Die Hülle der Löwen

THW Kiel in den Medien
Freitag, 08.11.2019 // 09:39 Uhr

Mannheim. Die Siegesserie des THW Kiel ist gerissen. Die Zebras unterlagen am Donnerstagabend bei den Rhein-Neckar Löwen nach einer furiosen Anfangsphase mit 25:26 (10:13) und standen nach 60 Minuten nicht nur wegen der verlorenen zwei Punkte unter Schock. Youngster Gisli Kristjánsson musste nach der Partie mit einer schweren Verletzung der linken Schulter ins Krankenhaus gebracht werden.

Der THW Kiel unterliegt in Mannheim mit 25:26 - Schwere Verletzung von Gisli Kristjánsson

Unter Tränen wird der Isländer - begleitet von Co-Trainer Christian Sprenger - aus den Katakomben ins Uniklinikum Mannheim abtransportiert. Nach einem langen Leidensweg hatte sich der 20-Jährige in dieser Saison in den Fokus zurückgespielt. Jetzt droht ein längerer Ausfall. Kristjánssons Verletzung in der 52. Minute fällt in eine Phase, in der seine Mannschaft gerade zum zweiten Mal den Sieg in der Höhle der Löwen in der Hand hat.

Doch von Anfang an: Die SAP Arena ist in Blau-Gelb gehüllt, ausverkauft mit 13 200 Zuschauern. Und nach exakt 20 Minuten mucksmäuschenstill. Die Löwen treten ohne Steffen Fäth (krank) an und offenbaren sich auf den Halbpositionen genau so handzahm wie in den vergangenen Wochen. Niklas Landin im Kieler Tor sorgt für zusätzliche Verunsicherung, den Badenern gehen im Angriff die Lösungen, Ideen, der Mut aus. Hendrik Pekeler kann wahrscheinlich selbst kaum glauben, wie er da mit einer kurzen Finte durch die gegnerische Abwehr spazieren kann wie der Löwe durch die Antilopenherde (3:8/13.).

Uwe Gensheimer scheitert an Landin (14.), Regisseur Andy Schmid scheitert irgendwie saftlos am Kieler Block (19.), Kiel führt nach 20 Minuten mit 13:6 und scheint mit seiner Beute zu spielen. In der Hülle der Löwen steckt Harmlosigkeit, Leere, während der THW trotz eines Doppelwechsels (Horak und Wiencek in der Abwehr für Zarabec und Reinkind) aufs Tempo drückt. Was dann passiert, kann Patrick Wiencek auch Minuten nach dem Schlusspfiff "nicht begreifen". Die Löwen decken nun mit Gedeon Guardiola und Jesper Nielsen im Innenblock aggressiver, bestrafen Kieler Unkonzentriertheiten, technische Fehler. In den folgenden zehn Minuten gelingt den Gästen kein einziger Treffer mehr, die Löwen verkürzen von 6:13 auf 10:13.

Nach Wiederanpfiff bleibt der Rekordmeister anfällig, besonders über den Kreis. "Wir standen mit dem Rücken an der Wand", resümiert Löwen-Spielmacher Andy Schmid später, der im Zusammenspiel mit Jannik Kohlbacher groß auftrumpft, aufs leere Tor ausgleicht (15:15/36.), ehe Uwe Gensheimer die erste Führung der zuletzt dreimal sieglosen Mannheimer gelingt (16:15/38.). Jetzt kocht die Halle, jetzt sind die Raubtiere zurück in der anfangs so leeren Hülle der Löwen. Die Partie hat eine völlig neue Statik. Kampf um jeden Millimeter - Spitzenspiel. Patrick Groetzki wirft, Verwirrung kommt auf: War der Ball im Tor? Drüber! Es gibt Siebenmeter (19:17/43.).

Jetzt ist Gisli Kristjánsson im Spiel, deckt der THW im 3:2:1-System. Lukas Nilsson und Nikola Bilyk hatten im Rückraum nicht ganz gezündet. Der freche, flinke Isländer soll den Laden aufmischen. Dieses Spiel hat jetzt alles. Drama pur. Niclas Ekberg beim Siebenmeter: Mikael Appelgren hält und hält doch nicht, der Ball trudelt über die Linie (20:20/46.). Patrick Wiencek - eingetreten (47.). Jannik Kohlbacher - eingetreten (49.). Pekeler mit dem Steal und Tempogegenstoß und einer fehlerfreien Quote (21:22/51.). Der THW holt sich das Spiel zurück, Domagoj Duvnjak, der Kapitän, holt sich das Spiel zurück, trifft zweimal mit superfeiner Einzelleistung zum 24:22 (55.) und 25:22 (56.). Da ist Kristjánsson schon draußen, ausgerutscht, schmerzverzerrt, die linke Schulter ausgekugelt.

Drei Tore Vorsprung, vier Minuten, geht das noch schief? Es geht! Groetzki, Kohlbacher, Schmid, Gensheimer lauten die Koordinaten der finalen Phase. Stürmerfoulverdächtig wirft sich Andy Schmid nach 59 Minuten und 30 Sekunden mit allem in die Kieler Abwehr und bekommt einen Siebenmeter zugesprochen. 20 Sekunden bleiben dem THW nach Gensheimers Treffer zum 26:25. Duvnjak wirft, Appelgren hält. "Und in meinen Gedanken", sagt THW-Trainer Filip Jicha, "bin ich bei Gisli."

 (Von Tamo Schwarz aus den Kieler Nachrichten vom 08.11.2019, Foto: AS Sportfoto/ Binder)