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KN: Die Unberechenbaren

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KN: Die Unberechenbaren

Kiel. Manchmal sind keine Nachrichten gute Nachrichten. Zumindest für Filip Jicha, Trainer des THW Kiel. Gestern versammelte der Tscheche zum ersten Mal nach der Nationalmannschaftspause wieder seine komplette Mannschaft. "Ich habe gefragt, wer nicht trainieren kann - und keiner hat sich gemeldet", erzählt Jicha. Im Spitzenspiel gegen die MT Melsungen am Donnerstag (19 Uhr) kann er also voraussichtlich auf den kompletten Kader zurückgreifen. Auch Patrick Wiencek, der in den Testspielen der deutschen Nationalmannschaft gegen Kroatien wegen einer schmerzhaften Kniestauchung fehlte, stieg beim THW wieder ins Training ein. Rechtzeitig zum Duell der beiden Mannschaften mit den derzeit längsten Siegesserien in der Liga. "Eine dieser Serien wird reißen", sagt Jicha und verspricht: "Wir werden extrem um diese beiden Punkte kämpfen."

Der THW Kiel und die MT Melsungen kämpfen im direkten Duell um ihre Siegesserien

Die Zebras haben zuletzt fünf Bundesliga-Partien in Folge gewonnen, die MT Melsungen sechs. Dabei legten die Nordhessen zu Saisonbeginn einen Stolper-Start hin. Auftakt-Niederlage gegen Meister SG Flensburg-Handewitt, Unentschieden beim Bergischen HC, am vierten Spieltag dann das Waterloo: 23:36-Klatsche bei Aufsteiger HBW Balingen-Weilstetten. Ein Schlag ins Kontor für den Klub, der seit Jahren viel Geld in den mit deutschen Nationalspielern gespickten Kader steckt, um sich als Spitzenteam der Liga zu etablieren. Manager Axel Geerken sprach von einem "inakzeptablen Auftritt" und verhängte eine "nicht unwesentliche sanktionierende Maßnahme". Wie genau sie aussah, darüber schweigen sich die Beteiligten aus. Im Rückblick bezeichnet Trainer Heiko Grimm die Folgen des Balingen-Spiels als "reinigendes Gewitter". Er sagt: "Wir haben wirklich jeden Stein umgedreht, unendlich viel geredet."

Seitdem bezwangen die Melsunger zu Hause den SC Magdeburg, die Rhein-Neckar Löwen und als erstes Team überhaupt in dieser Saison Spitzenreiter TSV Hannover-Burgdorf. In Wetzlar drehten sie einen Sechs-Tore-Rückstand zur Pause noch in einen Fünf-Tore-Sieg, kletterten in der Tabelle auf Platz drei. Inzwischen kann Grimm dem Balingen-Spiel sogar Positives abgewinnen. "Seitdem läuft es besser. Und ich bin nicht sicher, ob es diesen wichtigen Findungsprozess ohne diese Niederlage so gegeben hätte", sagt er.

Denn in der Folge kristallisierte sich heraus, wie die Verantwortung bei der "MT Deutschland" im Jahr eins nach dem Weggang der prägenden Müller-Zwillinge (Michael zu den Füchsen Berlin, Philipp zum SC DHfK Leipzig) neu verteilt wird: Star-Transfer Kai Häfner (kam aus Hannover) setzte sich sofort an die Spitze der internen Torschützenliste (54 Tore). Mit Julis Kühn, der nach einem Kreuzbandriss auf dem Weg zu alter Stärke ist, hat er im linken Rückraum ein wuchtiges Pendant. In der Mitte zieht Lasse Mikkelsen die Fäden. Abwehr-Hüne Finn Lemke ist nun unangefochtener Kapitän. Aber auch Rechtsaußen Tobias Reichmann und die MT-Urgesteine Felix Danner und Michael Allendorf bringen viel Erfahrung mit.

Wenn Filip Jicha über das bevorstehende Duell spricht, fällt oft das Wort "unberechenbar". Einerseits wegen der spielerischen Qualitäten der MT. Andererseits, weil die Kieler selbst nicht recht einschätzen können, wie sie aus der Liga-Pause kommen. "Die Herausforderung ist, uns wieder auf das Level hochzufahren, auf dem wir aufgehört haben", sagt der Tscheche. "Nach so einer Pause sind wir etwas mehr mit uns beschäftigt. Dazu kommt mit Melsungen eine unberechenbare Mannschaft. Wir brauchen von jedem Spieler eine überdurchschnittliche Leistung." Einen ähnlichen Spielverlauf wie in der Vorsaison, als die Nordhessen ebenfalls hoch gehandelt nach Kiel kamen und mit einer 17-Tore-Klatsche (20:37) nach Hause fuhren, hält er für ausgeschlossen. "Das wird sich nicht wiederholen. Ich rechne mit einem engen Spiel."

In den Ohren von MT-Trainer Grimm klingt die Bezeichnung "Spitzenspiel" trotz der fast schon traditionell hohen Erwartungen an seine Mannschaft noch ungewohnt. "In den vergangenen Jahren war die Mannschaft noch nicht so weit, ein Spitzenteam zu sein. Wenn man die Formkurve der letzten Spiele betrachtet, gehören wir jetzt aber dazu. Damit müssen wir erst umgehen lernen", sagt der 41-Jährige und kündigt an: "Wir fahren mit breiter Brust nach Kiel."

 (Von Merle Schaack aus den Kieler Nachrichten vom 30.10.2019, Foto: Sascha Klahn)