Mal vor allen Dingen eine Verdienst der Offensive, die nach den 37 Treffern beim Heimsieg gegen die Rhein-Neckar Löwen auch auswärts torhungrig war. Allen voran die beiden Außen: Bester Torschütze war Rechtsaußen Lukas Zerbe mit 9/5 Treffern, Linksaußen Vincent Büchner traf sechs Mal. 

Viele hundert Kieler Fans sehen starken THW Kiel

Ein Handballspieler in einem schwarz-weißen Trikot jubelt auf dem Spielfeld, im Hintergrund sind ein gegnerischer Spieler und ein Torwart zu sehen.Normalerweise fasst die Nürnberger Arena bei Heimspielen des HC Erlangen 7850 Zuschauer, aber wenn der THW Kiel kommt, ist ganz Handball-Bayern scharf auf den Auftritt der Zebras. Und so wurde eine zusätzliche Tribüne geöffnet, was für den Erlanger Rekordbesuch von 8400 Zuschauern sorgte. Darunter waren - wie immer in Franken - auch wieder hunderte Anhänger der Kieler, die sich schon weit vor Beginn in der ohrenbetäubenden Atmosphäre deutlich bemerkbar machten. Sie sahen einen THW Kiel, der sich im 23. Duell mit dem HC Erlangen zum 23. Mal den Sieg erspielte. Dabei hatten die Zebras im Vergleich zum hart umkämpften Auswärtsspiel der vergangenen Saison dieses Mal deutlich weniger Probleme mit den Gastgebern, die sie mit einem höllischen Tempo von Elias Ellefsen á Skipagötu & Co. sowie einer beinahe berauschenden Angriffs-Effektivität in den ersten 30 Minuten vor große Herausforderungen stellten. Und auch in den Phasen im zweiten Durchgang, in denen die zwischenzeitliche Acht-Tore-Führung durch Kieler Fehler auf nur noch vier Treffer zusammenschmolz, bewahrten die Kieler - angeführt von Domen Makuc - die Ruhe. Heraus kam ein beeindruckender Start-Ziel-Sieg in der Fremde. 

Kieler Traumstart in die Partie

Ein Handballspieler im weißen Trikot springt hoch, um den Ball zu werfen, während er von einem Verteidiger im schwarzen Trikot während eines Spiels vor einer vollbesetzten Halle geblockt wird.Dabei hatten die Personalsorgen den THW Kiel begleitet: Für Linkshänder Emil Madsen kam eine der längsten Reisen der Saison zu früh. Und auch Rune Dahmke konnte nicht mit: Er blieb mit Problemen am Handgelenk, die erststmals im Heimspiel gegen Hamburg auftraten, zu Hause - die Ursachen seiner Verletzung sollen in Ruhe abgeklärt werden. Für den THW-Routinier sprang der 19-jährige Linksaußen Ben Szilagyi ein, der sein Debüt im Bundesligakader vor zwei Jahren ausgerechnet gegen Erlangen gefeiert hatte. Auf Linksaußen startete allerdings Vincent Büchner, der sich in von Beginn an glänzend in das Offensiv-Feuerwerk der ersten Halbzeit einfügte. THW-Trainer Börge Lund setzte im Angriff zunächst auf die Rückraum-Reihe um Eric Johansson, Elias Ellefsen á Skipagötu und Harald Reinkind, am Kreis startete Hendrik Pekeler, und das Kieler Tor hütete Andreas Wolff, der gleich in der zweiten Minute einen Siebenmeter der Gastgeber von Kristjansson unschädlich machte. So trug Wolff mit dazu bei, dass die Kieler einen 3:0-Traumstart auf das Parkett der Nürnberger Arena zauberten.

Rot für Ex-Kieler Firnhaber

Ein Handballspieler in einem schwarzen Trikot macht sich während eines Spiels bereit, den Ball zu werfen, während seine Mannschaftskameraden zuschauen.Á Skipagötu erhöhte nach dem ersten HCE-Tor durch Nissen auf 4:1. Durch THW-Ballverluste rückten die Gastgeber durch das ehemalige Zebra, Sebastian Firnhaber, und Bandlow auf 3:4 heran. blieben bis zum 5:6 in der 7. Minute auf Augenhöhe mit den Schwarz-Weißen, die das Tempo aber schnell wieder anzogen: Durch á Skipagötu und Büchner legten sie nach acht Minuten eine 8:5-Führung vor. Der Drei-Tore-Vorsprung blieb bestehen, weil Elias á Skipagötu Motor seiner Mannschaft blieb, in der ersten Halbzeit fünfmal ins Erlanger Netz traf und zum ständigen Unruheherd avancierte. So holte der Färinger Strafwürfe heraus, die Lukas Zerbe bis zum Seitenwechsel dreimal sicher im HC-Gehäuse unterbrachte. Mit sehenswertem Aufsetzer warf der junge Mittelmann seine Farben in der 18. Minute beim 14:10 erstmals mit vier Treffern in Front, setzte sich wenig später erneut energisch am Erlanger Kreis durch, traf zum 15:11. Dabei wurde Elias Ellefsen á Skipagötu bei vollem Tempo von Firnhaber umgestoßen, sodass er kurzfristig im Sprung die Körper-Kontrolle verlor. Die Schiedsrichterinnen Sophia Janz und Rosana Sug schauten kurz in den Videobeweis uns zeigten dem Erlanger Kapitän zurecht die rote Karte.

Deutliche Kieler Pausenführung

Zwei Handballspieler in Mannschaftstrikots, einer in Grün und einer in Schwarz-Weiß, stehen auf einem Spielfeld vor einer Zuschauermenge.THW-Trainer Börge Lund setzte schon in der ersten Halbzeit auf seinen breiten Kader, wechselte in Angriff und Abwehr, die sich zumeist offensiv mit Julian Köster als Speerspitze den Erlangern Angreifern entgegenwarf. Domen Makuc kam nach 22 Minuten erstmals aufs Parkett, holte sofort einen Siebenmeter heraus. Die Zebras kamen jetzt richtig ins Rollen, im Tor wurde Andreas Wolff zum Bollwerk, kassierte in den fünf Minuten bis zur Pause nur noch zwei Gegentreffer. Vorn erhöhte Harald Reinkind aus dem Rückraum auf 17:12, Zerbe traf nach genialem Makuc-Anspiel zum 18:13, Büchner - erneut nach Makuc-Pass - brachte den THW Kiel in der 27. Minute mit 19:13 in Front. Nach dem siebten Zerbe-Treffer markierten die Kieler das 20:14-Halbzeitresultat, das Wolff mit einer Glanzparade gegen Nissen festhielt. "Das lief bisher sehr, sehr gut“, analysierte THW-Kreisläufer Hendrik Pekeler den Zwischenstand. "Wir treffen gute Entscheidungen, waren auch im Abschluss stark. Aber wir wissen, wie es in Erlangen laufen kann, müssen uns auf eine schwere zweite Halbzeit einstellen."

Erlangen kämpft sich zurück

Ein Handballspieler in einem weiß gemusterten Trikot springt in der Luft hoch, um den Ball zu werfen, während ein Verteidiger in Schwarz versucht, ihn daran zu hindern.Tatsächlich taten sich die Zebras in den ersten Minuten der zweiten Hälfte schwer. Erst in der 34. Minute netzte Makuc erstmals selbst ein, Julian Köster tat es seinen Spielmacher nach, erzielte in der 36. Minute mit einem Durchbruch ebenfalls sein Premierentor: Sein 22:16 leitete die beste Phase der Kieler in der zweiten Halbzeit ein. Als Harald Reinkind das nächste Makuc-Anspiel in der 40. Minute zum 26:18 unter die Erlanger Querlatte nagelte, lagen die Zebras mit acht Treffern in Front. Wenig später traf Julian Köster zweimal sehenswert aus dem Rückraum. 28:20 stand es in der 43. Minute. Eine frühe Vorentscheidung? Nein, natürlich nicht. Denn die Gastgeber stemmten sich mit aller Macht gegen die drohende erste Heim-Niederlage der Saison, setzten gegen die jetzt mit sieben Spielern angreifenden Kieler auf eine offensive, bewegliche Deckung. So kämpften sie sich innerhalb weniger Minuten mit einem 3:0-Lauf auf 23:28 heran.

Zebras bleiben geduldig und machen alles klar

Ein Handballspieler in einem weißen Trikot springt während eines Spiels in einer vollbesetzten Halle in die Luft, um den Ball zu werfen.Gut, dass die Zebras geduldig blieben und Lukas Zerbe seine Nervenstärke erneut unter Beweis stellte, den an Domen Makuc verwirkten Strafwurf sicher zum 29:23 in die gegnerischen Maschen katapultierte. Aber Erlangen machte weiter Druck, die Halle wurde lauter, nach 48 Minuten hatte der HCE sich auf 25:29 herangerobbt, hätte per Siebenmeter gar auf drei Tore verkürzen können. Dem aber stand Gonzalo Perez de Vargas im Weg. Der Spanier war für Wolff gekommen, hielt den Siebenmeter von Bandlow, eilte wenig später auch noch rechtzeitig aus dem Kasten, verhinderte damit einen Tempogegenstoß der Hausherren. Zwei Momente, in denen die Partie hätte kippen können. Tat sie aber nicht: Vincent Büchner war zur Stelle, brachte die Zebras mit einem frechen Leger in die kurze Ecke nach 51 Minuten mit 31:26 nach vorn. Und als Perez de Vargas Nissens Kracher stoppte, Makuc im Gegenzug auf 33:28 erhöhte, Lukas Zerbe gegen den auf der Torlinie verharrenden Erlanger Torhüter-Koloss Rubens Pierre einen weiteren Siebenmeter zum 34:29 ins Erlanger Tornetz wuchtete, war die Partie endgültig entschieden. 

Heimspiel-Feiertag am kommenden Samstag

Ein Handballspieler in einem weißen Trikot springt hoch, um den Ball zu werfen, umgeben von Mitspielern und Gegnern in einer überfüllten Halle.Die Zebras fanden sich zum Siegertanz ein, hatten die schwere Aufgabe beim bisher zu Hause ungeschlagenen Tabellensechsten mit Bravour gemeistert und machten sich direkt nach der Partie auf die stundenlange Heimreise gen Kiel: Im Mannschaftsbus ging es durch die längste Nacht des Jahres nach Hause. Dort können die Kieler jetzt erst einmal auch wieder heimisch werden. Denn das nächste Spiel in der OPEL Handball-Bundesliga ist wieder in der MERKUR Ostseehalle: Am Samstag, 31. Oktober, empfängt der THW Kiel am Reformationstag, an dem Kinder auch auf Halloween-Tour durch die Nachbarschaft gehen, den TVB Stuttgart zum Heimspiel-Feiertag. Anwurf ist um 19 Uhr, noch gibt es einige freie Plätze in der - so Trainer Börge Lund - "geilsten Handball-Halle der Welt". Eintrittskarten sind unter www.thw-tickets.de und in der THW-FANWELT erhältlich, in der am Samstag ab drei Stunden vor Anpfiff auch die Tageskasse öffnet. Der nächste Schritt der Weiterentwicklung findet zu Hause gegen den TVB Stuttgart statt, Kiel!

Text: Reimer Plöhn / Fotos: THW Kiel (3) / HCE/Sportfoto Zink

Opel Handball-Bundesliga, 10. Spieltag: HC Erlangen - THW Kiel 31:36 (14:20)

THW Kiel: Perez de Vargas (49.-60., 5/1 Paraden), Wolff (1.-49., 10/1 Paraden); Faust (n.e.), Duvnjak, Reinkind (3), Köster (3), Laube, Johansson (3), Ankermann, Zerbe (9/5), Szilagyi (n.e.), Makuc (4), Pekeler (2), á Skipagötu (5), Büchner (6), Nacinovic (1); Trainer: Lund
HC Erlangen: Pierre (1.-19., 28.-60., 10 Paraden), Ghedbane (19.-28., keine Parade); Bandlow (5/1), Runarsson, Nissen (8), Y. Bialowas (1/1), Øverjordet (2), Firnhaber (1), Bissel (1), Morante Maldonado (6), Lochman (3), Buck (2), Steinert (1), Kristjansson, Gebala (1), Gömmel; Trainer Sellin

Schiedsrichterinnen: Sophia Janz/Rosana Sug
Zeitstrafen: HCE: 1 (Överjordet (29.)) / THW: 2 (Duvnjak (20.), Pekeler (43.))
Rote Karte: Firnhaber (HCE, grobes Foulspiel (19.))
Siebenmeter: HCE: 4/2 (Wolff hält Kristjansson (3.), Perez de Vargas hält Bandlow (49.)) / THW: 6/5 (Zerbe an die Latte (54.))
Spielverlauf: 1. Hz: 0:3 (3.), 1:4, 3:4 (5.), 5:6 (7.), 5:8 (8.), 8:11 (13.), 10:12 (17.), 10:14 (19.), 12:15 (20.), 12:17 (25.), 13:19 (27.), 14:20;
2. Hz: 15:20 (34.), 16.21, 16:23 (37.), 18:24, 18:26 (39.), 20:28 (42.), 23:28 (45.), 25:29 (47.), 25:31 (50.), 26:32 (52.), 28:32 (53.), 29:33 (56.), 29:35 (58.), 31:36.
Zuschauer: 8400 (ausverkauft) (PSD Bank Arena, Nürnberg)

Stimmen zum Spiel: 

THW-Trainer Börge Lund: Wir waren in der ersten Halbzeit sehr effektiv, haben gute Chancen herausgespielt und sie verwertet. In der Abwehr hingegen haben wir für meinen Geschmack zu viele Eins-gegen-Eins-Situationen gegen die Halbpositionen verloren - obwohl wir um diese Stärke der Erlanger wussten. In der zweiten Halbzeit haben wir bis zur Phase, in der wir zu viele Chancen liegenlassen, flüssig nach vorn gespielt. Dann aber hat man nach unseren Fehlern die Qualität von Erlangen gesehen, wie schnell sie dann herangekommen sind. Da hat uns ein wenig die Lockerheit gefehlt. Aber zum Glück haben wir uns wieder gefangen, sodass wir jetzt glücklich mit zwei Punkten im Gepäck die Heimreise antreten können.

HCE-Trainer Johannes Sellin: Der Sieg für den THW Kiel war verdient, da brauchen wir uns nichts vormachen. Es war unfassbar schön, eine ausverkaufte Halle zu sehen. Umso ärgerlicher ist es, dass wir den Riesenrespekt vor dem THW Kiel nicht ablegen konnten und dadurch nicht in unsere Emotionalität gekommen sind. Die hätte uns tragen können im Zusammenspiel mit der Kulisse. Erste Halbzeit hat mir die Körpersprache gefehlt, dann sind wir nach fünf Minuten in der zweiten Halbzeit endlich reingekommen in das Spiel. Und wenn wir erst einmal in diesem Modus sind, dann wird es schwer für den Gegner. Dann überlegt selbst eine Mannschaft, die heute auf allen Positionen besser war, zweimal. Aber das Momentum fehlte, wie zum Beispiel beim abgefangenen Gegenstoßpass. Aber wir wissen jetzt, woran wir arbeiten müssen, auch wenn wir heute nicht mit zehn, zwölf Toren gegen den THW Kiel verloren haben, sondern nur mit fünf. Und das trotz eines Domen Makuc, der das komplette Spiel heute gelenkt hat, Ausdruck der Kieler Qualität ist, die es dann auch ermöglicht, in der Schlussphase noch einen Eric Johansson wieder bringen zu können.

Ein Handballspieler in einem weißen Trikot mit der Nummer 74 feiert mit erhobener Faust.THW-Linksaußen Vincent Büchner: Wir wussten, was hier auf uns zukommen würde: Eine volle Halle, eine sehr kämpferische Mannschaft, die sich in den letzten Wochen sehr viel Selbstvertrauen erspielt hat. Es war extrem schwer, dagegen zu halten. Wir wollten unsere schlechteren Phasen kürzer halten, und das ist uns gelungen. Wir haben den Fokus behalten. Am Ende des Tages haben wir Außen Bälle von allen bekommen, es war eine starke Teamleistung. Wir übertragen den Spaß, den wir in der Trainingswoche haben, auf das Spielfeld. Das ist nicht immer leicht, aber das schaffen wir aktuell sehr gut. Und wenn wir uns so ergänzen wie zuletzt, hat es jeder Gegner gegen uns schwer.

HCE-Rückraumspieler Frieder Bandlow: In der ersten Halbzeit kommen wir vorn nicht so zwingend in die Situationen, und Kiel macht uns hinten das Leben schwer. Dann gehen wir mit sechs Toren Rückstand in die Pause, wollten mehr Struktur in unseren Angriff bringen. Das haben wir über kurze Phasen geschafft, aber Kiel hat dann einfach auch die Qualität, das zu parieren. Wir konnten unseren Marchplan leider nicht umsetzen.

THW-Torhüter Gonzalo Perez de Vargas: Es war ein guter Start in die Saison, aber wir wissen um die Stärke der Handball-Bundesliga. Da muss man immer fokussiert bleiben, nie den zweiten Schritt vor dem ersten machen. Die Menschen in Kiel sind richtig heiß und stehen hinter uns, das ist eine wichtige Hilfe. So sind wir aktuell nicht nur zufrieden mit der Punkteausbeute. Vielmehr haben wir auch gezeigt, was wir können und zu welchen Leistungen wir fähig sein können. 

THW-Rückraumspieler Eric Johansson: Wir haben in der ersten Halbzeit überragend gespielt. Rund um die 40. Minute haben wir ein paar Bälle verworfen und uns ein paar technische Fehler erlaubt. Da hat Erlangen kurz das Momentum bekommen, aber wir sind geduldig geblieben - und das wurde belohnt.